Herr Dr. Gujer, es heißt: Die Krebsforschung boomt. Wo stehen wir heute bei der Bekämpfung von Tumorerkrankungen?
Lassen Sie mich das an einem Beispiel erläutern: Es ist kaum 15 Jahre her, da wurden weltweit erstmals Blutkrebspatient: innen im Rahmen von klinischen Studien mit der CAR-T-Zelltherapie behandelt. Dahinter steckt die Idee, die Kraft des menschlichen Immunsystems zu nutzen, um Krebszellen zu eliminieren – und zwar jene Krebszellen, die das System bisher unerkannt hat entkommen lassen. Dazu wird den Betroffenen Blut abgenommen, die darin enthaltenen T-Zellen im Labor gentechnisch bearbeitet, damit sie, wenn das Blut später wieder zurückgegeben wird, in der Lage sind, Krebszellen als eine Art lebendes Medikament zu bekämpfen. Die Ergebnisse? Beindruckend. Wir sprechen hier von Menschen, die austherapiert waren; im Schnitt eine Lebenserwartung von Monaten hatten. Die CAR-T-Technologie hat ihnen neue Perspektiven geboten. Wir sind dem Ziel, Krebs entschieden zurückzudrängen, wieder ein Schritt nähergekommen.
Das klingt wie Science-Fiction …
… und ist doch erst der Anfang: Aktuell sind mehrere CAR-T-Zelltherapien für verschiedene Blutkrebserkrankungen zugelassen. Das Verfahren wird aktuell auch bei soliden Tumoren erprobt. Und auch für andere schwere Erkrankungen könnten diese personalisierten Einmalbehandlungen erfolgreich sein: Es gibt Forschungsergebnisse, z. B. bei der Behandlung des systemischen Lupus erythematodes, einer schweren Autoimmunerkrankung.
Sind wir in Deutschland richtig aufgestellt, um eine Innovation wie CAR T so voranzutreiben, dass Patienten bestmöglich davon profitieren können?
Wir haben hervorragend ausgebildete Forscher in der Wissenschaft und in unseren Unternehmen, die diese Innovation vorantreiben. Allerdings brauchen forschende Pharmafirmen langfristige Rahmenbedingungen und ein System, das Innovationen honoriert. Hier sehe ich Verbesserungspotenzial.
Deutschland ist bei klinischen Studien im internationalen Vergleich zurückgefallen.
Das stimmt leider. Laut aktueller Zahlen steht die ehemalige Apotheke der Welt bei der Zahl klinischer Studien nur noch auf Platz sieben, weit hinter den USA und China. Im Bereich der innovativen Zell- und Gentherapien laufen nur weniger als fünf Prozent der Studien an deutschen Zentren. Das Problem ist, dass wir wegen administrativer Hürden oftmals zu langsam sind und klinische Studien in andere Länder abwandern. Das ist ungünstig für Patienten und den Forschungsstandort. Das hat zum Glück auch die Bundesregierung erkannt und mit ihrer Pharma-Strategie und dem Medizinforschungsgesetz die ersten Weichen gestellt, um gerade bei der klinischen Forschung wieder wettbewerbsfähiger zu werden.
Reichen die Rahmenbedingungen aus, um international wieder ganz vorne mitzuspielen?
Vermutlich nein. Wir müssen mehr ökonomische Anreize setzen, um Innovationen zu belohnen. Das System der Nutzenbewertung von neuen Arzneimitteln – in Deutschland das AMNOG – stellt sicher, dass die Erstattungsbedingungen für Arzneimittel ihrem Innovationsgrad entsprechen. Gerade bei CAR-T-Therapien gibt es hier Verbesserungspotenzial. Denn die klassischen Bewertungsmethoden stoßen gerade bei Einmaltherapien wie Gen- und Zelltherapien oft an ihre Grenzen. Eine Modernisierung des AMNOG wäre hier dringend geboten. Dies erfordert unter anderem mehr Flexibilität bei klinischen Studiendesigns und die Akzeptanz von international anerkannten Studien-Endpunkten wie etwa dem progression-free survival (PFS) als patientenrelevant.
Hoffen Sie hier auch auf die Nationale Gen- und Zelltherapiestrategie?
Definitiv. Es freut mich, dass unser Appell, die Regularien zukunftsfit zu machen, Bestandteil dieses breiten gesellschaftlichen Strategiepapiers sind, das im Sommer der Bundesregierung übergeben wurde. Wir müssen im Dialog mit den politischen Akteuren weitere Lösungen erarbeiten, damit Innovationen ihre volle Kraft in Deutschland entfalten können. Denn mit Krebsforschung können wir Zukunft schaffen – für die Menschen, die auf Arzneimittel angewiesen sind, für den Innovationsstandort und ganz allgemein für den Wohlstand dieses Landes.
Weitere Informationen zu Bristol Myers Squibb in Deutschland:


© Darren Jacklin für Bristol Myers Squibb
Artikel aus dem Handelsblatt Journal How to future Health vom 05.11.2024