Versicherungsbranche plädiert für mehr Prävention und ein besseres Risikoverständnis

Die Versicherungsbranche muss sich auf viele Veränderungen einstellen und eine höhere Widerstandsfähigkeit entwickeln. Das glaubt Ergo-Deutschlandchef Oliver Willmes. Viele Einflussfaktoren wie eine sehr hohe Inflation in der Kfz- und Krankenversicherung würden die Assekuranzen auf einmal treffen. „Wir müssen in Daten und Tools investieren und eine hohe Kostendisziplin entwickeln“, sagt er auf dem Handelsblatt Summit in Düsseldorf. GDV-Expertin Anja Käfer-Rohrbach plädierte für mehr Prävention in Deutschland und Marsh-Mann Jens Florian-Jansen für ein besseres Risikoverständnis.  

Große Chancen würde laut Willmes die künstliche Intelligenz (KI) eröffnen. „Wir können nun Datenmuster erkennen, die es bisher nicht gab“, erläutert der Versicherungsmanager. Das würde neue Potenziale für die Risikoanalyse, aber auch für die Verwaltung von Verträgen schaffen. „Wenn wir Geschäftsfälle schneller erledigen, erhöhen wir den Kundenservice und können zudem diese Kostenvorteile an die Kunden weitergeben. Damit wären diese Versicherer wettbewerbsfähiger.“

Gleichzeitig schätzt Willmes, dass die Kunden künftig mehr Risiko selbst tragen müssen und der Staat für ganzheitliche Lösungen etwa bei Cyber- oder Unwetter-Schäden mit ins Boot geholt werden müsste. Als positives Beispiel nannte der Manager die Erfahrung, die die Ergo-Tochter Hestia in Polen gemacht hat. So sei nach einer verheerenden Flutkatastrophe 2011 vom Staat sehr viel in Prävention, wie Rückhaltebecken, investiert worden. Der Versicherer habe die Risikobereiche detailliert analysiert. Und das mit Erfolg. Ein ähnliches Flutunwetter im Jahr 2024 sei für alle Seiten deutlich glimpflicher ausgegangen.

Indes soll es Fortschritte in Deutschland bei der Elementarschaden-Pflichtversicherung für Wohngebäude geben. „Das, was darüber im Koalitionsvertrag steht, kann man wirklich ein Gesamtkonzept nennen“, sagte Anja Käfer-Rohrbach, stellvertretende Hauptgeschäftsführerin des Gesamtverbandes der Deutschen Versicherungswirtschaft.

Schon in der nächsten Woche will der GDV weitere Vorschläge zur ElementarschadenPflichtversicherung veröffentlichen. „Wir als Branche wollen Teil der Lösung sein“, betonte Käfer-Rohrbach. Sie rechnet damit, dass schon Anfang 2026 wesentliche Eckpunkte von der Regierung veröffentlicht werden und kurz danach ein Referentenentwurf folgen wird. Die Elementarschaden-Pflichtversicherung werde auf jeden Fall noch in dieser Legislaturperiode kommen und zu deutlichen strukturellen Veränderungen führen.

Anja Käfer-Rohrbach, stv. Hauptgeschäftsführerin GDV. Bildquelle: Handelsblatt Insurance Summit/ Foto
Vogt GmbH

Länder sollen haften

Für das Neugeschäft wird mit einer Angebotspflicht gerechnet, damit die Elementardeckung überall verfügbar ist. Zudem sollen alle Bestandsverträge zu einem Stichtag mit Elementarschutz versehen werden. Aller Wahrscheinlichkeit nach wird dies mit einer Opt-out-Lösung verbunden sein. Zudem rechnet der GDV damit, dass Extremschäden in einer staatlichen Rückversicherung für Elementarschäden aufgefangen werden. „Die Prävention in Deutschland stagniert aber immer noch“, warnte Käfer-Rohrbach. Daher sollen künftig die Länder haften, wenn sie Bauvorhaben in hochwassergefährdeten Gebieten zulassen.

Sorgen bereitet dem GDV das Risiko einer Cyber-Pandemie. Hier gäbe es immer mehr „hybride Angriffe“ von staatlicher Seite. Käfer-Rohrbach: „Hier könnte das rein privatwirtschaftliche Modell langfristig an seine Grenzen stoßen.“ Daher müsse man überlegen, wie bei großen Schadenereignissen eine Kooperation mit dem Staat funktionieren könne. Andere Staaten wären hier schon deutlich weiter als Deutschland.

Versicherungsmakler: Risiko für jedes Geschäftsmodell ermitteln

Wie die Versicherungsbranche Risiken vollkommen neu erkennen und bewerten kann, erläuterte Jens Florian-Jansen, CEO des Versicherungsmaklers Marsh Deutschland. So sei etwa die Auswirkung des Klimawandels auf das eigene Geschäftsmodell für Unternehmen eines der wichtigen Themen. „Wir haben daher etwa für die Milchwirtschaft die Entwicklung modelliert“, so Florian-Jansen. Kühe würden schon ab 20 Grad in einen Hitzestress geraten und weniger Milch geben. Und künftig würden die Temperaturen oft weit über 30 Grad steigen. Aus den Erkenntnissen des Versicherungsmaklers hätten die Unternehmen eine Vorsorge entwickelt und begonnen, größere Flächen zu beschatten und hitzebeständigeres Gras zu züchten.

