Banking im Hintergrund

Artikel aus dem Handelsblatt Journal Banking 2025 vom 03.09.2025

Wie Banken mit der richtigen Technologie zum Wachstumstreiber der digitalen Wirtschaft werden

Banken stehen an einem Wendepunkt. Noch nie war ihre Infrastruktur so gefragt – und gleichzeitig so unsichtbar. 71 Prozent der mittelständischen Unternehmen erwarten laut McKinsey, dass Finanzdienstleistungen nahtlos in ihre bestehenden Prozesse eingebettet sind. Gleichzeitig steigt der Druck: Nutzer fordern Geschwindigkeit, Plattformen Integration, Start-ups Innovation. Was früher das klassische Produkt war – Konto, Kredit, Karte – wird heute zur API im Hintergrund.

Die Spielregeln haben sich geändert. Kunden suchen keine Bank mehr, sie erwarten, dass Finanzlösungen dort verfügbar sind, wo sie ohnehin unterwegs sind: im Checkout, in der Buchhaltung, in ihrer Software. Diese Erwartungen definieren nicht nur neue Touchpoints, sondern neue Geschäftsmodelle. Wer Banking nur als Produkt begreift, verliert. Wer Infrastruktur schafft, gewinnt Relevanz.

Dieser Gastbeitrag zeigt, warum Banken ihre Rolle überdenken müssen – und wie sie mit der richtigen Technologie zum Wachstumstreiber der digitalen Wirtschaft werden.

 

Entscheidend ist nicht, wem der Kunde gegenübersteht, sondern wie gut das Finanzprodukt in den Ablauf passt.

Miriam WohlfarthGründerin und Co-CEO, Banxware

 

Wenn Technik das Wie verändert und Kunden das Was

Zwei Entwicklungen prägen den Wandel der Finanzbranche. Erstens: der technologische Fortschritt – vor allem Künstliche Intelligenz, die Entscheidungen beschleunigt, Abläufe automatisiert und neue Geschäftsmodelle ermöglicht. Zweitens: ein verändertes Nutzerverhalten. Wer online einkauft, erwartet auch bei Finanzprodukten dieselbe Bequemlichkeit, Klarheit und Geschwindigkeit. Viele junge Menschen waren nie in einer Bankfiliale und haben es auch nicht vor. Sie wollen Lösungen, die sich nahtlos in ihren Alltag einfügen – schnell, verständlich, zur richtigen Zeit. Das zwingt Banken, ihre Rolle neu zu denken – technologisch, organisatorisch, strategisch.

2019 habe ich hier in einem Gastbeitrag gefragt, ob Banken zu Plattformen werden müssen. Damals war das eine berechtigte Frage. Heute, sechs Jahre später, zeigt sich: Plattformen entstehen längst an anderer Stelle. Bei Amazon, Zalando, tidely, Lexware, Lieferando, Qonto, Agicap, tide und vielen anderen. Dort, wo sich Kunden ohnehin bewegen, treffen sie auch auf Finanzprodukte – eingebettet in vertraute Abläufe. Banken liefern dafür die Infrastruktur. Ihre Rolle verändert sich: vom sichtbaren Produktanbieter hin zum integrativen Partner im Hintergrund.

Diese Verschiebung ist kein Bedeutungsverlust, sondern ein Strukturwandel. Banken bleiben systemrelevant und werden zu einem entscheidenden Teil größerer digitaler Wertschöpfungsketten. Finanzprodukte müssen nicht sichtbar sein, sie müssen funktionieren – reibungslos, punktgenau und im passenden Kontext. Ob im Checkout eines Marktplatzes, in der Buchhaltungssoftware oder in der Banking-App eines Drittanbieters: Entscheidend ist, dass sie zur richtigen Zeit verfügbar sind.

Strategische Bedeutung von Embedded Finance aus Sicht der Wissenschaft

Wie Prof. Dr. Silke Finken in ihrem aktuellen Fachbuch „Embedded Finance“ betont, wird Embedded Finance zu einem zentralen Bestandteil des Bankings der Zukunft: „Banken müssen sich anpassen, um an der Kundenschnittstelle sichtbar und relevant zu bleiben. Innovative Partnerschaften und datengetriebene Geschäftsmodelle werden zu entscheidenden Erfolgsfaktoren im digitalen Ökosystem.“ Ihre Analyse unterstreicht, dass die Kombination von Embedded Finance, Künstlicher Intelligenz und Regulierung (FIDA) einen echten Umbruch einleitet und Banken vor neue strategische Herausforderungen stellt.

Banken als integrierte Partner: Der neue Kontext entscheidet

Banken stehen vor einer Neuordnung. Sie bleiben unverzichtbar, müssen aber ihre Rolle anpassen – weg vom alleinigen Produktanbieter, hin zum integrierten Partner der Plattformökonomie. Entscheidend ist nicht, wem der Kunde gegenübersteht, sondern wie gut das Finanzprodukt in den Ablauf passt.

Das verlangt Zusammenarbeit. Plattformbetreiber, Softwareanbieter, Banken und Fintechs müssen gemeinsam Lösungen entwickeln, die im Hintergrund wirken und im richtigen Moment präsent sind. Die technische Grundlage dafür ist längst da: offene Schnittstellen, modulare Architekturen, lernende Systeme. Wer sich integriert, wird genutzt. Wer sich abschottet, bleibt außen vor.

 

Wer sich integriert, wird genutzt. Wer sich abschottet, bleibt außen vor.

