Über Innovationen und Umsetzungskräfte mit globaler Wirkung
Biotechnologie ist nicht nur ein Zukunftsthema – sie ist die Gegenwart unserer Wettbewerbsfähigkeit, unserer Gesundheitsversorgung und unserer Nachhaltigkeit. Sie prägt die industrielle Basis Europas ebenso wie seine Fähigkeit, Krisen zu bewältigen – von Pandemien über Ernährungssicherheit bis hin zum Klimawandel.
Die Bandbreite ihrer Anwendungen ist enorm: von personalisierter Medizin und Gen- und Zelltherapien über biobasierte Materialien bis zu innovativen Lösungen in der Landwirtschaft, Energie und Kreislaufwirtschaft. Biotechnologie ist die Schlüsseltechnologie einer wissensbasierten, resilienten und nachhaltigen Wirtschaft.
Europas Stärke und seine Bremsspuren
Europa verfügt über exzellente Grundlagen: Spitzenforschung, internationale Talente, führende Unternehmen in Nischenmärkten und eine lebendige Start-up-Szene. Doch die Kluft zwischen Forschung und Marktreife ist tiefer als in anderen Innovationszentren der Welt. Zulassungen dauern zu lang, regulatorische Vorgaben sind komplex und uneinheitlich, der Zugang zu Kapital bleibt erschwert.
Der neue EU Biotech Act 2026, vorbereitet durch die im April 2025 verabschiedete Biotech-Initiative des Europäischen Parlaments, wird darauf abzielen, genau diese Brücken zu schlagen – mit einem modernen Ordnungsrahmen, der Innovation beschleunigt, Sicherheit wahrt und Vertrauen schafft.
Europa braucht Regeln, die Innovation ermöglichen, nicht verhindern. Das bedeutet: klare Zuständigkeiten, transparente Verfahren und eine auf wissenschaftliche Evidenz gestützte Risikobewertung. Nur wenn die Rahmenbedingungen planbar und investorenfreundlich sind, bleiben Forschung, Entwicklung und Produktion in Europa.
Rückenwind aus Brüssel
Das Arbeitsprogramm der Europäischen Kommission 2025 setzt dafür die richtigen Akzente. Unter dem Leitmotiv „A Bolder, Simpler, Faster Union“ kündigt die Kommission zentrale Initiativen an:
- die Bioökonomiestrategie (Q4 2025) – als Fundament einer nachhaltigen, biobasierten Industriepolitik,
- den Clean Industrial Deal und Industrial Decarbonisation Accelerator Act – um industrielle Transformation mit Innovation und Klimazielen zu verbinden,
- die EU Start-up and Scale-up Strategy – um Gründungen zu fördern und europäische Biotech-Unternehmen im globalen Wettbewerb zu stärken,
- den Critical Medicines Act – zur Sicherung der Versorgung und Reduzierung strategischer Abhängigkeiten
- sowie umfassende Omnibuspakete zur Vereinfachung und Beschleunigung von Investitionen und Genehmigungsverfahren.
Diese Initiativen stehen für eine neue Haltung: Weniger Papier, mehr Praxis. Europa will seine Innovationskraft entfesseln – durch Vereinfachung, gezielte Investitionen und eine aktive Industriepolitik, die nicht nur verwaltet, sondern gestaltet.
Globale Dynamik – geopolitische Realität
Biotechnologie ist längst Teil geopolitischer Strategien. Der US BioSecure Act zeigt, wie Sicherheitspolitik technologische Kooperation beeinflusst. China, Südkorea und andere Staaten investieren Milliarden in Forschung und Produktion. Wenn Europa hier Schritt halten will, braucht es strategische Autonomie – durch eigene Produktionskapazitäten, stabile Lieferketten und europäische Investitionsmechanismen.
Die EU-Bioökonomiestrategie adressiert genau das: Sie verbindet industrielle Resilienz mit Nachhaltigkeit. Biotechnologie wird so zum Kern einer „Clean Industrial Sovereignty“ – einer europäischen Antwort auf globale Abhängigkeiten.
Finanzierung und Marktzugang: Europas Achillesferse
Innovationsfreundliche Regulierung allein reicht aber nicht. Kapital, Skalierung und Marktzugang entscheiden über Erfolg oder Abwanderung. Start-ups brauchen in Europa Risikokapital – nicht Risikoscheu. Deshalb sind die Pläne für eine Savings and Investments Union und die Reform des Securitisation Frameworks zentrale Hebel, um privates Kapital für Hightech-Innovationen zu mobilisieren.
Zugleich muss das Zulassungssystem reformiert werden – schneller, transparenter, digitaler. Die geplante Digital Package-Initiative sowie die European Business Wallet sollen dafür sorgen, dass Daten, Nachweise und Genehmigungen europaweit interoperabel werden – ein Quantensprung auch für die Biotech-Branche.
Standortpolitik mit Mut
Europa darf sich nicht länger auf seine Forschungsstärke allein verlassen. Es braucht eine mutige Standortpolitik, die Investitionen erleichtert, Infrastruktur ausbaut und die gesamte Wertschöpfungskette – von der Forschung über die klinische Erprobung bis zur Produktion – im Binnenmarkt verankert.
Das bedeutet:
- Weniger Fragmentierung, mehr europäische Koordination.
- Schnellere Verfahren und digitalisierte Behördenprozesse.
- Gezielte Förderung von Scale-ups und industrieller Fertigung.
Hier gilt: Nicht abwarten, sondern machen.
Dialog und Verantwortung
Europa hat die Chance, Biotechnologie als strategische Zukunftsbranche zu begreifen – nicht als Nischensektor. Dazu braucht es den Schulterschluss von Politik, Wissenschaft und Wirtschaft. Der Erfolg wird sich nicht in Verordnungen, sondern in marktreifen Innovationen messen lassen.
Plattformen wie die Handelsblatt Konferenz Biotech 2025 schaffen den notwendigen Dialog. Dort werden die entscheidenden Fragen verhandelt: Wie gestalten wir Regulierung so, dass sie Sicherheit schafft, aber Fortschritt ermöglicht? Wie sichern wir Europas Rolle im globalen Innovationswettlauf?
Als Mitglied des Europäischen Parlaments mit Schwerpunkten in den Bereichen Binnenmarkt und Industriepolitik ist es mir ein Anliegen, diesen Wandel aktiv zu gestalten – gemeinsam mit der Kommission, den Mitgliedstaaten und den Akteuren der Branche.
Europas Moment
Europa steht am Wendepunkt. Biotechnologie ist kein Zukunftsversprechen mehr, sie ist unsere Gegenwart. Sie entscheidet, ob Europa innovativ bleibt, seine strategische Souveränität behauptet und Wohlstand schafft. Die Botschaft ist klar: Nicht zaudern, sondern handeln. Nicht regulieren um der Regulierung willen, sondern gestalten für Innovation und Vertrauen.
Europa hat alles, was es braucht – jetzt muss es einfach machen.