Smart LivingNEXT

Artikel aus dem Handelsblatt Journal Energiewirtschaft vom 28.08.2025

Smart zu wohnen, bedeutet längst mehr als Komfort und Technikspielerei: Es ist ein Schlüssel zur effizienteren Energienutzung und zur aktiven Reduzierung von Verbrauch und Kosten im Gebäudesektor. Heizungen regulieren sich automatisch, eine Solaranlage auf dem Dach generiert Strom, Licht reagiert auf Bewegung, und der Stromverbrauch wird per App überwacht. Doch oft bleibt der entscheidende Vorteil auf der Strecke: echte Energieeinsparungen durch intelligente Vernetzung. Mit SmartLivingNEXT entsteht nun eine Dateninfrastruktur, die sichere, vertrauenswürdige und benutzerfreundliche Smart-Living-Services ermöglicht – offen, skalierbar und auf europäische Werte ausgerichtet.

Schluss mit Insellösungen

Viele Wohngebäude verfügen heute zwar über digitale Systeme, doch diese arbeiten häufig isoliert voneinander und von der Außenwelt: Ein Smart-Meter sendet Verbrauchsdaten an die Stromversorger, intelligente Haushaltsgeräte in den Wohnungen werden über Apps gesteuert, die Gebäudeverwaltung steuert die PV-Anlage auf dem Dach und die Zentralheizung über eigene Systeme. Doch ohne eine gemeinsame technische Basis wird das Potenzial smarter Technologien für spürbare Energieeinsparungen nicht umfassend genutzt. Denn die Systeme sind nicht vernetzt, die Daten liegen nur fragmentiert vor und Geräte verschiedener Hersteller können nicht miteinander kommunizieren. Das Ergebnis: hoher Aufwand, um die Geräte zu verwalten, geringe Akzeptanz der Bewohner:innen und geringere nachhaltige Effekte. Statt effizient zusammenzuwirken, laufen smarte Geräte nebeneinanderher, ohne gemeinsam echten Mehrwert zu schaffen.

Die Wohnungswirtschaft steht hier vor einer doppelten Herausforderung: Einerseits entstehen hohe Installations- und Betriebskosten – etwa durch den Einsatz nicht kompatibler Einzellösungen. Andererseits erschwert ein weit verbreitetes Misstrauen gegenüber smarter Technik die breite Einführung digitaler Lösungen. Laut Bitkom achten 87 Prozent der Käufer smarter Geräte auf Datensicherheit und Datenschutz, 55 Prozent fühlen sich durch Smart-Home-Technik überwacht. Viele Nutzer:innen fürchten den Verlust ihrer Privatsphäre und eine missbräuchliche Nutzung ihrer Daten. Damit digitale Energiesteuerung ihre Wirkung entfalten kann, braucht es transparente Prozesse, nachvollziehbare Regeln und echte Kontrolle über die eigenen Daten.

 

Vernetzung schafft die Grundlage für intelligente Energiedienste.

Marieke RohdeLeiterin der Begleitforschung SmartLivingNEXT und Senior Beraterin bei VDI/VDE Innovation + Technik GmbH

 

Smart-Living-Dataspace: Sichere Dateninfrastruktur für digitale Energiedienste

An genau diesen Herausforderungen setzt das Technologieprogramm SmartLivingNEXT an. Es wird vom Bundesministerium für Forschung, Technologie und Raumfahrt (BMFTR) gefördert und zielt darauf ab, digitale Insellösungen im Gebäudesektor zu überwinden. Im Zentrum steht der Smart-Living-Dataspace – ein offener, KI-unterstützter Datenraum für den Smart-Living- Markt. Er stellt eine sichere, vertrauenswürdige und benutzerfreundliche Infrastruktur für digitale Smart-Living-Services bereit.

Der Smart-Living-Dataspace ist modular aufgebaut und folgt europäischen Standards wie Gaia-X. Er wird als flexibler technischer Bauplan (Blueprint) bereitgestellt, den Anbieter:innen auf einer zentralen Plattform nutzen oder in ihre eigene IT-Umgebung integrieren können. Die Daten bleiben dabei dezentral gespeichert und unter Kontrolle derjenigen, die sie erzeugen. Der Zugriff erfolgt nur bei berechtigtem Bedarf – nachvollziehbar und souverän geregelt. So entsteht eine gemeinsame Datenbasis, über die Smart-Living-Systeme sicher miteinander kommunizieren können – unabhängig vom Hersteller. Energieverbrauchsmuster, Wetterdaten oder Strompreissignale lassen sich auf dieser Basis flexibel kombinieren, um z.B. bei angekündigtem Sonnenschein die Heizung automatisch zu drosseln oder Haushaltsgeräte so zu steuern, dass sie bevorzugt mit selbst erzeugtem Solarstrom arbeiten.