Miriam WohlfarthGründerin und Co-CEO, Banxware

 

Banxware: Infrastruktur statt Oberfläche

Wie kann das konkret aussehen? Als wir Banxware gegründet haben, wollten wir Finanzierungslösungen dorthin bringen, wo sie relevant sind — in die Geschäftsprozesse von Plattformen, Marktplätzen oder Softwareanbietern. Dazu braucht es Infrastruktur, die von Grund auf digital gedacht ist: keine Altlasten, keine Kompromisse. Unser System ist modular, integrierbar und darauf ausgelegt, mit Daten zu arbeiten, nicht gegen sie.

Künstliche Intelligenz ist dabei kein Beiwerk, sondern der zentrale Treiber. Sie hilft, Daten zu verknüpfen, Muster zu erkennen, Entscheidungen zu treffen. In der Theorie klingt das abstrakt, in der Praxis zeigt sich ihr Wert jeden Tag.

Was das in der Praxis bedeutet

Technologie wird greifbar, wenn sie konkrete Wirkung entfaltet. Deshalb habe ich meine Kolleginnen und Kollegen bei Banxware gebeten, ihre Erfahrungen aus dem Alltag zu teilen:

Fabian Heiss (Co-Founder & COO):
„KI unterstützt uns auf mehreren Ebenen: vom Kundensupport bis zur internen Wissensvernetzung. In der Kommunikation hilft sie, Anfragen automatisiert zu beantworten und Schritt-für-Schritt-Anleitungen bereitzustellen. Intern analysieren KI-Agenten komplexe Verträge, extrahieren relevante Klauseln und beantworten Fragen zu regulatorischen Anforderungen. Besonders hilfreich ist unser interner Knowledge Hub, der neue Teammitglieder beim Onboarding unterstützt. In Verbindung mit unserem CRM entsteht ein Echtzeitbild der Kundenbeziehung — und damit die Basis für präzises, kontextbezogenes Handeln.“

Jose Vollmann & Mitjar Sadar (Risk-Team):
„Unsere KI-Systeme erkennen Muster, bevor Menschen sie bemerken. Sie analysieren Finanzdokumente, strukturieren Jahresabschlüsse, erstellen Forecasts und entwerfen erste Kreditmemos. So entlasten sie unsere Analystinnen und Analysten und ermöglichen strategischere Entscheidungen. In der Portfoliosteuerung erkennen wir Anomalien frühzeitig, clustern Risiken automatisiert und leiten gezielt Maßnahmen ab. Unsere Pricing-Modelle kombinieren Risikobewertungen mit Marktbewegungen. Besonders wertvoll ist unser Clustering-Modell: Es identifiziert Verhaltensmuster in Kundengruppen, lange bevor sie als Zielsegmente definiert werden.“

Gui Oliveira (CTO):
„Wir nutzen KI dort, wo sie Wirkung zeigt: beim Auslesen von PDFs, bei der Echtzeitbewertung komplexer Bankdaten oder der Prognose von Zahlungsströmen. Unser Underwriting-System arbeitet mit eigenen Machine-Learning-Modellen – sie bilden das technische Rückgrat für die Modelle unseres Risk-Teams. Intern setzen wir KI-Coding-Tools ein, automatisieren Meeting-Notizen und nutzen Chat-Systeme als Wissensspeicher. Der Schlüssel ist unser fokussiertes Tech-Stack: nicht alles ausprobieren, sondern die richtigen Tools tief integrieren. So arbeiten wir schneller, präziser – und mit weniger Reibung.“

Ulrike Grandi-Haferstroh (CMO) & Mandya Aziz (CCO):
„Unsere Modelle erkennen frühzeitig, wenn ein Unternehmen Liquidität benötigt – etwa wenn bei Handwerksbetrieben saisonal weniger Aufträge eingehen. Gemeinsam mit Plattformpartnern platzieren wir dann gezielt Angebote. Unsere Segmentanalysen helfen uns, Kampagnen nicht breit zu streuen, sondern punktgenau auszuspielen: dort, wo Bedarf, Zeitpunkt und Kanal optimal zusammenpassen. Erfolgreiches Marketing und Vertrieb heißt heute: datenbasiert, kontextsensibel und nah an den realen Abläufen der Kunden.“

Von der Plattformidee zur Partnerschaft: Was Banken jetzt brauchen

Was sich daraus ableiten lässt, ist klar: Ohne belastbare Datenbasis funktioniert moderne Finanzinfrastruktur nicht. Sie ist das Fundament – für smarte Kreditentscheidungen, gezieltes Marketing, automatisierte Abläufe. Ebenso wichtig ist die Art der Zusammenarbeit: interdisziplinär, vernetzt, mit einem gemeinsamen Verständnis von Technologie, Risiko und Kundennutzen.

Der Gedanke, dass Banken selbst zu Plattformen werden, war 2019 spannend. Heute ist klar: Die Entwicklung findet in Ökosystemen statt, in denen viele Akteure zusammenspielen. Banken bleiben relevant, aber als Partner, nicht als Zentrum. Sie sind Infrastrukturanbieter, Risikopartner und Kapitalgeber.

Fazit: Relevanz durch Einbindung

Banking ist kein Produkt mehr, das man aktiv sucht. Es ist ein Bestandteil digitaler Abläufe. Die Zukunft liegt dort, wo Finanzdienstleistungen unauffällig und effizient im Hintergrund wirken – eingebettet in Software, Plattformen und Prozesse. Dafür braucht es nicht mehr Versprechen, sondern bessere Infrastruktur, belastbare Daten und kluge Kooperation.

Was zählt, ist nicht die Fassade, sondern die Leistungsfähigkeit und Verlässlichkeit im Hintergrund. Nur wer das versteht, wird seine Relevanz in einer zunehmend digitalen Wirtschaft bewahren – und Zukunft aktiv mitgestalten.

Bild: © Banxware

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