Finanzierungsdruck erfordert neue Wege

Wie Stadtwerke die Energiewende finanzieren können

Als in diesem Sommer die deutschen Stadtwerke ihre Jahresbilanzen vorgelegt haben, waren die für die Zukunft notwendigen massiven Investitionen in die Energie- und Mobilitätswende ein beherrschendes Thema. Darüber, woher die Ressourcen für diesen nicht nur monetär gewaltigen Kraftakt kommen sollen, herrscht bei den rund 1.000 Playern teils noch Ratlosigkeit. Für kommunale Stadtwerke ist die Lage neu und kompliziert: Sie können angesichts der Summen – insgesamt 600 Milliarden Euro kostet die Energiewende allein bis 2030 – nicht mehr auf eine ausschließliche Fremdfinanzierung wie zum Beispiel Bankenkredite setzen. Diese würde zentrale Finanzierungskenngrößen wie Eigenkapitalquote und dynamischen Verschuldungsgrad schon in wenigen Jahren aushebeln. Wenn also die klassischen, stark bankenorientierten Finanzierungsinstrumentarien nicht mehr ausreichen – was tritt an ihre Stelle? Staatliche Investitionshilfen und -fonds sind hilfreich, aber angesichts der angespannten Haushaltslage bei weitem nicht üppig genug, um den immensen Bedarf zu decken. Ein Beispiel aus Münster: Für die Dekarbonisierung der Fernwärme werden wir im kommenden Winter das Potenzial für Tiefengeothermie auf dem Stadtgebiet konkretisieren und eine 3-D-Seismik des Untergrunds durchführen. Für das Vorhaben stellt das Land NRW eine großzügige Förderung zur Verfügung und übernimmt mit 5,77 Millionen Euro etwa die Hälfte der Kosten. Doch wie sieht es mit der Absicherung der weiteren Risiken auf dem Weg zu einem Geothermie-Heizwerk für Münster aus? Hier lauern für Projektentwickler immense finanzielle Risiken, die das Land trotz großer Unterstützungsbereitschaft in der aktuellen Haushaltslage höchstens anteilig ausgleichen kann. Für das so genannte Fündigkeitsrisiko – also das Fehlschlagen einer Tiefenbohrung – sieht der Masterplan Geothermie NRW eine Maximalförderung von 45 Prozent der zuwendungsfähigen Ausgaben für die erste von zwei notwendigen Bohrungen und einen Höchstbetrag von 10 Mio. Euro vor. Für das münstersche Vorhaben könnte dies im Worst Case zu einem Schaden in Höhe von rund 10 Mio. Euro führen. Zur Einordnung: Etwa diese Summe erwirtschaften die Stadtwerke Münster jährlich. Ein Jahresergebnis wäre im schlimmsten Fall wortwörtlich im Boden versenkt – mit entsprechenden Konsequenzen für die Gewinnausschüttung und Eigenkapitalquote. Die Hoffnung von Projektentwicklern und Landesregierung ruhen deshalb auf einer ergänzenden Absicherung des Bundes.

Stadtwerke sind gefragt, sich selbst zu helfen
Stadtwerke können sich also weder allein auf bewährte Finanzierungspraktiken verlassen noch ihre Hoffnungen auf eine alleinige Finanzierung der Energiewende durch staatliche Förderung setzen. Sicherlich sind verlässliche, unterstützende politische Rahmenbedingungen und Fördermaßnahmen wie der von Branchenverbänden vorgeschlagene Energiewende-Fonds mehr als nice to have. Doch auch in den Führungsetagen von Stadtwerken und Kommunen müssen zusätzliche, neue Wege der Strategiefinanzierung beschritten werden. Angesichts dieser Lage sind Stadtwerke gefragt, sich selbst zu helfen und eigene Lösungen für Investitionsherausforderungen zu finden. Dabei können sie auf vorhandene Stärken und Erfahrungen aufbauen, die vor allem im Infrastrukturmanagement liegen. Gleichzeitig sind sie gefordert, über den Hausbankkredit hinaus vor allem Finanzierungs-Know-how aufzubauen. Bei allen Überlegungen gilt für uns Stadtwerke: Wir sind kommunale Unternehmen, wir gehören – zumindest in vielen Fällen – den Bürgerinnen und Bürgern und das prägt unsere Identität. Das Vertrauen unserer Stakeholder ist ein hohes Gut, das es zu bewahren gilt.

Private Investoren in der Stadtwerke-Welt?!
In Münster kombinieren wir bewährte Finanzierungsmodelle mit solchen, die für die Stadtwerke-Welt neu sind. Mit Palladio Partners haben wir zum Beispiel einen strategischen Finanzpartner mit einem signifikanten Eigenkapitalanteil am Ausbau des Glasfasernetzes beteiligt und hier gemeinsam Pionierarbeit geleistet. Die Partnerschaft ist deswegen so erfolgsversprechend, weil alle Beteiligten ihr spezifisches Know-how mitbringen. Als Stadtwerke mit einer Netzbetreibertochter „können“ wir Infrastruktur und kennen uns vor Ort aus. Palladio bringt das Kapital institutioneller Anleger aus Deutschland, Know-how im Glasfaserausbau und ein passendes Marktverständnis für Infrastruktur-Investments mit. In Münster ist Palladio Partners über einen Infrastrukturfonds mit 30 Prozent an der Glasfaser-Projektgesellschaft der Stadtwerke Münster beteiligt. Unter den Investoren des Fonds befinden sich auch zwei Kapitalanleger aus Münster: die LVM-Versicherung und die Ärzteversorgung Westfalen-Lippe. Da die Stadtwerke Münster die weiteren 70 Prozent an der gemeinsamen Glasfasergesellschaft selbst halten, ist garantiert, dass das Netz langfristig in kommunaler Hand bleibt.

