Deutschlands ungenutztes Kraftwerk

In Deutschland gibt es ein Kraftwerk, das wir nicht nutzen, obwohl wir es dringend für unser Stromnetz bräuchten. Es produziert kein CO2, hat die öffentliche Hand kaum etwas gekostet und braucht keinen Platz in der Landschaft. Und es ist extrem schnell. Es kann Leistung innerhalb von wenigen Sekunden ins Netz abgeben. Und es kann Energie sogar wieder aufnehmen, wenn zu viel davon da ist. Damit ist es perfekt geeignet, um die natürlichen Schwankungen von Solar- und Windkraft auszugleichen. Das könnte unsere Stromnetze flexibler machen und deutlich entlasten. Und täglich wird dieses Kraftwerk größer.

Stromspeicher – eine ungenutzte Kapazität
Ich rede von den mittlerweile 1,6 Millionen Stromspeichern, die in den deutschen Haushalten stehen. Zusammen haben sie heute schon eine Speicherkapazität von 13 GWh und übersteigen damit alles, was es an Großspeicher hierzulande gibt (1,8 GWh). Sie können kurzfristig 9 Gigawatt Leistung zur Verfügung stellen – so viel wie sechs Atomkraftwerke. Wofür brauchen wir diese Leistung überhaupt? Sonne und Wind produzieren immer mehr Energie, die zu den Verbrauchern transportiert werden muss. Im ersten Halbjahr 2024 waren diese beiden Energieträger für fast die Hälfte des gesamten in Deutschland erzeugten Stroms verantwortlich.

Die Volatilität der Erneuerbaren in den Griff bekommen
Das Problem ist, dass diese Energieträger oft viel zu viel oder viel zu wenig Strom liefern. Zu manchen Zeiten sind die Mengen so groß, dass unsere Stromnetze sie nicht mehr aufnehmen und schon gar nicht transportieren können. Die Netzbetreiber müssen daher immer häufiger eingreifen, indem sie zum Beispiel viele Terrawattstunden saubere Energie im Jahr abregeln. Am Energiemarkt spielen die Preise verrückt und fallen ins Negative, wenn zu viel Solarstrom da ist und fossile Kraftwerke nicht schnell genug runterfahren können oder wollen. Das sind Symptome eines Energiesystems, dessen Gleichgewicht aus Angebot und Nachfrage sich neu austarieren muss. Und all das kostet viel Geld und macht die Energiewende teurer als sie sein müsste. Es ist notwendig, die Stromnetze zu verstärken und auszubauen, damit sie mit den großen Energiemengen besser umgehen können. Allerdings sind auch diese Investitionen kostspielig und werden vor allem nicht reichen. Warum nutzen wir dann nicht etwas, das schon da ist? Der größte Teil der Heimspeicher wird heute nur für den Eigenverbrauch eines Haushalts verwendet. Allein für diesen Zweck nutzen wir die wertvolle Ressource Stromspeicher aber bei weitem nicht aus. Im Sommer sind die Speicher viele Stunden lang voll und im Winter fast immer leer. Von November bis Februar – wenn die großen Windfronten über das Land ziehen – stehen sie ungenutzt im Keller. Stattdessen könnten sie Strom aufnehmen, wenn Überschüsse da sind.

Die große virtuelle Batterie nutzen
Technisch haben wir das bereits gelöst: Täglich gleichen tausende vernetzte sonnenBatterien in Deutschland Schwankungen im Stromnetz aus. Sie bilden eine große virtuelle Batterie, die das Stromnetz entlasten kann. Die Netzbetreiber können bei Bedarf darauf zugreifen und die Haushalte erzielen im Gegenzug zusätzliche Einnahmen. Angesichts der 1,6 Millionen Heimspeicher sind unsere rund 30.000 Kunden hier aber noch überschaubar. Warum ist das so? Herausforderung Nummer 1 sind die fehlenden Smart Meter. Die braucht es, damit die Speicher überhaupt abrechnen können, wie viel Energie sie den Netzen bereitstellen. In anderen Ländern sind diese Geräte längst in jedem Haushalt zu finden. In Deutschland nur bei 1,5 Prozent der Netzanschlüsse. Auch die kleinteilige Infrastruktur bremst: Fast 900 Netzbetreiber gibt es in Deutschland. Jeder von ihnen hat eigene Prozesse und Dokumente für jeden einzelnen Speicher, den wir für das virtuelle Kraftwerk anmelden wollen. Das kann Monate dauern, kostet Geld und erzeugt frustrierte Kunden. Gäbe es eine einheitliche digitale Schnittstelle, würde das Ganze ein paar Minuten dauern. Nicht zuletzt kann unser virtuelles Kraftwerk nicht an allen Märkten teilnehmen. Das hat keine technischen Ursachen, sondern liegt daran, dass wir keinen (fairen) Zugang haben oder weil der Markt noch nicht existiert. In Deutschland sind wir zum Beispiel an zwei Märkten aktiv, in den USA sind es neun.

Wir brauchen Flexibilität im Strommarkt
Die Technologie von sonnen ist heute ausgereift und kann auf jede Art von Schwankungen oder Engpässen im Stromnetz reagieren. Sie lässt sich genauso für ganze US-Bundesstaaten nutzen wie für deutsche Stadtwerke. Denn Flexibilität wird in Deutschland immer wertvoller, das zeigen auch der Paragraf 14a oder das Stromspitzenpaket. Mit dem virtuellen Kraftwerk haben wir ein bewährtes und kostengünstiges Tool, um diese Flexibilität in einen wirtschaftlichen Nutzen für Haushalte und Netzbetreiber zu wandeln. Wenn wir damit häufige Eingriffe und teuren Netzausbau reduzieren können, kommt das am Ende allen zugute. Denn die Erneuerbaren sind heute schon die günstigste Energiequelle. Wenn wir es schaffen, diesen Vorteil auch an die Menschen und die Industrie weiterzugeben, dann haben wir einen wichtigen Standortvorteil. Wir können uns aber nicht den Luxus erlauben, 13 GWh Kraftwerkskapazität weitgehend ungenutzt zu lassen. ■

Flexibilität im Strommarkt wird in Deutschland immer wertvoller.

Oliver Koch,CEO, sonnen

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