Europa ist ein großer Markt – nutzen wir ihn!

Europa kann bei Gesundheit und Innovation Weltspitze sein – doch in der Arzneimittelversorgung handeln wir zu oft wie 27 getrennte Märkte. Das kostet Tempo, Planbarkeit und am Ende Zugang für Patientinnen und Patienten. Warum ein echter Binnenmarkt jetzt zur Versorgungs- und Standortfrage wird.

Europa ist ein gigantischer Binnenmarkt – zumindest auf dem Papier. 450 Millionen Menschen, starke Forschung, leistungsfähige Systeme. Und doch erleben wir in der Praxis häufig 27 getrennte Märkte. Diese Kleinteiligkeit ist kein Detail, sondern ein strategischer Nachteil.

Wir sehen ihn beim Zugang zu Innovationen: In den vergangenen zehn Jahren wurden 101 Arzneimittel zwar in den USA, aber nicht in der EU zugelassen. Und insgesamt ist bereits etwa jedes vierte in den USA zugelassene Arzneimittel in der EU nicht verfügbar. Innovation orientiert sich dorthin, wo sie schnell, planbar und wirtschaftlich tragfähig in die Versorgung kommt.

Deutschland hatte lange eine besondere Rolle: schneller Zugang durch ein System, das Markteinführung ermöglicht und anschließend bewertet und verhandelt. Diese Stärke ist aber kein Naturgesetz. Wenn Planungssicherheit schwindet, wirkt das unmittelbar auf Markteinführungsentscheidungen. Durch Leitplanken und Eingriffe im Erstattungsumfeld ist die Planbarkeit aus Sicht vieler Unternehmen gesunken. Wenn wir hier keine Balance zurückgewinnen, drohen Nachteile in Versorgung und Standort.

Der Maßstab ist klar: Innovation ermöglichen, Versorgung sichern, Wirtschaftlichkeit gewährleisten – mit verlässlichen Prinzipien. Der Reformbedarf im AMNOG ist benannt, gerade für neuartige Therapien und für Erstattungsmodelle, die Nutzen und Versorgungspraxis besser zusammenbringen. Ein Markt, der Innovation nicht zuverlässig in Versorgung übersetzt, wird für Innovation langfristig weniger relevant. Das ist ein einfacher Mechanismus.

Zur Binnenmarktdimension kommt Handelspolitik. Die USA sind für Deutschland der wichtigste Pharmamarkt. Gleichzeitig sind die USA ein wichtiger Lieferant, auch bei Vorprodukten. Veränderungen in der US-Handelspolitik wirken deshalb auf Lieferketten, Kosten, Versorgungssicherheit und Investitionsentscheidungen.

Seit dem vergangenen Jahr steht das Prinzip des nahezu zollfreien Arzneimittelhandels unter Druck. Noch sind Verfahren und Prüfungen nicht abgeschlossen – aber allein die Möglichkeit neuer Zölle und Signale einer neuen Preispolitik erhöhen Unsicherheit. Zölle verteuern Produkte, stören Planung und können Verfügbarkeit beeinträchtigen. Und Preisregeln, die Refinanzierung in Frage stellen, bremsen Investitionen in Forschung und Produktion.

Gerade wenn externe Unsicherheit steigt, muss Europa intern handlungsfähiger werden. Ein echter Binnenmarkt ist dann nicht nur Binnenpolitik, sondern Resilienz. In den USA

lässt sich ein großer Markt schneller „auf einen Schlag“ versorgen. Europa nutzt sein Potenzial zu wenig – und macht sich dadurch verwundbarer.

Was folgt daraus? Erstens müssen wir den Binnenmarkt real denken: koordinierter Marktzugang und abgestimmte Versorgungspfade, schneller und konsistenter – ohne neue Bürokratieschichten. Zweitens braucht Europa eine kluge Außenwirtschaftspolitik, die neue Partnerschaften ermöglicht, aber den Schutz geistigen Eigentums nicht relativiert. Drittens müssen wir unsere Wettbewerbsfähigkeit stärken – und dabei Tempo zur Leitwährung machen.

Tempo hat viel mit Verfahren zu tun. Bürokratieabbau heißt nicht weniger Sicherheit, sondern moderne Prozesse: digital, klar, risikobasiert, international kompatibel. Und Tempo braucht Investitionen. Abschreibungsoptionen, Forschungsförderung und verlässliche Regeln gehören zusammen. Es ist gut, dass Pharmastrategie und Medizinforschungsgesetz Standort- und Versorgungslogik stärker verbinden. Entscheidend ist nun, Übergänge so zu gestalten, dass nicht „zwischenzeitlich“ Medikamente vom Markt fernbleiben – und dass Genehmigungen, Datenzugang und Verwaltung wieder so funktionieren, dass Deutschland und Europa ein Ort für Forschung und Hightech-Produktion sind.

Europa muss seine Stärken systematisch machen: Wissenschaft, Talente, Qualität, Versorgung – und einen Rahmen, der daraus wieder Weltklasse-Innovation macht. Pharma kann dabei ein Schlüssel sein.