Defense-Ramp-up: Wenn der Markt schneller als die industrielle Basis wächst

Im Juli 2026 hat Rheinmetall erstmals Artilleriemunition aus dem neuen Werk Niedersachsen in Unterlüß ausgeliefert. Für das laufende Jahr sind 140.000 Geschosse vorgesehen, ab 2027 bis zu 350.000 jährlich. Der physische Hochlauf ist damit sichtbar. Für die Branche stellt sich damit die nächste Frage: Wie lässt sich sicherstellen, dass wachsende Kapazitäten im gesamten Produktionsnetzwerk auch zuverlässig in zusätzliche Liefermengen übersetzt werden?

Diese Aufgabe reicht weit über einen einzelnen Hersteller hinaus. Die NATO weist darauf hin, dass höhere Verteidigungsbudgets allein nicht genügen. Zusätzliche Mittel müssen in mehr Produktion und tatsächlich verfügbare Fähigkeiten münden. Bestellmengen können deutlich schneller steigen als die Produktionsstrukturen, die sie bedienen sollen.

„Der Erfolg des Defense-Ramp-ups zeigt sich daran, ob Investitionen zu verlässlich gelieferten Mengen führen. Neue Linien und Standorte sollten deshalb von der zugesagten Lieferung aus bewertet werden: Welchen Engpass beseitigen sie, und wann wird die zusätzliche Produktion wirksam?“ John Eisenhauer, Partner und Sektorleiter Public & Defense, MHP

Auftragseingang ist noch kein Leistungsnachweis

Viele Unternehmen richten Werke und Programme in kurzer Zeit auf höhere Stückzahlen aus. Neue Lieferanten kommen hinzu. Das erhöht die mögliche Produktion, zugleich entstehen weitere Abhängigkeiten.

Eine fertige Linie kann stillstehen, weil ein kritisches Bauteil fehlt. Ein Zulieferer kann investieren, obwohl die künftigen Abrufe noch schwanken. Mehrere Programme können zur selben Zeit dieselbe Maschine oder dasselbe Material benötigen.

So kann der Ausbau einen Engpass beseitigen und zugleich an anderer Stelle einen neuen schaffen. Ein hoher Auftragseingang zeigt zwar, wie groß die Nachfrage ist. Wie schnell zugesagte Mengen tatsächlich geliefert werden können, zeigt er dagegen nicht.

Investitionen an ihrer Lieferwirkung messen

Viele Ramp-up-Entscheidungen beginnen bei der sichtbaren Anlage: Wo entsteht eine neue Linie, wie groß wird sie, wann ist sie fertig? Für das Management ist eine zweite Perspektive entscheidend: Ausgangspunkt sollte die Menge sein, die zu einem bestimmten Termin zugesagt wurde.

Von diesem Lieferziel aus lässt sich rückwärts prüfen, was die Erfüllung gefährdet. Das kann fehlende Produktionszeit, knappes Material oder ein Partner sein, der beim Hochlauf zurückbleibt. Anschließend muss das Management bewerten, ob eine neue Maschine genau dieses Problem löst und rechtzeitig produktiv wird.

Eine Werkseröffnung markiert einen wichtigen Meilenstein. Wirtschaftlichen Wert erzeugt diese Investition, sobald die Linie stabil produziert und die zugesagten Mengen liefert.

Wachstum braucht einen neuen Bewertungsmaßstab

Hohe Auftragseingänge und Investitionsprogramme zeigen das Marktpotenzial. Sie sagen jedoch wenig darüber aus, wie schnell daraus Umsatz und Cashflow entstehen. Verzögerungen binden Material, verlängern den Kapitalbedarf und können das Ergebnis trotz guter Auftragslage belasten.

Unternehmensführung und Kapitalgeber sollten deshalb zwei Größen stärker gewichten: die Zeit bis zur stabilen Produktion und den Anteil termingerecht erfüllter Lieferzusagen. Beide zeigen, ob Investitionen tatsächlich wirtschaftlich wirksam werden.

Mittel sollten somit zuerst dort eingesetzt werden, wo sie eine konkrete Lieferzusage absichern und weinen Engpass im Netzwerk auflösen.

Lieferfähigkeit schafft Handlungsfähigkeit

Für staatliche Auftraggeber zählt am Ende, welche Fähigkeiten zu welchem Zeitpunkt verfügbar sind. Politische Beschlüsse und Haushaltsmittel entfalten ihre sicherheitspolitische Wirkung erst, wenn die Industrie die bestellten Systeme verlässlich liefert.

Derselbe Zusammenhang gilt für die gesamtstaatliche Versorgung. Verteilte Kapazitäten helfen nur, wenn ihre Verfügbarkeit und Abhängigkeiten bekannt sind und sie im Bedarfsfall aktiviert werden können. Die Studie „Logistische Drehscheibe Deutschland“ untersucht, wie privatwirtschaftliche Logistik-, Infrastruktur- und Versorgungsleistungen planbar eingebunden werden können.

Der europäische Defense-Markt bietet eine außergewöhnliche Wachstumsperspektive. Führen werden jene Unternehmen, die Investitionen konsequent von der zugesagten Lieferung her planen und ihr Produktionsnetzwerk darauf ausrichten.