Digitalisierung der internationalen Rückversicherung: Wie Standardisierung, Cloud und KI orchestriert werden können

Große Mengen an Daten zwischen Versicherern, Rückversicherern, Maklern und weiteren Marktteilnehmern effizient und sicher auszutauschen, um daraus geschäftskritische Informationen zu gewinnen, ist die zentrale Herausforderung der internationalen Rückversicherung. Unterschiedliche IT-Systeme, Formate und Prozesse erschweren bislang die Integration und Nutzung dieser Informationen. Einheitliche Standards gelten daher als entscheidender Hebel, um die Interoperabilität zu verbessern, Kosten zu senken und die Effizienz im Markt zu steigern.

Während etablierte Standards wie ACORD (Association for Cooperative Research and Development) und BiPRO (Brancheninstitut für Prozessoptimierung) bereits weit verbreitet sind, bieten neuere Initiativen wie ORDA (Open Risk Data Association) und die Open Insurance Initiative großes Potenzial für Innovationen. Rückversicherer, die frühzeitig auf diese Standards setzen, können sich Wettbewerbsvorteile sichern und ihre Position im globalen Markt stärken.

Intelligentes Datenmanagement mit Cloud-Architekturen und KI

Die Integration von Datenströmen wie Bordereaux oder Einzelrisikodaten aus Erstversicherungen ist für Rückversicherer alles andere als trivial, insbesondere wenn diese Daten noch nicht nach einheitlichen Standards angeliefert werden.

Hier kann eine Cloud-Architektur mit einem intelligenten Datenmanagement ein wesentlicher Integrationsbaustein sein:

  • Rückversicherer können ETL-Tools (Extract, Transform, Load) nutzen, um Daten aus verschiedenen Quellen zu extrahieren, in ein einheitliches Format zu transformieren und in ihre Systeme zu laden.
  • KI-gestützte Tools können unstrukturierte Daten (Dokumente) oder semi-strukturierte Daten (zum Beispiel Excel-Bordereaux) im Sinne einer Datenvorverarbeitung analysieren und in standardisierte Formate umwandeln. Natural Language Processing (NLP) kann verwendet werden, um relevante Informationen aus Freitextfeldern zu extrahieren.
  • Rückversicherer können Mapping-Tools einsetzen, um Daten aus unterschiedlichen Formaten in ein einheitliches Schema zu überführen. Das ist besonders wichtig, wenn keine einheitlichen Standards wie ACORD oder BiPRO verwendet werden.
  • Der Einsatz von Datenkatalogen hilft, die Herkunft, Struktur und Qualität der Daten zu dokumentieren, was die Integration und Analyse erleichtern.

Hybride Architekturen kombinieren dabei operative und analytische Datenverarbeitung in einer einzigen Umgebung. Das ermöglicht es, sowohl Echtzeitdatenverarbeitung als auch tiefgehende Analysen effizient durchzuführen. Gleichzeitig erfordern sie jedoch eine sorgfältige Planung und Umsetzung, um Herausforderungen wie Datenqualität, Compliance und Kosten zu bewältigen.

Strategien für eine erfolgreiche digitale Transformation

Um das „magische Dreieck“ aus Standardisierung, KI und Cloud harmonisch zu orchestrieren, sind die folgenden Strategien empfehlenswert:

Rückversicherer sollten aktiv an der Entwicklung und Implementierung von Standards wie ACORD, BiPRO oder ORDA teilnehmen, um die Interoperabilität zu fördern. Die Einführung von Datenkatalogen und Mapping-Tools kann helfen, Daten aus unterschiedlichen Quellen in einheitliche Formate zu überführen.

KI sollte genutzt werden, um die Implementierung von Standards zu automatisieren und zu verbessern, nicht um sie zu umgehen. KI-Modelle müssen transparent und nachvollziehbar sein, um Vertrauen und Compliance zu gewährleisten.

Die Kombination von operativer und analytischer Datenverarbeitung als hybride Architekturen in der Cloud ermöglicht maximale Flexibilität und Effizienz. Rückversicherer sollten Cloud-Dienste nutzen, die den lokalen regulatorischen Anforderungen entsprechen, und Verschlüsselungstechnologien einsetzen, um den Datenschutz zu gewährleisten.

Digitale Transformation über alle Ebenen hinweg – Quelle: adesso

Partnerschaften mit Erstversicherern, InsurTechs und Technologieanbietern können Innovationen in entsprechenden Ökosystemen vorantreiben. Dazu gehören auch Plattformen, auf denen Wissen und Erfahrungen ausgetauscht werden können.

Eine orchestrierte Zukunft

Die internationale Rückversicherungsbranche entwickelt sich zum digitalen Risikoorchestrator. Die Nutzung von Standards, der Einsatz von KI und der Weg in die Cloud erfordern für das Daten- und Informationsmanagement nicht nur technologische Investitionen, sondern auch einen Kulturwandel. Denn wie bei jeder komplexen Orchestrierung erfordert auch diese eine sorgfältige Abstimmung, um Misstöne zu vermeiden. Rückversicherer, die alle drei Ebenen strategisch und harmonisch integrieren, können nicht nur ihre Effizienz steigern, sondern auch neue Geschäftsmodelle entwickeln und international Wettbewerbsvorteile erzielen.

Autor:

Robert C. Lemm verbindet Branchenexpertise mit technologischer Kompetenz und unterstützt Teams bei der Optimierung komplexer Geschäftsprozesse. Aus Projekten und Führungsrollen in der Erst- und Rückversicherungsbranche bringt er erprobte Praxis und Umsetzungsstärke mit. Sein Antrieb: innovative Ansätze fördern und nachhaltig messbare Ergebnisse für Kunden erzielen. Er ist ausgebildeter Versicherungskaufmann und Fachinformatiker und hat ein Diplom in Wirtschaftswissenschaften (LMU München) mit Schwerpunkten in Risikoforschung, Controlling und Statistik.