Die Biotech-Pyramide Europas

Warum unsere Industrie auf einem starken Fundament steht – aber in der Mitte gefährlich brüchig ist

Es fehlen echte Lead-Investoren, die Finanzierungsrunden zwischen 5 und 15 Millionen Euro stemmen.

Dr. Andreas SchmidtManaging Director, Springboard Health Ventures

Zu lange haben wir in Europa nach Amerika geblickt und uns gefragt, wie dort Unternehmen gegründet, skaliert und verkauft werden. Wir messen uns an den rasanten Entwicklungen in China und hetzen hinterher, anstatt in uns selbst zu schauen: Welche Stärken und Assets haben wir in Europa – und wie können wir darauf aufbauen, um Unternehmen zu gründen, die auf festem Grund stehen, stabil wachsen und vom Kapital unserer Gesellschaft getragen werden?

In meiner Zeit in den USA habe ich oft den „Innovations-Tourismus“ erlebt: Delegationen aus Deutschland besuchten Stanford, Berkeley, Harvard oder das MIT, um zu verstehen, wie Innovationsökosysteme funktionieren. Zugleich habe ich selbst Unternehmen in Asien aufgebaut und Produkte nach China verkauft.

Mein Fazit: Deutschland und Europa haben alles, was es braucht. Exzellente Forschungseinrichtungen, kluge Köpfe, Spitzenkliniken – und ein immenses Kapitalpotenzial. Aber oft fehlt der Glaube, der Mut und die Dringlichkeit. Wir brauchen keinen Innovations-Tourismus mehr, und wir brauchen kein Unternehmertum als Inszenierung. Der Aufbau innovativer Unternehmen ist harte Arbeit, voller Unsicherheit und Rückschläge. Doch das größte Risiko ist, diesen Sprung nicht zu wagen.

Winston Churchill sagte einmal: „Never let a good crisis go to waste.“ Das Problem ist jedoch: Wir erkennen selten, dass die Krise längst da ist. Menschen sind notorisch schlecht darin, schleichende Veränderungen wahrzunehmen. So wie manche noch immer am Ausmaß des Klimawandels zweifeln, so verkennen viele, dass auch unsere Gesellschaften – Deutschland wie Europa – längst in einer strukturellen Krise stecken.

Wir klammern uns an klassische Sicherheiten: an die Rente, den Beamtenstatus, das geerbte Haus in der Kleinstadt im Mittelgebirge. Doch globaler Wettbewerb nimmt darauf keine Rücksicht. Die Autoindustrie, einst Symbol deutscher Stärke, kämpft ums Überleben – so wie wir einst die Computerindustrie verloren haben.

Gerade deshalb müssen wir Biotechnologie und Pharma als Schlüsselindustrien neu denken: innovativ, leistungsfähig, zentral für Wohlstand und Gesundheit. Aber sind wir schnell genug? Und vor allem: bauen wir auf das richtige Fundament?

Die Pyramide als Bauplan für eine resiliente Industrie

Ich vergleiche die Biotech-Industrie gerne mit einer Pyramide. Pyramiden überdauern Jahrtausende, weil ihre Stärke in der Architektur liegt: ein massives Fundament, darauf Schicht für Schicht aufbauende Ebenen, die sich nach oben verjüngen – bis zur Spitze.

Das Fundament unserer Biotech-Pyramide in Deutschland und Europa ist breit und stabil. Hier stehen die Universitäten, Forschungseinrichtungen und Kliniken, flankiert von staatlicher Förderung und translationalen Programmen wie EXIST und GO-Bio, die Wissenschaft in Gründungen überführen sollen.

Darauf ruht die zweite Ebene: Inkubatoren, Entrepreneurship-Programme, Acceleratoren sowie die frühe Finanzierung und Förderung durch Initiativen wie das neue Exist Biofactory-Programm der Bundesregierung, den High-Tech Gründerfonds (HTGF) und die SPRIN-D – Bundesagentur für Sprunginnovationen. Diese Schicht bildet den Übergang von der Idee zur jungen Firma – sie sorgt dafür, dass überhaupt Unternehmen entstehen können.

Doch darüber klafft eine Lücke. Es fehlt eine stabile Ebene privater Investments, also echte Lead-Investoren, die Finanzierungsrunden zwischen 5 und 15 Millionen Euro stemmen. Genau hier verläuft das strukturelle „Tal des Todes“ der deutschen Innovationslandschaft. Viele Start-ups schaffen es nicht, den Schritt von der Seed-Phase in die Skalierung zu gehen. Paradoxerweise ist es inzwischen oft einfacher, eine 50-Millionen-Runde zu schließen als eine von fünf.

Erst darüber setzt die nächste Schicht an – die großen Finanzierungsrunden jenseits der 30 Millionen Euro, getragen von etablierten VCs wie Wellington Partners, Earlybird, Sofinnova, EQT, Picus Capital, Forbion oder MIG. Sie sichern die Expansion und internationale Skalierung, sofern ein Unternehmen bis dahin überlebt.

