Mehr Klarheit statt Technologieoffenheit
Spätestens seit dem Pariser Klimaabkommen gilt die Umstellung auf grünen Wasserstoff und seine Derivate als eine zentrale Strategie, um das globale Energiesystem bis Mitte des Jahrhunderts zu dekarbonisieren. Heute, fast zehn Jahre später, ist dem anfänglichen Wasserstoff-Hype eine gewisse Ernüchterung gefolgt: Wasserstoffanwendungen sind bei aktuellen CO2-, Wasserstoff- und Erdgaspreisen weit von der Wirtschaftlichkeit entfernt. Auch auf absehbare Zeit werden emissionsarmer Wasserstoff und seine Derivate knapp und teuer bleiben. Der globale Markt für klimaneutralen Wasserstoff existiert überwiegend auf dem Papier: Für lediglich vier bis fünf Prozent der Gesamtkapazität aller geplanten Projekte zur Produktion von grünem Wasserstoff in Deutschland haben Investoren grünes Licht gegeben. Wer sich allerdings die Komplexität der Aufgabe vor Augen führt, kann nicht allzu überrascht sein: Beim globalen Hochlauf des Wasserstoffmarktes müssen Angebot, Nachfrage, Transport- und Speicherinfrastrukturen sowie die jeweiligen Marktmechanismen nahezu gleichzeitig geschaffen und in Einklang gebracht werden. Wie lässt sich so eine knifflige Gleichung auf- und einlösen?
Politischen Rahmen weiterentwickeln
Ein zentrales Handlungsfeld liegt in der Politik: Die Bundesregierung arbeitet mit Hochdruck an Lösungen, die Unsicherheiten für Investoren, die Energiewirtschaft und zentrale Nachfragebranchen wie die Industrie zu reduzieren. Mit dem Amortisationskonto für das Wasserstoffkernnetz und dem Programm H2Global gibt es zielgerichtete Finanzierungsinstrumente, für die erhebliche Haushaltsmittel eingeplant sind. Das Ende Mai vorgelegte Wasserstoffbeschleunigungsgesetz soll Genehmigungsprozesse für Elektrolyseure, Speicher und Pipelines entscheidend verschlanken.
Allein: Die Maßnahmen reichen noch nicht aus. In der Wasserstoff-Gleichung stecken zu viele Variablen – die Risiken sind für die potenziellen Geldgeber nach wie vor größer als die Sicherheiten. Das gilt ebenso für die Produktion oder die Standortwahl von noch zu bauenden Elektrolyseuren, wie die Umstellung von Produktionsprozessen in der Industrie oder den Bau von Ammoniak- oder Methanol-Terminals. Eine finale Investitionsentscheidung wird in den meisten Fällen nicht getroffen, da zu große Unsicherheiten hinsichtlich des Abnahmezeitpunkts, des Preises oder der verfügbaren Transport-Infrastruktur bestehen.
Angesichts der angespannten Haushaltslage bleiben der Bundesregierung wenig Handlungsoptionen, um die Wirtschaftlichkeit von Wasserstoffprojekten wesentlich zu verbessern: Eine deutliche Ausweitung der Förderkulisse oder eine spürbare Anhebung des CO2-Preises sind aktuell kaum vorstellbar. Gleichzeitig wird die Verpflichtung der Unternehmen über ordnungspolitische Instrumente wie Quoten bislang abgelehnt. So bleibt nur eine zielgerichtete Bündelung der vorhandenen Mittel. Das kann jedoch erst erfolgen, nachdem die wichtigsten, derzeit offenen Variablen definiert sind. Damit der Wasserstoffmarkthochlauf trotz angespannter Haushaltslage in die nächste Phase treten kann, ist es an der Zeit, einige richtungsweisende Entscheidungen zu treffen. Nur so können sich alle Akteure auf die Zukunft einstellen und erhalten die notwendige Planungssicherheit. Dafür braucht es jedoch Mut: Noch ist nicht endgültig auszumachen, wie sich unsere Nachbarländer und globalen Wettbewerber strategisch aufstellen. Klar ist aber: Eine Strategie des Abwartens hilft uns nicht weiter. Der Staat muss mutig zeigen, wo es langgehen soll – Ausprobieren und Nachbessern als immanente Innovationsstrategie inklusive.
Mehr Klarheit für erfolgreiche Marktentwicklung nötig
Erstens braucht es Klarheit über die Dekarbonisierungs-Strategie der chemischen Industrie. Das ist aktuell die größte, ungelöste Variable für die Lösung der Wasserstoff-Gleichung. Denn während die Studienlage und die politische Diskussion mit Blick auf die Dekarbonisierung der Stahlindustrie, des Kraftwerksparks oder des Flugverkehrs vergleichsweise fortgeschritten ist, bestehen bei der Chemieindustrie aufgrund des hohen Integrationsgrades der Wertschöpfungsketten noch immense Unsicherheiten. Hier ist die Bundesregierung gefragt, gemeinsam mit der Industrie ein konkretes und tragfähiges Langfristkonzept zu entwickeln, das den Industriestandort Deutschland stärkt, den Wert zertifizierbar nachhaltig und emissionsarm produzierter Produkte steigert und gleichzeitig die Kostenvorteile günstigerer Produktionsstandorte nutzt.
Und zweitens muss – darauf aufbauend – geklärt werden, wie viel inländische Erzeugung und Import jeweils von Wasserstoff, Ammoniak, Methanol und grünem Naphtha in Deutschland in Summe und bis wann voraussichtlich benötigt wird. Die in der Nationalen Wasserstoffstrategie genannte Bandbreite zukünftiger Bedarfe von 90 bis 135 TWh für alle Derivate ist zu ungenau, um bei Marktakteuren und insbesondere deren Banken ausreichend Planungssicherheit für die notwendigen Investitionen herzustellen. Auch die kürzlich vorgestellte Wasserstoff-Importstrategie hat hier noch nicht die notwendige Klarheit geschaffen.
Die Bundesregierung ist mit ihrer Entscheidung für die Definition des Kernnetzes mutig vorangegangen. Jetzt gilt es, das Momentum zu nutzen, und zumindest einen Teil der verbleibenden Variablen in der Wasserstoff-Gleichung proaktiv zu lösen. Geschieht dies nicht, besteht das Risiko, dass der Hochlauf der Wasserstoffwirtschaft auch in den kommenden Jahren nur mäßig vorankommt, da sich Investitionsentscheidungen aufgrund bestehender Unsicherheiten weiter verzögern. Ein rein technologieoffener Ansatz, der daraufsetzt, dass sich die besten technischen Lösungen schon durchsetzen werden, so lange der Markt und die dafür notwendige Infrastruktur noch gar nicht existiert, wird scheitern. ■