Elektrifizierte Prozesswärme rechnet sich – schon heute. Gerade in Dampf-, Heißwasser- und Thermalölsystemen lässt sich an fast jedem Standort ein attraktiver Business Case finden. Dafür müssen allerdings die richtigen technischen, marktseitigen und regulatorischen Möglichkeiten genutzt werden.
Technische Rahmenbedingungen: Flexibilität schaffen, Infrastruktur klären
Elektroden- und Widerstandskessel sind erprobt und decken Dampf, Heißwasser und Thermalöl zuverlässig ab, Wärmepumpen können einen Teil des Bedarfs auf niedrigerem Temperaturniveau übernehmen. Entscheidend ist, Flexibilität zu schaffen – entweder über ein hybrides System, das zwischen Strom und Gas wechselt, oder über einen Speicher, thermisch oder elektrisch. Um das passende System zu finden, muss die standortspezifische Infrastruktur berücksichtigt werden:
- Netzanschluss: Reicht die Kapazität am Standort? Wo nicht, können flexible Netzanschlussvereinbarungen (Flexible Connection Agreements, FCA) helfen. Sie erlauben einen Anschluss mit zeitweise begrenzter Leistung, statt jahrelang auf Netzausbau zu warten.
- Spannungsebene und Trafo: Auf welcher Spannungsebene ist der Netzanschluss und die Anlage? Gerade bei Widerstandskesseln ist häufig ein zusätzlicher Trafo notwendig.
- Schaltanlagen: Ist ein weiterer Abgang frei? Ist die Anlage auf die erhöhte Last ausgelegt?
- Platzbedarf: Ist eine Integration in das Kesselhaus möglich oder ist ein Containerbau sinnvoll? Je nach Positionierung ergeben sich durch Kabellängen, etc. unterschiedliche Kosten.
Marktseitige Rahmenbedingungen: Deutschland als attraktiver Standort
Deutschland bietet ideale Voraussetzungen für die Elektrifizierung. Erneuerbare deckten 2025 über 58 Prozent der Stromerzeugung. Die Folge sind stark schwankende Preise: Im selben Jahr gab es 573 Stunden mit negativen Day-Ahead-Preisen – ein Rekord. Wer flexibel ist, bezieht Strom gezielt in diesen Stunden.
Um Einsparungen abzusichern, müssen verschiedene Märkte genutzt werden:
- Day-Ahead: Den Strombezug planbar in die günstigsten Viertelstunden des Folgetags legen.
- Intraday: Kurzfristig auf Prognoseabweichungen bei Wind und Sonne reagieren.
- Regelleistung: Die Flexibilität der Anlage den Übertragungsnetzbetreibern anbieten und dafür vergütet werden.
Wer alle Märkte bedient, kann je nach Marktentwicklung zwischen ihnen umschichten. Sinken etwa die Preise für Regelleistung, gewinnt der Spotmarkt an Gewicht – und umgekehrt. Das macht den Business Case robust gegenüber einzelnen Marktveränderungen.
Regulatorische Rahmenbedingungen: Entlastungen und Förderung nutzen
Die regulatorischen Rahmenbedingungen können den Business Case weiter verbessern. Dafür sind drei Bereiche besonders wichtig:
- Vergünstigte Steuern und Umlagen: Unternehmensspezifisch sind viele Umlagen und Steuern, wie bspw. über die besondere Ausgleichsregelung, vergünstigt.
- Anrechnung als Gegenleistung: Investitionen in die Elektrifizierung können als Gegenleistung für BECV-Beihilfe, die Strompreiskompensation und den Industriestrompreis geltend gemacht werden.
- Förderprogramme: Über die EU Heat Auction oder projektspezifisch auch über BAFA Modul 4 können weitere Fördertöpfe für Elektrifizierungsprojekte genutzt werden.
Fazit: Früh alles auf dem Schirm haben
Technik, Markt und Regulierung greifen ineinander. Wer Netzanschluss, Vermarktung und Förderung frühzeitig gemeinsam betrachtet, vermeidet teure Umwege und kann zügig von signifikanten Energiekosteneinsparungen profitieren. Wir unterstützen gerne dabei oder übernehmen die Koordination. Richtig aufgesetzt ergibt sich an fast jedem Standort ein positiver Business Case für eine Teilelektrifizierung der Prozesswärme.