Die Finanzaufsicht BaFin stellt 2025 Klimarisiken für den Finanzsektor in den Blickpunkt. Auch bei der Kreditvergabe spielen Risiken aus den Bereichen Umwelt, Soziales und Unternehmensführung eine zunehmend wichtige Rolle. Unternehmen, die diese Risiken nicht bewerten oder steuern können, laufen Gefahr, keinen Kredit zu erhalten oder ihn nur zu ungünstigeren Konditionen zu bekommen.
Der Finanzsektor nimmt dabei eine Schlüsselrolle ein: Banken und Kapitalgeber entscheiden zunehmend darüber, welche Projekte und Geschäftsmodelle zukunftsfähig sind – und welche nicht. In Europa haben die Europäische Zentralbank (EZB) und die Europäische Bankenaufsichtsbehörde (EBA) klare Leitlinien entwickelt, um ESG-Risiken fest in die Kreditvergabe und Kapitalplanung zu integrieren. Diese Vorgaben verändern nicht nur die Finanzierungslandschaft, sondern fordern auch Unternehmen heraus, ihre Strategien anzupassen, um weiterhin wettbewerbsfähig zu bleiben. „Letztlich erhöhen ESG-Risiken die Wahrscheinlichkeit von Kreditausfällen. Deshalb werden sie in der Kreditprüfung immer stärker berücksichtigt“, erklärt Jürgen Franz, Fachleiter Strategische Risikosteuerung bei der Deutschen Leasing.
Umweltgefahren können die Existenz von Unternehmen bedrohen
Ein Beispiel für ein ESG-Risiko ist ein Unternehmen, dessen Produktionsanlagen in einem hochwassergefährdeten Gebiet liegen. „Bei der Kreditprüfung wird geprüft, ob dieses Unternehmen über eine Elementar- oder Betriebsunterbrechungsversicherung verfügt, um Produktionsausfälle abzusichern“, erläutert Saskia Brüggemann, Leiterin Team Nachhaltigkeit der Deutschen Leasing. Fehlt eine solche Absicherung, kann dies im Ernstfall die Existenz des Unternehmens gefährden – und das Risiko für Kreditausfälle erhöhen. Viele Banken haben Nachhaltigkeitskriterien für die Kreditvergabe definiert und schließen bestimmte Branchen oder Aktivitäten aus – etwa Investitionen in die Förderung von Kohle, Öl oder Gas. Neben klassischen ökologischen Kriterien wie der Abholzung von Regenwäldern oder der Produktion umweltschädlicher Chemikalien können auch Verstöße gegen Menschenrechte oder Arbeitsrechte zu einem Kreditausschluss führen – ebenso wie Korruption oder Geldwäsche. In der Praxis nutzen Banken häufig ESG-Scores, um die Nachhaltigkeitsrisiken eines Unternehmens oder einer Branche besser bewerten zu können.
Ein ESG-Score ist ein Maßstab, der die Anfälligkeit eines Unternehmens gegenüber Nachhaltigkeitsrisiken bewertet. Die Bewertung erfolgt anhand standardisierter Kriterien und umfasst Aspekte wie Umweltrisiken sowie unzureichende soziale Verantwortungsübernahme oder auch Schwächen in der Unternehmensführung. Ein guter ESG-Score signalisiert, dass solche Risikotreiber für den Kunden keine erhöhte Gefahr darstellen, was für Banken und Investoren daher eine wichtige Entscheidungsgrundlage ist.
Große Unternehmen haben ESG-Risiken stärker im Blick
Laut einer Studie der Frankfurt School of Finance & Management, des Datenmanagementspezialisten OpenESG sowie des Datendienstleisters PPA achten insbesondere größere Banken zunehmend auf Klima- und Umweltrisiken bei der Kreditvergabe. Bei 52 % dieser Institute gehört es zum Standard, Unternehmen auf ESG-Risiken zu prüfen. Unternehmen, die bereits einen Nachhaltigkeitsbericht erstellen, haben ESG-Themen meist stärker in ihre Strategie integriert. Die Studie zeigt, dass bei diesen Unternehmen bereits 40 % der Kreditentscheidungen durch ESG-Faktoren beeinflusst werden. Bei kleinen und mittelständischen Unternehmen (KMU), die ihre ESG-Daten noch nicht veröffentlichen, trifft dies erst auf durchschnittlich 25 % der Kreditentscheidungen zu. Das liegt in erster Linie daran, dass kleinere Unternehmen weniger Daten für die Beurteilung von ESG-Risiken erheben.
Es ist wichtig, ESG-Risiken zu kennen und aktiv zu steuern
„Unternehmen sollten ESG-Themen frühzeitig angehen – auch wenn sie noch nicht der Nachhaltigkeits-Reporting-Pflicht unterliegen“, rät Brüggemann. „Wichtig ist, dass sie ihre ESG-Risiken kennen, analysieren und aktiv steuern.“ Denn klar ist: Unternehmen, die ökologische oder soziale Standards missachten, werden es künftig deutlich schwerer haben, Finanzierungen zu erhalten.
Ebenso können Verstöße gegen bewährte Governance-Prinzipien, etwa durch mangelnde Transparenz oder fragwürdige ethische Entscheidungen, die Kreditwürdigkeit eines Unternehmens erheblich beeinträchtigen. Wer hingegen frühzeitig handelt und ESG-Aspekte aktiv in seine Strategie integriert, stärkt nicht nur seine Position bei Banken, sondern auch seine langfristige Wettbewerbsfähigkeit.