Europas digitale Souveränität entscheidet sich im Zahlungsverkehr

Artikel aus dem Handelsblatt Journal Banking 2025 vom 03.09.2025

Warum wir jetzt in europäische Zahlungssysteme investieren müssen

Europa ringt um seine digitale Zukunft: Resilienz, Unabhängigkeit, Souveränität – diese Begriffe prägen die politische Agenda unserer Zeit. Von Lieferketten über Energieversorgung bis hin zur Dateninfrastruktur: Überall suchen wir nach mehr Eigenständigkeit. Die Lehren der vergangenen Jahre sind eindeutig. Pandemiebedingte Engpässe, geopolitische Verwerfungen und politische Sanktionen haben schmerzhaft gezeigt, wie schnell strategische Abhängigkeiten zu konkreten Risiken werden – ökonomisch, technologisch und sicherheitspolitisch. Doch ein Bereich, der für unsere wirtschaftliche Handlungsfähigkeit von zentraler Bedeutung ist, erhält bislang nicht die strategische Aufmerksamkeit, die er verdient: der Zahlungsverkehr.

Resilienz als strategische Notwendigkeit

Jede Zahlung schließt ein Geschäft ab. Ohne funktionierende Zahlungssysteme steht die Realwirtschaft still. Wie glaubwürdig ist unsere Souveränität, wenn wir nicht einmal über unsere täglichen Zahlungsströme selbst bestimmen können? Wie handlungsfähig sind wir, wenn Kartenzahlungen, E-Commerce-Transaktionen und Zahlungsdaten in den Händen von Drittstaaten liegen? Zwar arbeitet die Europäische Zentralbank an der Einführung eines digitalen Euros – ein wichtiger Baustein, wenn er richtig ausgestaltet wird. Doch er kommt zu spät, um Europas digitale Souveränität im Zahlungsverkehr umfassend zu sichern. Wir brauchen jetzt schnell verfügbare Lösungen. Denn die Realität ist unbequem: Wir überlassen einen der strategisch wichtigsten Bereiche unserer Wirtschaft externen Akteuren.

Der Zahlungsverkehr ist keine technische Nebensache. Europa braucht eigene Systeme, die skalieren, interoperabel sind und auf europäischem Recht beruhen. Diese Systeme sind heute so systemrelevant wie Energie- oder Gesundheitsversorgung. Diese Erkenntnis muss nun zur politischen Priorität werden. Es braucht ein regulatorisches Umfeld, das Vielfalt fördert und Marktzugänge fair gestaltet – nicht durch Sonderwege, sondern durch europäische Harmonisierung und Vertrauen in die eigene Innovationskraft.

 

Die Banken selbst stehen in der Verantwortung. Wir müssen europäische Zahlungsinitiativen aktiv mittragen.

Tanja Müller-ZieglerMitglied des Vorstands, Bundesverband der Deutschen Volksbanken und Raiffeisenbanken

 

Wero und EPI: Hoffnungsträger für Europa

Projekte wie Wero zeigen: Es gibt eine europäische Antwort auf die Dominanz globaler Anbieter. Mit Wero entsteht ein modernes, europäisches Zahlungssystem, das direkt in die Banking-Apps der Kundinnen und Kunden integriert wird – einfach, mobil, sicher. Die European Payments Initiative (EPI) bietet damit eine echte Alternative, die jetzt konsequent skaliert und beworben werden muss. Auch die erfolgreiche Vernetzung bestehender Systeme, etwa zwischen girocard und Cartes Bancaires, zeigt, dass europäische Interoperabilität machbar ist. Ein Blick in andere Branchen offenbart, wie groß die Herausforderung ist. Die Schwarz Gruppe mit ihrer Tochter STACKIT baut in Heilbronn eine eigene Cloud-Infrastruktur auf und zeigt damit, wie ein privatwirtschaftlicher Beitrag zur digitalen Souveränität Europas gelingen kann – wenn Rahmenbedingungen stimmen.

Solche Vorhaben erfordern jedoch auch klare politische Unterstützung, wirtschaftliche Tragfähigkeit und ein innovationsfreundliches Umfeld. Umso wichtiger ist es, beim Zahlungsverkehr gemeinsam und gezielt zu investieren.

 

Die Banken selbst stehen in der Verantwortung. Wir müssen europäische Zahlungsinitiativen aktiv mittragen.

Tanja Müller-ZieglerMitglied des Vorstands, Bundesverband der Deutschen Volksbanken und Raiffeisenbanken

 

Faire Wettbewerbsbedingungen für europäische Lösungen

Auch der europäische Zahlungsverkehr benötigt einen regulatorischen Rahmen, der europäische Lösungen nicht strukturell benachteiligt, sondern gezielt fördert. Noch immer können globale Anbieter ihre Systeme ohne vergleichbare Anforderungen international skalieren, während europäische Anbieter durch vielfältige Regulierung ausgebremst werden. Das ist kein Ruf nach weniger Regulierung, sondern nach kluger Regulierung – mit Augenmaß, innovationsfreundlich und fair. Europäische Harmonisierung und Vertrauen in die eigene Innovationskraft müssen im Zentrum stehen, nicht regulatorische Sonderwege.

Die Banken selbst stehen in der Verantwortung. Wir müssen europäische Zahlungsinitiativen aktiv mittragen. Wenn wir unsere Kundinnen und Kunden erreichen wollen, müssen wir ihnen zeigen, dass europäische Systeme zuverlässig, sicher und komfortabel sind. Vertrauen ist die eigentliche Währung im Zahlungsverkehr – und dieses Vertrauen haben sich europäische Banken über Jahrzehnte verdient.

Hinzu kommt: Zahlungsdaten sind der strategische Rohstoff der digitalen Wirtschaft. Sie entscheiden über Innovation, Wettbewerbsfähigkeit und Verbraucherschutz. Wer sie kontrolliert, definiert die Regeln digitaler Wertschöpfung. Es wäre fahrlässig, diesen Schatz dauerhaft aus der Hand zu geben.

Der Moment zum Handeln ist jetzt

Wir stehen an einem Wendepunkt europäischer Selbstbestimmung im digitalen Raum. Die geopolitischen Realitäten haben sich fundamental verändert. Technologische Abhängigkeiten, die gestern noch als effiziente Arbeitsteilung galten, erweisen sich heute als strategische Schwachstellen. Jetzt ist die Zeit, Verantwortung zu übernehmen – in Politik, Wirtschaft und Gesellschaft.

Nur wenn Europa entschlossen in Zahlungsverkehr und Dateninfrastruktur investiert, sichern wir unsere digitale Handlungsfähigkeit. Nicht irgendwann, sondern jetzt. Die Weichen für Europas digitale Zukunft werden heute gestellt. Lassen Sie uns gemeinsam dafür sorgen, dass Europa diese Zukunft selbst in der Hand behält – auch und gerade im Zahlungsverkehr.

Bild: © Torsten Silz

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