Die Energieunion – ein Meilenstein für Europas Zukunft

Artikel aus dem Handelsblatt Journal „Energiewirtschaft“

Die Vollendung einer europäischen Energieunion, die allen Bürgern und Unternehmen sichere, erschwingliche und saubere Energie liefert, steht im Mittelpunkt der Politik der Kommission. Mario Draghi hat in seinem Bericht über die „Zukunft der europäischen Wettbewerbsfähigkeit“ die Herausforderungen – und Chancen – hervorgehoben, die mit diesen drei Facetten verbunden sind: Sicherheit der Versorgungsquellen, Erschwinglichkeit, insbesondere für unsere Industrie, und Dekarbonisierung. Der beispiellose Umfang der Investitionen (1,2 Billionen Euro allein für Stromnetze bis 2040), die Skalen- und Synergieeffekte, die sich aus der Kooperation mit unseren EU-Nachbarn ergeben, und die Dringlichkeit von Klimaschutzmaßnahmen erfordern entschlossenes Handeln auf europäischer Ebene. Lassen Sie mich auf diese drei Aspekte eingehen.

Erstens: Sicherheit.

In Zeiten tektonischer Verwerfungen in der Geopolitik muss sichergestellt werden, dass wir unsere Energie heimisch erzeugen oder, wenn wir sie importieren, von zuverlässigen Partnern beziehen. Hier hat die Europäische Union am 3. Dezember 2025 Historisches geleistet: Europäisches Parlament und Rat haben sich auf einen Ausstieg aus russischen Brennstoffen geeinigt. Dies ist ein Kernstück des REPowerEU-Plans, der darauf abzielt, Europa von einem unzuverlässigen, gar feindseligen Rohstofflieferanten zu lösen. Es ist noch in guter Erinnerung, wie stark die europäischen Märkte beeinträchtigt wurden, als Russland 2022 Gaslieferungen als Waffe einsetzte. Der vorläufigen politischen Einigung zufolge wird russisches Flüssigerdgas bis Ende 2026 und Pipelinegas bis Herbst 2027 vollständig verboten. Dieses schrittweise Verbot gewährleistet – im Zusammenspiel mit diversifizierten Bezugsquellen und Infrastruktur sowie der koordinierten Gasspeicherung – die Versorgungssicherheit sowie eine verminderte Energieabhängigkeit Europas.

 

Unser Energiesystem sicher, erschwinglich und sauber zu machen, ist eine Generationenaufgabe.

Mechthild WörsdörferGeneraldirektorin für Energie, Europäische Kommission

 

Zweitens: Erschwinglichkeit und Wettbewerbsfähigkeit.

Im ersten Jahr des aktuellen Mandats hat die Kommission mit ihrem Aktionsplan für erschwingliche Energie die Senkung der Energiekosten und -preise zur Priorität gemacht: Er beinhaltet Maßnahmen, die für die Mitgliedstaaten unmittelbar umsetzbar sind, beispielsweise die Senkung der Stromsteuer, wie sie in Deutschland 2026 erfolgt. Außerdem wird die politische Koordinierung zwischen den Mitgliedstaaten durch die neue „Taskforce für die Energieunion“ gestärkt – ein Forum, das zusammen mit den Mitgliedstaaten konkrete Aktionen und Maßnahmen zur Senkung der Energiepreise fördert.

Wenn wir allerdings bei den Energiepreisen etwas bewirken wollen, müssen wir auch bei der Infrastruktur ansetzen. Zu den Gründen, warum die Strompreise in der EU zwei- bis dreimal so hoch sind wie in anderen Erdteilen, gehören die unzureichende Integration unseres Energiemarkts und zu geringe Investitionen in Energieinfrastruktur. Erst durch einen entschlossenen Ausbau der Netze wird es uns gelingen, mehr saubere, heimische Energie zu erschließen und unsere Einfuhren fossiler Brennstoffe zurückzufahren. Aus diesem Grund hat die Kommission am 10. Dezember 2025 das Paket „Europäische Netze“ vorgelegt. Bei den Netzen stehen wir vor zahlreichen Herausforderungen: ca. 40 Prozent der Verteilernetze sind über 40 Jahre alt, ihre Modernisierung ist damit unerlässlich. Auch ist das sogenannte Permitting oft zu langsam, da die Genehmigungsverfahren für Netzinfrastruktur oft mehrere Jahre in Anspruch nehmen und Engpässe beim Anschluss neuer Erzeugungsanlagen verursachen. Darüber hinaus ist der Ausbau grenzüberschreitender Leitungen unzureichend: Nur die Hälfte des Bedarfs an grenzüberschreitenden Kapazitäten bis 2030 wird durch konkrete Netzvorhaben gedeckt. Dabei würde eine stärkere Integration der Netze und Märkte zu milliardenschweren Kosteneinsparungen und Wachstum führen.

