Energiewende: Herausforderungen und Lösungsansätze

Die Energiewende in Deutschland steht vor einer komplexen Transformation. Trotz bedeutender Erfolge bei Treibhausgas-Reduktion und technischen Innovationen treten zunehmend strukturelle Herausforderungen auf, die Fragen zur Versorgungssicherheit und Systemkosten aufwerfen. Dies betrifft drei zentrale Themen: die Balance zwischen unterschiedlichen Energiequellen, insbesondere der volatilen Erneuerbaren Energien Erzeugung und der nachhaltigen wirtschaftlichen Bereitstellung der gesicherten Erzeugung im Stromsektor, die Netz- und Systemkosten, sowie die Dekarbonisierung der Wärmeversorgung.

Solar, Wind und Gas brauchen ein Gleichgewicht
Deutschland hat enorme Fortschritte bei der Integration erneuerbarer Energien gemacht, jedoch stellen sich die Fragen nach der richtigen Balance im Energiemix. Die Photovoltaik ist eine beliebte und zugängliche Energiequelle; die hohen Produktionsspitzen im Sommer verursachen Netzüberlastungen im Verteilnetz und führen zu Netzengpässen im Übertragungsnetz. Eine Steuerung der derzeit größtenteils dargebotsabhängigen Einspeisung ist daher zwingend erforderlich. Dies auch bei mehr Windkraft, insbesondere Offshore-Wind, und wenn flexible, steuerbare gasgeführte und künftig wasserstofffähige Kraftwerke den Strommix mit ihrer gleichmäßigeren oder planbaren Einspeisung ergänzen. Die RheinEnergie baut aus betriebswirtschaftlichen Gründen auch weiterhin Erneuerbare-Energie-Anlagen aus. Dabei achten wir allerdings zunehmend auf die Nutzung von Flexibilisierungen im Erzeugungs- und Verbrauchsbereich. Speicher sind für uns äußerst relevant geworden, und wir wollen in nächster Zeit dafür größere Investitionen tätigen. Wir sehen einen strategisch gesteuerten Aufbau von Speicherkapazitäten als einen wichtigen Beitrag zu mehr Versorgungssicherheit und Systemstabilität. Darüber hinaus beschäftigen wir uns mit der Hebung von Lastflexibilitäten beim Verbrauch. Gemeinsam mit unserem strategischen Partner „The Mobility House“ wollen wir den „Schwarmspeicher“ erschließen, den uns die Millionen von Antriebsbatterien der Elektrofahrzeuge bieten. Stellen uns Fahrzeughalter Teile ihrer Kapazitäten, zentral über App und Back-End gesteuert zur Verfügung, schaffen wir mit Gewinn für alle Beteiligten ein flexibles und leistungsfähiges System des Lastausgleichs und der Verstetigung. Mit unserem seit Jahren in Betrieb befindlichen Virtuellen Kraftwerk können wir diese Flexibilitäten vermarkten.

Kosten des Netzausbaus und der Systemintegration werden zum Problem
Mit dem Ausbau erneuerbarer Energien steigen auch die Anforderungen an die Netzinfrastruktur – und damit die Kosten. Diese „Systemkosten“ sind bereits eine große Herausforderung und könnten sich weiter steigern, wenn Netzüberlastungen und Transportengpässe auftreten. Besonders der Ausbau der Photovoltaik führt in Spitzenzeiten zu einer enormen Überproduktion, die das Netz an seine Belastungsgrenzen bringt. Die Notwendigkeit eines „Sweet Spots“ im Netzausbau – einer wirtschaftlich und technisch optimalen Ausbaugrenze – wird daher immer deutlicher. Ansonsten droht eine erhebliche finanzielle Belastung für Verbraucher und Unternehmen, die letztlich die Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Industrie beeinträchtigen könnte. Ein Lösungsansatz besteht in unseren Augen in der Integration digitaler und steuerbarer Technologien, die die Produktion erneuerbarer Energien besser in das Netz einspeisen und an die Netzbedürfnisse anpassen. Die Regulierung und Steuerbarkeit des PV-Ausbaus könnte Abhilfe schaffen, sodass nicht nur mehr „grüne“ Energie produziert wird, sondern diese auch sinnvoll und kosteneffizient genutzt wird.

Versorgungssicherheit durch einen Kapazitätsmarkt absichern
Um die Energiewende erfolgreich und dauerhaft stabil zu gestalten, benötigt Deutschland ein verlässliches System, das Versorgungssicherheit garantiert. In einem Weiter-so des bestehenden Rahmens würden spätestens ab 2030 nicht mehr genügend Kapazitäten vorhanden sein, um die Versorgungssicherheit zu gewährleisten. Wird dieses Problem nicht über den Zubau neuer Gaskraftwerke und die Einführung von Kapazitätsmärkten gelöst, ist ein Kohleausstieg 2030 nicht umsetzbar. Das derzeit diskutierte Kraftwerkssicherheits-Gesetz kommt da viel zu spät, zeitlich ist der darauf basierende Aufbau neuer Kapazitäten kaum mehr leistbar, und es bestehen wirtschaftliche Risiken für die Investoren. Nur ein Kapazitäts-Markt würde es ermöglichen, gesicherte Gas- und andere Kraftwerkskapazitäten bereitzuhalten, auch wenn diese nur einige hundert Stunden pro Jahr benötigt werden. Ohne diesen Mechanismus würden sich Investitionen in solche Kraftwerke nicht lohnen, da sie in der Regel unter 3.000 Stunden pro Jahr im Einsatz wären. Eine nicht zu vernachlässigende Größe der Versorgungssicherheit sind auch die bestehenden KWK-Anlagen. Sie sind nicht nur ein Schlüsselelement der Wärmewende, sondern auch in Dunkelflauten einsetzbar. Um die Investitionen in diesem Bereich weiterhin sicherzustellen, ist eine Verlängerung des Kraft-Wärme-Kopplungsgesetzes unerlässlich. Zumal dies auch positive Effekte für den Ausbau der Wärmenetze hätte.

Fazit
Die Energiewende in Deutschland hat große Fortschritte in den Bereichen Klimaschutz und Innovation erzielt, steht jedoch vor erheblichen strukturellen und wirtschaftlichen Herausforderungen – gerade für eine neue Bundesregierung. Eine ausgewogene Balance im Energiemix, eine klare Strategie zur Dämpfung der Systemkosten und ein gesicherter regulatorischer Rahmen für die Versorgungssicherheit sind zentrale Aspekte, die über den langfristigen Erfolg der Energiewende entscheiden werden. Dies ist die Grundlage dafür, dass wir als Energieversorgungsunternehmen in einem solchen Rahmen unsere unternehmerischen und finanziellen Beiträge für das Gesamtsystem leisten können. Dabei dürfen auch staatliche Infrastrukturhilfen für große Transportsysteme ebenso wie für Speicher als Katalysator für Unternehmensinvestitionen kein Tabu sein – im Autobahnbau und für unser Schienensystem sind sie selbstverständlich. ■

Speicher sind für uns äußerst relevant geworden, und wir wollen in nächster Zeit dafür größere Investitionen tätigen.

Andreas Feicht,Vorsitzender des Vorstandes, RheinEnergie AG

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