Data Driven Health klingt wie ein völlig neues Paradigma in der Versorgung. Dabei ist ärztliches Handeln nach den Maßstäben der evidenzbasierten Medizin schon immer datengetrieben“. Labordaten, Daten aus bildgebenden Verfahren und auch anamnestisch erhobene Daten aus dem Gespräch mit dem Patienten bilden die Grundlage ärztlichen Handelns. Ärztinnen und Psychotherapeuten nutzen die ihnen vorliegenden Informationen zu ihren Patientinnen und Patienten, bewerten diese gegebenenfalls unter Hinzuziehung von Leitlinienempfehlungen und Ergebnissen aus klinischen Studien und leiten daraus Behandlungsschritte ab.
Die Praxen gestalten die Versorgung ihrer Patientinnen und Patienten – und somit einen Großteil der Versorgungsgeschehens in Deutschland – schon längst „data driven“. Wie schnell sich die Datenlage sowie die Erkenntnisse daraus ändern können, hat nicht zuletzt die Corona-Pandemie gezeigt, zu deren Bewältigung die wohnortnahe und niedrigschwellige ambulante Versorgung in den Praxen entscheidend beigetragen hat. Der schnelle Informationsaustausch hatte hier eine zentrale Bedeutung. Das galt aber nicht nur für die Bewältigung der Pandemie, sondern gilt für die ambulante Versorgung generell: Ärzte und Psychotherapeuten wollen und müssen Informationen untereinander und über die Sektorengrenzen hinweg austauschen.
Was verändert sich nun?
Die Menge an Daten, die für die Versorgung benötigt wird, nimmt seit Jahrzehnten immer weiter und geradezu rasant zu. Das ist darauf zurückzuführen, dass wir ein zunehmend besseres Verständnis von Krankheiten und ihren Zusammenhängen haben. Immer genauere diagnostische Verfahren führen zu mehr Informationen und zu einer notwendigen weiteren Spezialisierung medizinischer Fachgebiete, die immer mehr therapeutische Optionen bieten. Das ist ein großer Gewinn für die Patientenversorgung. Gleichzeitig erhöhen sich die Komplexität der Versorgung und die Notwendigkeit, noch enger zusammenzuarbeiten, mehr Daten auszutauschen und therapeutische Entscheidungen abzustimmen.
Währenddessen wird es beispielsweise durch die Weiterentwicklung von Sensoren immer einfacher, niedrigschwellig Vitalparameter zu sammeln. Wenn Smartwatches und In-Ear-Kopfhörer in Teilen zu Medizinprodukten werden, verschwimmen Lifestyle und Versorgung und die Menge an potenziell für die Versorgung interessanten Daten steigt noch weiter an. Diagnostische Verfahren entwickeln sich kontinuierlich weiter und liefern mehr sowie feingranularere Daten.
Das bedeutet nicht, dass all diese Daten im Versorgungsalltag relevant sind. In Anbetracht von demographischem Wandel und zunehmendem Fachkräftemangel wird aber schnell ersichtlich, dass sowohl der Datenmenge als auch der Komplexität der Versorgung nur mit technologischer Unterstützung begegnet werden kann.
Davon sind wir heute in der täglichen Versorgung leider häufig noch weit entfernt. Es ist daher umso wichtiger, dass wir uns auf den Weg machen und alle Beteiligten die Voraussetzungen dafür schaffen, dass eine datengestützte Versorgung eine noch bessere Patientenversorgung ermöglicht.
Was sind zentrale Voraussetzungen?
Zunächst ist die Verfügbarkeit der Daten sicherzustellen: Daten müssen zum richtigen Zeitpunkt am richtigen Ort für die ambulante Versorgung verfügbar sein. Dafür braucht es die passenden technischen, rechtlichen und organisatorischen Rahmenbedingungen. Diese Anforderung erscheint banal, fehlende Informationen wie nicht vorhandene Entlassbriefe aus Krankenhäusern oder ein fehlender Gesamtüberblick über die Medikation eines Patienten gehören jedoch noch immer zum Alltag in der Versorgung.
Ab 2025 soll die elektronische Patientenakte (ePA) zunehmend Teil der Versorgung und eine weitere Informationsquelle für Anamnese und Behandlung sein. Dadurch besteht die begründete Hoffnung, dass die Verfügbarkeit von Daten in Teilen verbessert wird, sofern die ePA in den Praxen anwenderfreundlich und praxistauglich umgesetzt ist.
