Es ist schon viel erreicht: Die Energiewirtschaft steht bei der Transformation gut da

Unsicherheit ist Gift für die Wirtschaft. Unglücklicherweise haben wir davon gerade zu viel: Krisen und Kriege, politische Unwägbarkeiten, Inflation, Mangel an Fachkräften und Baustoffen. All das bremst Investitionen, die gleichzeitig so nötig wären, um die schwache Wirtschaft anzukurbeln. Die Politik hält dagegen: Es werden Gipfel einberufen, Konzepte publiziert und jetzt Neuwahlen angesetzt. Dabei verträgt die Energiewende keine Verzögerung. Ohne sie erreichen wir die Klimaziele nicht. Die Zukunft hängt entscheidend davon ab – nicht nur die der Wirtschaft. Das Gute ist: Über die Ziele gibt es kaum Dissens. Und auch dass sie kosteneffizienter werden muss, erfährt viel Zustimmung.

Energiewirtschaft vorne
Von allen Sektoren steht die Energiewirtschaft bei der CO2-Reduzierung am besten da. Am augenfälligsten ist der Anteil der Erneuerbaren Energien im deutschen Strommix. Er liegt bei ungefähr 60 Prozent. Mehr und mehr klimaschädliche Kraftwerke werden Dank des europäischen Emissionshandels vom Netz gehen. Die Erzeugungsseite ist auf einem guten Weg. Auch der Netzausbau, den wir brauchen, um die klimafreundliche Energie zu nutzen, hat deutlich Fahrt aufgenommen. Die Beschleunigungsgesetze von 2023 zeigen Wirkung. Sie schaffen bundesweit die Möglichkeit, Gemeinden auch an der Wertschöpfung von Windenergie- und Photovoltaik-Freiflächenanlagen zu beteiligen. Der Wärmesektor ist ein entscheidender Hebel für eine erfolgreiche Bekämpfung des Klimawandels. Insbesondere die deutschen Stadtwerke investieren in den Ausbau alternativer Energiequellen. Immer mehr Projekte im Wärmesektor stützen sich auf Erneuerbare Energien.

Wasserstoff: Es beginnt
Die Bereiche, die sich nicht sinnvoll elektrifizieren lassen, sind jetzt noch überwiegend auf Gas angewiesen. Doch auch dafür gibt es einen Plan. Er heißt Nationale Wasserstoff-Strategie und wurde gemeinsam mit allen Akteuren entwickelt. Die Fernleitungsnetzbetreiber, die das H2-Kernnetz bauen, betreiben und erweitern werden, haben von Anfang an an der Strategie mitgearbeitet. Besagter Markthochlauf stellt Anforderungen und Fragen an alle Akteure der Wertschöpfungskette sowie die zuständigen Behörden. Eine davon ist die mögliche Zahlungsbereitschaft der Letztverbraucher. Wie soll man Investitionen anreizen, wenn die Nachfrage nur schwer vorherzusagen ist? Das ist eine klassische Frage an den Regulierer, also die Bundesnetzagentur. Den Antrag der Fernleitungsnetzbetreiber auf ein Wasserstoff- Kernnetz, Zieljahr 2032, haben wir bereits genehmigt. Dieses Netz soll Erstnutzern beim Einstieg in die Wasserstoffwirtschaft die Sorgen um das Bestehen der nötigen Infrastruktur nehmen. Außerdem hat es zum Ziel, die Importrouten für Wasserstoff, den wir über unsere europäischen Nachbarstaaten beziehen müssen, anzubinden. Die zweite Stufe ist der erste integrierte Netzentwicklungsplan Gas und Wasserstoff. Er kommt 2025. In einem rollierenden Verfahren sollen die dynamischen Entwicklungen im Bereich Wasserstoff im Rahmen einer szenarienbasierten Planung Eingang finden. Dafür wurde Anfang 2024 erstmals gemeinsam eine Marktabfrage der Übertragungs- und Fernleitungsnetzbetreiber zu Wasserstoffbedarfen durchgeführt. Sie soll in die Netzberechnung, aufbauend auf dem Kernnetz, einfließen.

Staatliche Abfederung
Die wohl schwierigste Frage im Zusammenhang mit dem Markthochlauf ist die der Finanzierung. Doch auch hier gibt es etwas, das den Zuspruch aller Beteiligter findet: das Amortisationskonto. Dabei handelt es sich um eine staatliche Absicherung. In der ersten Phase werden die Netznutzungsentgelte auf ein marktfähiges Niveau begrenzt. Die Belastung der anfänglich wenigen Nutzer wird auf diese Weise nicht zu stark sein. Die Einnahmen aus Netzentgelten reichen dann natürlich zunächst nicht aus, um die Kosten der Betreiber zu decken. Der Netzbetrieb wäre nicht wirtschaftlich. Dafür springt der Staat mit einer Art Darlehen ein. Wenn dann nach einiger Zeit mehr Nutzer an das H2-Netz angeschlossen sind und die Einnahmen steigen, bleibt das Netzentgelt vorerst konstant und führt nun zu einer Überdeckung der Netzkosten. Mit diesem „Plus“ werden die Betreiber ihr Darlehen zurückzahlen. Das Risiko für die Betreiber sinkt damit stark. Das Beispiel zeigt, wie politischer Wille ein gesellschaftliches Projekt vorantreiben kann. Die Transformation muss auf allen Ebenen geschehen. Manche davon, Mobilität oder Bau, haben es schwerer. Aber wir reden hier über die Energiewirtschaft. Die Erfolge motivieren und können ein Zugpferd sein für das, was noch vor uns liegt.

Die Energiewende verträgt keine Verzögerung.

Klaus Müller,Präsident, Bundesnetzagentur

© Bundesnetzagentur

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