Regulierung, Förderung, Infrastruktur – Rahmen für einen erfolgreichen Wasserstoff-Hochlauf

Bringen uns Moleküle oder Elektronen zur Klimaneutralität? Wir brauchen beides – Wasserstoff und Elektrifizierung – um Deutschland zu dekarbonisieren. Und als Drittes einen effizienten Umgang mit Energie. Was Moleküle und Elektronen verbindet, ist das Ziel, sie perspektivisch aus erneuerbaren Quellen und damit klimaneutral herzustellen. Die Bundesregierung verfolgt das klare Ziel einer zuverlässigen Versorgung Deutschlands mit grünem Wasserstoff. Gleichzeitig ist zu berücksichtigen, dass grüner Wasserstoff nicht früh genug in ausreichenden Mengen und zu wettbewerbsfähigen Preisen vorhanden sein wird. Daher setzen wir auch auf kohlenstoffarmen, d.h. blauen Wasserstoff.

Wasserstoff: Potenziale sachgerecht entwickeln
Wasserstoff hat viele Vorteile. Er ist leicht, hat eine hohe Energiedichte, lässt sich gut speichern und transportieren – und kann klimaneutral erzeugt werden. Aber Wasserstoff ist kein Wundermittel der Energiewende, sondern viel mehr eines, das es zunächst gezielt einzusetzen gilt. Wasserstoff kommt auf der Erde nicht in ausreichenden Quantitäten natürlich vor – er muss erzeugt werden, was viel erneuerbare Energie braucht. Die Erneuerbaren in Deutschland reichen dafür nicht aus. Wasserstoff muss in großem Maße importiert werden, bis 2030 schätzungsweise bis zu 50–70 Prozent, um den Bedarf hierzulande – 95–130 TWh H2 in 2030, 360–500 TWh H2 und 200 TWh H2-Derivate in 2045 – zu decken. Wir sollten Wasserstoff daher nur dort einsetzen, wo es keine günstigere oder effizientere Alternative gibt. Das betrifft vor allem Industrien, in denen keine direkte Elektrifizierung möglich ist, wie Eisen- und Stahlwerke, oder Unternehmen, in denen Wasserstoff stofflich genutzt wird, beispielsweise in der Chemieindustrie oder Raffinerien. Wasserstoff hat auch großes Potenzial in ausgewählten Bereichen der Wärmeerzeugung und im Verkehrssektor. Und er kann mit seinen Transport- und Speichereigenschaften entscheidend dazu beitragen, die Versorgung mit Strom aus Erneuerbaren zu stabilisieren.

Rolle des Staates: (vorübergehendes) Marktversagen beheben
Wasserstoff ist nicht nur eine vielversprechende Zukunftstechnologie; er ist industriepolitisch entscheidend, um energieintensive Unternehmen für die fossilfreie Zukunft bereit zu machen. Der Wasserstoff-Markt ist vollkommen neu und entsteht gerade erst. Natürlich gibt es damit verbundene Unsicherheiten und großen Investitionsbedarf. Für einen erfolgreichen Wasserstoff-Hochlauf braucht es Dreierlei: einen verlässlichen Regulierungsrahmen, effektive Förderinstrumente und eine leistungsfähige Infrastruktur. Bei allen drei Bereichen ist der Staat zumindest anfangs gefragt – nicht allein, sondern als Partner der Wirtschaft. Ein geeigneter regulatorischer Rahmen, wie Quoten und CO2-Bepreisung, schafft für Unternehmen Planbarkeit und Anreize, in emissionsfreie Prozesse zu investieren. Mit gezielter Förderung – zu nennen sind hier insbesondere Klimaschutzverträge – können Transformationsprozesse angestoßen und Wasserstoff-Anwendungen markfähig gemacht werden. Eine leistungsfähige Infrastruktur sorgt dafür, dass Wasserstoff dorthin kommt, wo er gebraucht wird. Das Finanzierungsmodell des Kernnetzes ist ein gutes Beispiel für eine kluge staatliche Regelung. Mit dem staatlich abgesicherten intertemporalen Kostenausgleich über ein Amortisationskonto gelingt es, notwendige privatwirtschaftliche Großinvestitionen und gleichzeitig gedeckelte Netzentgelte für die H2-Nutzer zu ermöglichen. Damit ist auch der Aufbau der nötigen Infrastruktur gesichert.

Wohlgemerkt: staatliche Eingriffe sollen nur so lange erfolgen, wie es Marktversagen gibt – also nur, solange sie wirklich notwendig sind.

Segel für Wasserstoff-Hochlauf gesetzt
In den vergangenen zwei Jahren haben wir viel erreicht. Mit zwei Änderungen des Energiewirtschaftsgesetzes haben wir das Wasserstoff-Kernnetz entscheidend in Fahrt gebracht. Damit überwinden wir das Henne-Ei-Problem und verbinden Erzeuger, Importeure und Abnehmer. Nach Genehmigung des Kernnetzes durch die Bundesnetzagentur kann ab Herbst die Realisierung beginnen. Mit der nunmehr vorliegenden Importstrategie sorgen wir dafür, dass die Leitungen auch tatsächlich mit Wasserstoff gefüllt werden. Die Bandbreite der Förderinstrumente wird mit Klimaschutzverträgen, Auktionen von H2 Global, IPCEI und der Kraftwerksstrategie gleichzeitig größer und noch passgenauer.

Damit stimulieren wir gezielt den Hochlauf auf Angebots- und Nachfrageseite. Auch die Erneuerbare-Energien-Richtlinie RED-III mit verbindlichen Wasserstoff-Industriezielen, der Delegierte Rechtsakt für kohlenstoffarmen Wasserstoff und die CO2-Bepreisung im ETS tragen dazu bei.

Noch einiges „in der Pipeline“
Richtig ist, dass dennoch einiges mehr getan werden muss, um den Hochlauf der H2-Wirtschaft zu beschleunigen. Dabei ist eine enge Abstimmung mit den Marktakteuren zentral. Das im Mai im Kabinett beschlossene Wasserstoffbeschleunigungsgesetz wird weitere Dynamik in den Infrastrukturaufbau bringen. Außerdem arbeiten wir an der Umsetzung des EU Gas- und H2-Binnenmarktpakets, einem neuen Ordnungsrahmen für die Gasverteilnetze sowie an einer Speicherstrategie. Die Umsetzung des Kernnetzes bis zum Zieljahr 2032 wird eine wichtige Basis schaffen, aber nicht die Endstufe der Wasserstoff-Infrastruktur sein. Mit der bereits begonnen integrierten Netzentwicklungsplanung Gas/Wasserstoff entwickeln wir das Wasserstoffnetz gezielt bedarfsorientiert weiter – weil im entstehenden Markt weitere Erzeuger und Abnehmer verbunden werden müssen. Zum Aufbau resilienter und diversifizierter Importkorridore kooperieren wir intensiv mit Partnerländern. Insgesamt schaffen wir so Sicherheit für Investitionen und entfachen Marktdynamik. ■

Wasserstoff ist kein Wundermittel der Energiewende, sondern viel mehr eines, das es zunächst gezielt einzusetzen gilt.

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Dieser Artikel ist im aktuellen Handelsblatt Journal „ENERGIEWIRTSCHAFT“ erschienen. Das vollständige Journal können Sie sich hier kostenlos herunterladen:
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