Energiewende: Wirksamkeit von Maßnahmen zur Umsetzung von Investitionsstrategien kommunaler Energieversorger

Die Transformation der Energiewirtschaft ist eine finanzielle Mammutaufgabe. Allein für den Zeitraum 2023-2030 gehen EY und BDEW deutschlandweit von Investitionen in Höhe von 721 Mrd. € aus. Davon entfallen über 70 % auf Erzeuger, Transportnetze und das Wasserstoff-Kernnetz. Entsprechend rechnen wir damit, dass etwa 200 Mrd. € von kommunalen Energieversorgern investiert werden müssten, insbesondere für den Ausbau der Stromverteilnetze, der Wärmenetze und der Erneuerbaren. Nur hierfür würde das jährliche Investitionsniveau der Stadtwerke gegenüber den historischen Investitionen um den Faktor drei bis vier steigen. Aktuell diskutiert die Branche intensiv, inwiefern Stadtwerke über die dafür notwendige Innenfinanzierungskraft oder eine ausreichende Eigenkapitaldecke zur Aufnahme großer Fremdkapitalsummen verfügen. Eine Fremdkapitalaufnahme kann zudem durch die Notwendigkeit der Einhaltung finanzieller Covenants (Nebenabsprachen) gegenüber den bestehenden Geldgebern eingeschränkt werden. Beispielhaft wären hier Vorgaben zur Eigenkapitalquote oder dem dynamischen Verschuldungsgrad zu nennen.

Wie können kommunale Energieversorger Strategien zur Umsetzung der Energiewende aufbauen?

Zur Bestimmung der Investitionsfähigkeit kommunaler Energieversorger haben wir ein integriertes Finanzmodell für zwei fiktive Musterstadtwerke (klein/ländlich und größer/städtisch) entwickelt. Diese Musterstadtwerke verfügen jeweils über einen Commodityvertrieb und betreiben ein Stromnetz, ein Gasnetz und ein Wassernetz. Das Modell bildet neue Investitionen als Zahlungsströme ab und verknüpft diese direkt mit der Unternehmensbilanz. So wird unmittelbar ersichtlich, wie einzelne Investitionen die Bilanz verändern und ob das Unternehmen seine finanziellen Covenants einhalten kann.

Untersucht wurden drei Investitionsszenarios: Im „Basis Szenario“ erhöht sich das Investitionsvolumen gegenüber dem Status Quo ausschließlich im Stromnetz, während im „Grüne Wärme Szenario“ zusätzlich auch ein Wärmenetz gebaut wird. Im „Energiewende Szenario“ wird neben dem Ausbau des Wärmenetzes der Ausbau von Freiflächen-PV angenommen.

Für das kleinere Stadtwerk belaufen sich die Investitionen je nach Szenario auf 6 bis 17 Mio. € pro Jahr, für das größere Stadtwerk auf 18 bis 41 Mio. € pro Jahr. Im Ergebnis ist davon auszugehen, dass Stadtwerke eine Bandbreite von Maßnahmen ergreifen müssen, um solch ambitionierte Investitionsstrategien umsetzen zu können. Daher haben wir im Anschluss die Wirkung von fünf relevanten Maßnahmen zur Einhaltung der finanziellen Covenants untersucht.

Welche Finanzierungsinstrumente sind notwendig zur Einhaltung finanzieller Covenants?

Unsere Analyse zeigt, dass unsere Musterstadtwerke insbesondere die Einhaltung des dynamischen Verschuldungsgrads im Auge behalten sollten, also dem Verhältnis aus EBITDA und finanziellen Verbindlichkeiten. Entsprechend haben wir uns auf fünf Maßnahmen konzentriert, die die finanziellen Verbindlichkeiten reduzieren oder die Ertragskraft (EBITDA) steigern. Anwender:innen des integrierten Modells können untersuchen, wie sich die fünf nachfolgenden finanziellen Maßnahmen auf die Einhaltung finanzieller Covenants auswirken:

  1. Eigenkapitalerhöhung (Passivtausch)
  2. Kostensenkungsprogramme
  3. KANU 2.01
  4. Thesaurierung von Jahresüberschüssen
  5. Ausgabe von Genussrechten

Abbildung 1 zeigt die Entwicklung der Eigenkapitalquote, des Nettoverschuldungsgrades und des dynamischen Verschuldungsgrades für das Investitionsszenario „Grüne Wärme“ im kleinen Stadtwerk unter Umsetzung der zu Grunde gelegten Kombination von finanziellen Maßnahmen.

Abbildung 1: Einhaltung der Covenants im Investitionsszenario „Grüne Wärme“ (kleines/ländliches Stadtwerk)

What’s next? Weiterentwicklung und Operationalisierung des integrierten Modells

Um das integrierte Modell zu validieren und weiterzuentwickeln, organisieren wir im Frühjahr 2025 einen Workshop mit Stadtwerken im Netzwerk Trianel Connect/Trendscouting2, zu dem insbesondere die Expert:innen aus den Bereichen Finanzen und Controlling der teilnehmenden Stadtwerke eingeladen sind. Dabei können sie unter anderem das Modell ausprobieren und so ihre eigene Finanzsituation im Hinblick auf geplante Investitionspfade analysieren und alternative Investitionspfade testen. Weiterhin kann das Tool zur Kommunikation eingesetzt werden, beispielsweise mit den Anteilseignern. Im Sinne des Netzwerkgedankens von Trianel Connect/Trendscouting planen wir außerdem eine Veranstaltung, zu der Vertreter:innen der Finanzbranche eingeladen werden, um den Erfahrungsaustausch voranzuteiben.

1 KANU 2.0 betrifft die kalkulatorischen Nutzungsdauern (KANU) von Gasnetzinfrastrukturen und erlaubt es Gasnetzbetreibern, ihre Anlagen über kürzere Zeiträume abzuschreiben und degressive Abschreibungen zu nutzen. Dadurch können die Netzbetreiber Erlöse durch Netzentgelte zeitlich vorziehen.

2 Mit dem Partnerprogramm Trianel Connect können auch Stadtwerke außerhalb des Gesellschafterkreises von Trianel Teil des Trendscouting-Netzwerks werden. Das Trendscouting untersucht bereits seit 2012 für die Trianel-Gesellschafter zentrale Zukunftsthemen. Aktuell umfasst das Netzwerk über 60 Stadtwerke.