An der Spitze schließlich stehen die IPOs an der Nasdaq oder größere Exits – jene Erfolge, die mediale Aufmerksamkeit erregen, aber selten auf einer wirklich europäischen Kapitalbasis beruhen. Denn viele dieser Unternehmen verlagern Know-how, Teams und operative Zentren in die USA, sobald sie dort notiert sind.

So bleibt die europäische Pyramide zwar auf dem Papier vollständig, doch in Wahrheit ist sie porös: Die entscheidende mittlere Schicht fehlt. Ohne sie können weder die oberen noch die unteren Ebenen stabil bestehen.

Wir müssen Biotechnologie und Pharma als Schlüsselindustrien neu denken: innovativ, leistungsfähig, zentral für Wohlstand und Gesundheit.

Dr. Andreas SchmidtManaging Director, Springboard Health Ventures

Fehlanreize und politische Reflexe

Die politischen Reflexe der letzten Jahre greifen zu kurz. Die WIN-Initiative geht zwar in die richtige Richtung, doch in einer Welt, in der sich Fortschritt nicht mehr linear, sondern exponentiell entwickelt, sind die Mechanismen hierzulande zu angepasst, zu langsam, zu bürokratisch. Es erinnert an Henry Fords berühmten Satz: „Wenn ich die Leute gefragt hätte, was sie wollen, hätten sie gesagt: schnellere Pferde.“ WIN braucht mehr Mut.

Neue Gründerzentren, Accelerator-Programme oder Matching-Funds mögen auf Fotos gut aussehen und in der politischen Debatte Pluspunkte bringen, lösen aber das Kernproblem nicht: Die Zahl der erfahrenen Lead-Investoren bleibt gering. Öffentliche Förderung kann private Risikobereitschaft nicht ersetzen.

Was wir brauchen, sind Investoren, die Technologie verstehen, wissenschaftliche Due Diligence betreiben können und mit echter Überzeugung agieren. Kapital, das mutig, schnell und entscheidungsstark ist – nicht bürokratisch verwaltet.

Ebenso entscheidend sind die mittleren Ebenen des Ökosystems: kleinere Exits im europäischen Binnenmarkt, strategische Zukäufe durch den Mittelstand, Kooperationen zwischen etablierten Unternehmen und Start-ups. Sie schaffen einen gesunden Kreislauf, fördern Seriengründungen und sichern, dass Wissen und Wertschöpfung in Europa bleiben.

Der europäische Weg

Wir dürfen uns nicht länger nur an den USA messen. Der europäische Weg des Unternehmertums sollte nicht auf kurzfristige Skalierung einzelner Unternehmen, sondern auf Nachhaltigkeit und Resilienz ausgerichtet sein. Unsere Pyramide braucht Substanz, nicht kurzzeitige Sprints um jeden Preis.

Wenn wir heute beginnen, dieses Bauwerk nach europäischen Prinzipien zu errichten – mit einem breiten Fundament, starken mittleren Schichten und einer soliden Spitze –, dann können wir eine Wirtschaft formen, die nicht nur reagiert, sondern gestaltet.

Eine Wirtschaft, in der europäische Werte, Wissenschaft und Kapital zusammenwirken. Eine Wirtschaft, in der Erfolg nicht nur am Exit gemessen wird, sondern an der Fähigkeit, langfristig Wert zu schaffen. Denn am Ende steht nicht nur ein Börsengang. Am Ende steht ein Europa, das seine Zukunft baut – Stein für Stein, Schicht für Schicht. Stabil, resilient und selbstbewusst.

Und genau hier stellt sich die zentrale Frage:

Wie schaffen wir es, mehr privates Geld für die Zukunft von Start-ups, Biotechnologie, Medizin und die Nachhaltigkeit und den Wohlstand unserer gesamten Gesellschaft zu aktivieren?

Von Family Offices und Mittelstand, die bisher wenig mit Start-ups zu tun haben, bis hin zu Managern, Ärztinnen, Professoren, Unternehmerinnen und vielen anderen Berufsgruppen – wir alle können Teil dieses Wandels sein. Wir alle sind Venture Capital für die Zukunft von Deutschland und Europa. Und für einen neuen Deep-Tech-Mittelstand, in dem nicht nur Unicorns entstehen, sondern auch neue Hidden Champions, um die uns die Welt beneidet.

Wenn es uns gelingt, nur zehn Prozent unseres Investitionsvolumens in Start-ups zu lenken, dann schaffen wir damit den Biotech-Mittelstand von morgen. Auch ich habe mich entschieden, meinen Beitrag dazu zu leisten – mit den Springboard Health Angels. Und für Pyramiden mitten in Europa.

 

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