An Pfingsten droht der neuen Regierung ein böses Erwachen!

Überlastete Netze, hohe Energiekosten, Angst vor der Dunkelflaute – während sich die Parteien in Berlin auf den Wahlkampf konzentrieren, gerät das deutsche Stromnetz zunehmend an seine Grenzen. Spätestens an Pfingsten könnte sich das rächen.

Sonne satt an Ostern und Pfingsten – was für normale Bürger nach erholsamen Feiertagen klingt, treibt Energie-Experten aktuell den Angstschweiß auf die Stirn. Der Grund: Deutschlands boomender PV-Zubau, der während sonniger Mittagsstunden im Frühling 2025 zu einem historischen Überangebot an Solarstrom führen könnte. Kommen dann an Ostern und Pfingsten noch niedrige Stromverbräuche der Industrie hinzu, sind überlastete Netze samt Not-Abschaltungen nicht ausgeschlossen. Für eine neue Regierung hieße das die erste große Ernüchterung nach dem Rausch der Wahlnacht. Was also kann die Politik tun, um dieses Szenario zu verhindern?

Pragmatismus beim Netzausbau
Kurzfristige Handlungsoptionen gibt es nur wenige. Zwar könnten Maßnahmen, wie eine Ausweitung der Direktvermarktung, noch vor dem Frühling für Entlastung beim Solar-Überangebot sorgen, doch in Zeiten des Wahlkampfs ist ein großer Wurf nicht zu erwarten. Der Blick von Industriebetrieben, Energieversorgern und Netzbetreibern geht deshalb in Richtung nächster Legislatur. Die entscheidende Frage: Was steht dann im Energiekapitel des Koalitionsvertrags? Ginge es nach der progressiven Wirtschaft ist die Antwort klar: Verlässliche Leitplanken für die Langstrecke der Energiewende, um in Netze, Speicher und den Fuel Switch investieren zu können. Neben Planungssicherheit ist dabei auch Pragmatismus gefragt. Erdkabel, die das zehnfache einer normalen Freileitung kosten, sind ein unnötiger Hemmschuh. Gleiches gilt für den Verteilnetz-Flickenteppich. Wer beim Ausrollen einer Geschäftsidee auf 800 verschiedene Netzbetreiber Rücksicht nehmen muss, kann von Skalierung nur träumen. Einheitlichere Anforderungen könnten für deutlich mehr Effizienz sorgen.

Verzahnung von Solar- und Netzausbau
So erfolgreich der Ausbau der Erneuerbaren in den letzten Jahren auch verlief, so wenig hat er sich an den Anforderungen der Netze orientiert. Ob PV-Wildwuchs auf Privathäusern, Solarparks ohne Zwischenspeicher oder meilenweit entfernte Netzanschlüsse – bisher war es stets an den Netzbetreibern eine Lösung zu finden. Entsprechend lang ist jetzt die Kostenliste. Für die nächste Legislatur gilt es daraus zu lernen. Zum Beispiel bei der Standortwahl von Solar- und Windparks. Statt allein nach möglichst ertragsreichen Flächen zu suchen, sollte hier künftig auch auf die Nähe zu Großabnehmern und Netzanschlüssen geachtet werden. Finanzielle Anreize könnten dabei helfen und den Aufwand des Ausbaus deutlich senken.

Vor die Batterie-Welle kommen
Skaleneffekten und Überkapazitäten in China sei Dank: Batterien gibt es mittlerweile zum Billigpreis. Für die Netze ist das eine gute Nachricht, bieten die Speicher die Möglichkeit, Solar-Spitzen am Mittag in die erzeugungsarmen Abendstunden zu verschieben. Ab sofort sollten Solarpanels deshalb stets im Komi-Packet mit Batterien gedacht werden. Wie lukrativ dieses Geschäftsmodell sein kann, zeigt die derzeitige Antragsflut für Großspeicher vor dem Netzanschluss, die die ausgeschriebenen Kapazitäten um ein hundertfaches übersteigt. Damit aus der Antragsflut aber auch ein echter „Batterie-Tsunami“ werden kann, gilt es nun zügig vor die Welle zu kommen. Heißt konkret: Regulierungen abbauen, dynamische Tarife durchsetzen und die doppelte Umlage dauerhaft abschaffen, um Genehmigungen und Netzanschlüsse schneller umzusetzen. Ganz nebenbei würde all das auch dabei helfen, das Vehicle-2-Grid-Laden endlich an den Start zu bringen.

Netzentgelte senken, Investitionen auslösen
Kaum etwas an der Energiewende ist so kapitalintensiv wie der Ausbau der Netze. Bei der Zusammensetzung der Netzentgelte spielen Kapitalkosten daher eine wichtige Rolle. Wer günstigere Energie will, sollte hier ansetzen. Zum Beispiel, indem der Staat sich bei der Finanzierung der Netze stärker mit Eigenkapital beteiligt und so die Zinslast der Netzbetreiber senkt. Weitere Ansätze könnten eine Ertüchtigung der KfW Bank oder die Einführung eines Amortisationskontos sein. So oder so, die Zeit der Denkverbote ist vorbei. Um einen Weg aus der Rezession zu finden, braucht der Standort massive Investitionen. Die Energiewende mit all ihren Zukunftsmärkten ist hierbei eine Chance, kein Hindernis. ■

Kaum etwas an der Energiewende ist so kapitalintensiv wie der Ausbau der Netze.

Sabine Nallinger,Vorständin, Stiftung KlimaWirtschaft

Beim Netzausbau ist neben Planungssicherheit auch Pragmatismus gefragt.

Sabine Nallinger,Vorständin, Stiftung KlimaWirtschaft

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