Das Netzpaket zielt auf eine besser koordinierte Planung auf europäischer Ebene ab, auf eine gerechtere Verteilung von Kosten und Nutzen über Landesgrenzen hinaus und auf eine intelligentere Nutzung bestehender Infrastruktur. Kritische Energieinfrastrukturen sollen besser geschützt werden. Und nicht zuletzt umfasst das Paket ambitionierte Änderungen zur Beschleunigung und Vereinfachung der Genehmigungsverfahren für Netze, erneuerbare Energien und Speicher.

 

Wenn wir bei den Energiepreisen etwas bewirken wollen, müssen wir bei der Infrastruktur ansetzen.

Mechthild WörsdörferGeneraldirektorin für Energie, Europäische Kommission

 

Drittens: Dekarbonisierung.

Strom macht nach wie vor nur 23 Prozent des gesamten Endenergieverbrauchs der EU aus – weit unter dem, was für die Klimaneutralität erforderlich ist. Als Ergänzung zu unserem Netzpaket wird die Kommission daher 2026 einen umfassenden Aktionsplan für Elektrifizierung vorlegen. Darin werden wir Hindernisse wie Besteuerung, Netzzugang und Netzkosten angehen und Verstromungslösungen für Haushalte, Unternehmen, Verkehr, Heizung und Industrie vorschlagen. Parallel arbeiten wir an einer Strategie für die Wärme- und Kälteerzeugung, um sicherzustellen, dass Technologien wie Geothermie, Solarthermie, Fernwärme und andere in vollem Umfang zur Energiewende beitragen.

Für schwer dekarbonisierbare Sektoren, in denen die Elektrifizierung keine Option ist, hat die EU einen umfassenden Rahmen zur Entwicklung eines Wasserstoffmarkts geschaffen. Dazu gehören die EU-Gesetzgebung zur Dekarbonisierung von Wasserstoff und Gas, die die Mitgliedstaaten bis August 2026 umzusetzen haben, der delegierte Rechtsakt über erneuerbaren Wasserstoff und zuletzt auch ein delegierter Rechtsakt über CO2-armen Wasserstoff. Diesem letzten Rechtsakt – im Dezember 2025 in Kraft getreten – gingen intensive Konsultationen mit den Interessenträgern und Akteuren der Wasserstoffwirtschaft voraus, um die richtige Balance zwischen wirtschaftlichen Anreizen, Investitionssicherheit und Klimaschutzzielen herzustellen. Darüber hinaus hat die Kommission im Juli 2025 mit dem EU-Wasserstoffmechanismus ein Instrument zur Marktbildung gestartet, um Hersteller und Abnehmer von grünem und CO2-armen Wasserstoff zusammenzubringen.

Schließlich spielt auch die Digitalisierung für das Energiesystem der Zukunft eine herausragende Rolle: Digitale Lösungen können zur Optimierung des Stromnetzes, zur Energieeffizienz von Gebäuden und zur nachfrageseitigen Flexibilität beitragen. Andererseits wird die Digitalisierung der verschiedenen Wirtschaftszweige auch auf unser Energiesystem rückwirken, etwa aufgrund datenintensiver Energiesysteme und der vermehrten Ansiedlung von Datenzentren. Mitte 2026 wird die Kommission daher einen strategischen Fahrplan für Digitalisierung und KI im Energiesektor vorlegen.

Hinter uns liegt ein ereignisreiches Jahr in der europäischen Energiepolitik.

Einige der Initiativen sind bereits angenommen oder in Kraft, andere werden nun von Rat und Parlament beraten, wiederum andere erfordern ein Handeln der Mitgliedstaaten und Marktakteure. Unser Energiesystem sicher, erschwinglich und sauber zu machen, ist eine Generationenaufgabe, die nur durch gemeinsames Handeln aller Beteiligten erreicht werden kann. Packen wir sie gemeinsam an!

Das aktuelle Handelsblatt Journal
Dieser Artikel ist im aktuellen Handelsblatt Journal
„Energiewirtschaft“ erschienen. Das vollständige Journal können Sie sich hier kostenlos herunterladen:
Zum Journal