Die ePA startet als eine dokumentenbasierte Akte der gesetzlich Krankenversicherten. Eine Information, die dann zukünftig – wenngleich immer noch im pdf-Format – schnell verfügbar ist, ist zwar bereits eine Verbesserung zu einem gar nicht vorhandenen Entlassbrief. Mehr Möglichkeiten für eine einfache Weiterverarbeitung der Daten und zur Weiterentwicklung hin zu einer „digital data driven“ ambulanten Versorgung bieten jedoch strukturierte Daten.
Hierzu leistet die KBV mit ihrer Tochtergesellschaft mio42 einen entscheidenden Beitrag. Die mio42 entwickelt und spezifiziert Standards für den systemübergreifenden Austausch von Gesundheits- und Patientendaten. Diese „Medizinischen Informationsobjekte“, kurz MIOs, helfen allen Akteuren im Gesundheitswesen, Informationen leichter auszutauschen, zu aktualisieren und abzugleichen.
Sind die Daten verfügbar, und dies im besten Fall strukturiert, werden praxistaugliche Anwendungen benötigt, die die Praxen darin unterstützen können, aus den verfügbaren Daten die richtigen Erkenntnisse zu gewinnen. Dabei geht es nicht nur um Anwendungen, die auf Basis von medizinischen Daten beispielsweise therapeutische Entscheidungen unterstützen. Es geht auch und gerade um die Teilautomatisierung von administrativen Prozessen wie Dokumentation oder Praxisorganisation. Bürokratie belastet Praxen stark und hier müssen alle Chancen genutzt werden, um wertvolle Arztzeit für die Versorgung von Patienten zurückzugewinnen.
Die Praxen wünschen sich hier ein vielfältiges innovatives Angebot, das sich gut in ihre Abläufe integriert oder diese verbessert. Insbesondere im Fall der Entscheidungsunterstützung müssen aber die Validitität und Sicherheit der Ergebnisse nachgewiesen worden sein. An dieser Stelle kommen auch KI-Anwendungen ins Spiel. Diesen gegenüber sind Praxen aufgeschlossen, wenn sie ihren Nutzen im Praxisalltag unter Beweis gestellt haben. Bei der Verarbeitung der Daten müssen Datenschutz und Datensicherheit zwingend gewährleistet sein. Denn der Schutz von sensiblen Daten von Patientinnen und Patienten ist nicht zuletzt die Grundlage für eine vertrauensvolle Beziehung und eine gute Patientenversorgung.
Ohne Menschen geht es nicht
Die Sorge, dass Künstliche Intelligenz Psychotherapeutin oder Arzt komplett ersetzt, erscheint unbegründet. Sicherlich werden KI-Anwendungen in Zukunft sogar Teile der Diagnostik übernehmen oder zunehmend bessere Hinweise zur Therapie geben können. Dennoch wird der „human factor“ unverzichtbar bleiben: Die Menschen werden weiterhin gebraucht, um Entscheidungen zu validieren und Verantwortung zu übernehmen. Auch wenn Daten für die Versorgung wichtig sind, lässt sich die oft über Jahre oder sogar Jahrzehnte bestehende Vertrauensbeziehung zwischen Arzt oder Psychotherapeut und Patient – gerade auch im Sinne einer umfassenden medizinischen wie auch sozialen Begleitung und Betreuung – nicht durch digitale Tools ersetzen. Ärztliches Handeln, ärztliche Ethik und ärztliche Kontrolle bleiben damit unverzichtbar.
Zukunftschancen für die Versorgung
Wenn die genannten Voraussetzungen gegeben sind, liegt eine echte Chance in dem, was aktuell unter Data Driven Health diskutiert wird – nicht allein für die ambulante Versorgung. Eine Infrastruktur, in der Daten strukturiert am richtigen Ort zur richtigen Zeit verfügbar sind, kann mehr Zeit für die Patientenversorgung schaffen und diese optimieren. Die medizinischen und psychotherapeutischen Teams werden in Zukunft noch mehr und besser digital und künstlich-intelligent unterstützt werden. Denn diese Technologien sind Werkzeuge für Profis: Die Profis in der Medizin werden auch Profis im Umgang mit KI & Co. werden (müssen).
Artikel aus dem Handelsblatt Journal How to future Health vom 05.11.2024