FAME4ME: Nutzer:innenfreundliche KI-Services für Energiemanagement

Welches Potenzial im Energiebereich durch solche vernetzten Datenstrukturen entsteht, zeigt das Projekt FAME4ME im Rahmen von SmartLivingNEXT. Hier erhalten Anwender:innen – insbesondere wenn sie dynamische Stromtarife beziehen – Zugang zu intelligenten Energiemanagement-Diensten. Über eine App lassen sich Prognosen zur Stromerzeugung und zum Verbrauch, aktuelle Preissignale oder Handlungsempfehlungen einsehen.

Die zugrunde liegende KI verarbeitet Daten aus zahlreichen Quellen: Smart-Meter, Wetterdienste, Tarifinformationen oder Nutzerpräferenzen. Der Smart-Living-Dataspace macht den sicheren und herstellerunabhängigen Datenaustausch möglich. So können Energieversorger und Dienstleister neue Produkte entwickeln – etwa individuell zugeschnittene Tarife, intelligente Verbrauchssteuerung oder digitale Zwillinge zur Simulation von Stromnutzungsszenarien.

 

Ohne eine gemeinsame technische Basis wird das Potenzial smarter Technologien für spürbare Energieeinsparungen nicht umfassend genutzt.

Marieke RohdeLeiterin der Begleitforschung SmartLivingNEXT und Senior Beraterin bei VDI/VDE Innovation + Technik GmbH

 

COMET: Nutzerkontrolle als Schlüssel für Vertrauen

Doch selbst die beste Technologie hilft wenig, wenn Menschen ihr nicht vertrauen. Das Projekt COMET löst das Problem der Datenmonopolisierung, indem es den Anwender:innen ermöglicht, transparent und eigenständig über die Verwendung ihrer Daten zu entscheiden. Mit COMET Connect können sie beispielsweise gezielt Energiedaten freigeben, die sicher in den SmartLiving-NEXT-Datenraum eingespeist werden. Der COMET Personal Data Market gibt volle Kontrolle darüber, wer auf diese Daten zugreifen darf. Durch die Bereitstellung helfen die Anwender:innen, innovative KI-basierte Services zu entwickeln und profitieren dann von einer gezielten Energieberatung der Service-Anbieter. COMET stärkt so die Attraktivität und Nachhaltigkeit des gesamten SmartLivingNEXT-Datenraums und fördert einen verantwortungsvollen Umgang mit Daten, von dem alle Seiten profitieren.

Ausblick: Ein Betriebssystem für den gesamten Alltag

Nicht nur für das Energiemanagement liefert der Smart-Living-Dataspace Mehrwert. Auch in anderen Bereichen lassen sich vernetzte Daten gezielt nutzen. Ein Beispiel dafür ist das SmartLivingNEXT-Projekt DuITeasy, in dem digitale Assistenzsysteme für Energieeffizienz, Komfort und Sicherheit im Alltag mit einem System zur digitalen Unterstützung der Pflege nahtlos integriert werden. Vernetzte Sensoren, KI-gestützte Systeme und der SmartLivingNEXT-Datenraum ermöglichen zum einen vorausschauenden Hitzeschutz und adaptive Heizungssteuerung – zum anderen kann ein KI-Dienst aus den Energieverbrauchsdaten aber auch einen medizinischen Notfall erkennen und melden. Nutzer:innen profitieren von einem modularen, intuitiven System, das ihnen Sicherheit, Komfort, Gesundheit und Autonomie bietet – immer mit einem klaren Fokus auf Datenschutz.

Digitale Transformation gemeinsam gestalten

SmartLivingNEXT zeigt, wie digitale Energiedienste und smarte Alltagsunterstützung auf einer gemeinsamen, offenen Infrastruktur realisiert werden können – sicher, souverän und nutzer:innenfreundlich. Grundlage sind dabei die europäischen Gaia-X-Prinzipien für Interoperabilität, Transparenz und Datenhoheit. Für Anwender:innen bedeutet das: mehr Kontrolle, neue Services und konkrete Mehrwerte im Alltag. Für Unternehmen: neue Märkte, geringere Komplexität und reduzierte Kosten. Für Politik und Wohnungswirtschaft: eine umsetzbare Perspektive für den klimaneutralen Gebäudebestand.

Mit dem Smart-Living-Dataspace entsteht ein technologisches Fundament, auf dem Smart-Living-Lösungen skalierbar, offen und wirtschaftlich tragfähig entwickelt werden können – mit dem Ziel, nachhaltige Lebens- und Wohnumgebungen in Deutschland und Europa Wirklichkeit werden zu lassen.

Bild: © VDI/VDE-IT

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