Jens Florian-Jansen, CEO Marsh Deutschland

Auch die Lieferketten können internationale Versicherungsmakler in einer großen Tiefe analysieren. „Wer uns seine Tier 1-Lieferanten nennt, kann von uns die meist Tier 2-, 3- und 4-Lieferanten erfahren“, erklärte der Maklerchef. Unternehmen könnten dann die Risiken erkennen, die in ihrer Lieferkette stecken und reduzieren. Das seien angesichts der Probleme bei der Lieferung von Seltenen Erden oder der neuen US-Zollpolitik ganz aktuelle Themen. Florian-Jansen: „Das Risiko besser zu verstehen, ist Kern unserer Arbeit.“ Eine umfassende Präventionsanalyse sei für jede Branche möglich. „Den Unternehmern sind die Risiken aber heute viel präsenter. Keiner verschließt hier mehr die Augen“, so die Erfahrung des Industrieversicherungsmaklers. Vor allem starke Familienunternehmen könnten so einen Horizont von sieben bis zehn Jahren in die Zukunft entwickeln.  

EU-Kommission: Vorsorgeprodukte sollen preiswert sein

Viele neue europäische Regulierungsvorhaben sieht Dr. Helge Lach, Vorstand der Deutschen Vermögensberatung AG (DVAG), auf die Branche zukommen. So wolle die Kommission beispielsweise die Finanzbildung regulieren und habe vorgeschlagen, dass dies in Deutschland über die Gewerkschaften laufen könne. Hier machte Lach seine Skepsis zynisch deutlich, indem er darauf verwies, dass die Gewerkschaften „bekanntermaßen ein großer Freund der Kapitaldeckung und der privaten Finanzwirtschaft sind“. Sicher ist Lach auch, dass die EU-Kommission fest entschlossen ist, die RetailInvestment-Strategie umzusetzen. Dabei spiele die Auflage „Value for Money“, also eine ausreichende Werthaltigkeit von Vorsorgeprodukten, eine wesentliche Rolle.

„Die Kommission meint, wenn sie über Finanzprodukte und Value for Money spricht, dass nur dann ein Finanzprodukt werthaltig ist, wenn es ganz niedrige Kosten hat“, erläuterte Lach. Das sei der einzige Maßstab für Werthaltigkeit. Das würde für Anbieter, die viel Service bieten und komplexere Produkte vermitteln, zu Problemen führen und könnte dazu führen, dass vor allem Neobroker mit Angeboten ohne Beratung, von einer derartigen Regulierung profitieren würden.

Helge Lach, Vorstandsmitglied Deutsche Vermögensberatung. Bildquelle: Handelsblatt Insurance

Scharfe Kritik äußerte Lach an Vermittlerverbänden, die die Financial Data Access (FIDA) Verordnung positiv darstellen würden. Mit der Idee der EU-Kommission, die Kundendaten von Finanzdienstleistern, Banken, Versicherungen und Vertrieben „an die Rampe zu 02.12.25, 09:44 Versicherungsbranche plädiert für mehr Prävention und ein besseres Risikoverständnis – Versicherungswirtschaft-heute https://versicherungswirtschaft-heute.de/maerkte-und-vertrieb/2025-11-25/ergo-manager-willmes-kunden-muessen-kuenftig-mehr-risiko-selbst-tra… 5/6 stellen“, damit es mehr Wettbewerb gibt, könnte das Leben für die Branche schwerer werden. „Dann kann es passieren, dass Amazon oder Google unseren Kunden digital eine niedrig bepreiste Haushaltsversicherung ins Haus schickt“, warnte Lach. Maklerverbände, die diese Art der Regulierung begrüßten, weil sie endlich an die Kundendaten der Ausschließlichkeitsvertriebe herankommen und so Verträge abwerben könnten, würden „das große Ganze nicht sehen“.

Deutlich machte Lach zudem, dass es politischer Wille der Regierung sei, dass die Frühstartrente für Kinder kostenlos verwaltet werden soll. Hier seien sich alle Politiker einig. Lach: “Diese zehn Euro müssen brutto beim Kind und Jugendlichen ankommen.“ Der Vermittler müsste somit die Unterschrift der Eltern kostenlos abholen und die Assekuranzen den Vertrag ohne Kosten verwalten. Hier hätte die Branche wohl keine Wahl, wenn man später das Anschlussprodukt vermitteln wolle. „Wir kämpfen im Moment in Berlin darum, dass Zuzahlungen von Verwandten möglich werden und hier auch Kosten kalkuliert werden dürfen“, sagte Lach.

Bei der erwarteten Riester-Reform rechnet Lach mit einem Kostendeckel. „Leben könnte die Branche mit einem Kostendeckel für ein Standardprodukt“, erläuterte der DVAG-Vorstand. Sollte hingegen ein grundsätzlicher Kostendeckel auf allen neuen Riester-Produkten liegen, bestehe die Gefahr, dass die Produkte unattraktiv für die Branche würden. Auch hier sieht Lach die Gefahr, dass die etablierte Versicherungsbranche dann erhebliche Marktanteile an Neobroker verliert, weil diese Unternehmen ohne Beratung und Finanzierung von Altsystemen einen großen Kostenvorteil hätten.