Spezifische Erfolgskriterien für die Zusammenarbeit mit Investoren
Unsere Zusammenarbeit mit Palladio zeigt beispielhaft, dass für eine erfolgreiche Zusammenarbeit von Stadtwerken und privaten Investoren eigene Kriterien gelten, um einige zu nennen:

  • Die Zusammenarbeit trägt langfristig: Die Energiewende ist vor allem eine Infrastrukturwende. Deshalb ist es wichtig, Partner zu finden, die an langfristigen Investitionen interessiert sind. Mit einem Wechsel eines Investors wären ein hoher Aufwand und ein hohes Risiko verbunden. Das bedeutet auch, dass der Investor nicht auf „schnelle Renditen“ aus sein sollte, sondern sich committet, das Geschäft langfristig profitabel mitzugestalten.
  • Beteiligungen erfolgen in eigenen Gesellschaften mit einem klar definierten Unternehmenszweck, nicht auf der Konzern-Ebene. Dieses Konstrukt hilft dabei, die Sorgen vor Privatisierung  kommunalen Tafelsilbers bei Stakeholdern und Öffentlichkeit zu zerstreuen.
  • Die kommunale Mutter behält ihren Einfluss: Dort, wo Städte und Kommunen alleinige  Gesellschafter sind, haben sie den Anspruch, Entscheidungen weiterhin vorrangig in der Hand ihres Stadtwerks und damit im unmittelbaren kommunalen Einfluss zu belassen. In Münster wurden klare Festlegungen zur Corporate Governance vereinbart, die beispielsweise ein Vorkaufsrecht nach Ablauf der vertraglich festgelegten Dauer der Partnerschaft regeln.
  • Klarheit über den gemeinsamen Weg: Für Joint Ventures zwischen kommunalen Unternehmen und privaten Equity-Investoren kommt es darauf an, die Zusammenarbeit mit klaren gemeinsamen Zielen und Erwartungen zu gestalten, da das Geschäft üblicherweise über einen längeren Zeitraum gemeinsam entwickelt werden soll. Hierbei hilft ein leistungsfähiges, regelmäßiges Fortschrittsreporting zu den gemeinsam entwickelten strategischen Key Performance Indicators (KPI).

Finanzierung ganzheitlich gedacht
Damit eine ganzheitliche Finanzierungsstrategie nicht nur in der Theorie entsteht, sondern auch in der Praxis wirksam wird, braucht es einen langfristig orientierten Zeitplan, der bereits sämtliche Finanzierungskomponenten in ihrem Zusammenspiel vorausschauend abbildet. In Münster wird zur nachhaltigen Kapitalbeschaffung für ökologische und soziale Investitionen seit 2022 das Instrument des Green Bond genutzt. Über nachrangige Gesellschafterdarlehen können kommunale Mütter ihren Töchtern zu Kapital verhelfen, ohne den eigenen kommunalen Haushalt zu belasten, wie es bei einer direkten Eigenkapitalstärkung der Fall ist. So hat die Stadt Münster im Rahmen ihrer Nachhaltigkeitsstrategie im Mai 2024 bereits einen zweiten Green Bond erfolgreich am Markt platziert. Die Mittel fließen in nachhaltige Vorhaben der kommunalen Tochter, unter anderem in Glasfaserausbau, Solarthermie und
Elektrobusse. Weiteres Mezzanine-Kapital können private Anleger in die Kassen bringen, beispielsweise über Genussscheine und Bürgerbeteiligungen. Für eigene Windenergie- und Photovoltaikprojekte haben wir Bürgerinnen und Bürgern die Gelegenheit gegeben, sich über Nachrangdarlehen an Erneuerbaren-Energie-Anlagen zu beteiligen. So konnten wir nicht nur erfolgreich Mittel einwerben, sondern auch die Akzeptanz für neue Anlagenvorhaben in der Öffentlichkeit erhöhen, weil sie von ihrem Erfolg unmittelbar finanziell profitieren. Solche vorhabenbezogen eingesetzten Instrumente können eine Stadtwerke-Finanzierungsstrategie jedoch allenfalls komplettieren, aber nicht allein tragen. Für die Finanzierung der Herausforderungen braucht es von Stadtwerken also einen neuen, intelligenten Mix aus dem finanzwirtschaftlichen Instrumentenkoffer, eine langfristige Perspektive für die Gestaltung der strategischen Liquiditätsbedarfe und eine sorgfältig aufeinander abgestimmte Strukturierung der jeweiligen Finanzierungsbausteine. Doch schon jetzt zeigt sich, wenn die Branche auch in Fragen der Finanzierung Kreativität und eine Portion Mut zum Verlassen eingetretener Pfade beweist, werden wir in den Stadtwerke-Bilanzen der kommenden Jahre viele spannende neue Lösungswege für die Finanzierung der Energie- und Mobilitätswende kennenlernen. ■

In den Führungsetagen von Stadtwerken und Kommunen müssen zusätzliche, neue Wege der trategiefinanzierung beschritten werden.

Das aktuelle Handelsblatt Journal
Dieser Artikel ist im aktuellen Handelsblatt Journal „ENERGIEWIRTSCHAFT“ erschienen. Das vollständige Journal können Sie sich hier kostenlos herunterladen:
Zum Journal