Artikel aus dem Handelsblatt Journal „Energiewirtschaft“
Der Monitoringbericht zur Energiewende für das Bundesministerium für Wirtschaft und Energie (BMWE) im September letzten Jahres hatte das Ziel, eine Bestandsaufnahme zur Energiewende zu machen. Diese Überprüfung war wichtig für das weitere politische Handeln. Durch die im Vergleich zu den ursprünglichen Prognosen schwächere Entwicklung bei der Elektrifizierung von Verkehr und Wärme sowie dem stockenden Wasserstoffhochlauf wurde ein geringerer Anstieg des Strombedarfs bis 2030 festgestellt.
Den Prognosen nach wird sich dieser jedoch in den Folgejahren wieder steigern, insbesondere werden Rechenzentren, aber auch die fortschreitende Dekarbonisierung der Verbrauchssektoren Gebäude und Verkehr für eine erhebliche Bedarfssteigerung sorgen. Kernstück der Energiewende ist nach wie vor der Ausbau der erneuerbaren Energien, der weiterhin in hohem Umfang notwendig ist, wie der BMWE-Monitoringbericht ebenfalls ausgewiesen hat. Dies gilt umso mehr, wenn man die langfristige Perspektive bis 2045 in den Blick nimmt.
Auch die Expertenkommission zum Energiewende-Monitoring hat Ende letzten Jahres eine Steigerung der Ausbauraten der Erneuerbaren empfohlen, um die Klimaziele zu erreichen.
Erneuerbare: Entwicklung und Herausforderungen
Erneuerbare Energien sind längst mehr als ein Klimaschutzinstrument – sie bilden das Rückgrat eines resilienten Energiesystems im geopolitischen Kontext und sind das industriepolitische Fundament, weil sie die kostengünstigste Form der Stromerzeugung darstellen. Kein Wunder, dass die Kapazitäten weltweit wachsen, wie die Internationale Energieagentur (IEA) Jahr für Jahr berichtet.
Deutschland hat beim Ausbau sehr gute Fortschritte gemacht. Lag der Anteil des Grünstroms am Bruttostromverbrauch laut Umweltbundesamt 2015 noch bei 31,6 Prozent, erhöhte er sich 2020 auf 45,5 Prozent. Im letzten Jahr lagen wir bei rund 55 Prozent. Aber es gibt Herausforderungen: Der Stromnetzausbau hinkt dem Erneuerbaren-Ausbau hinterher, obwohl die Genehmigungsverfahren schon beschleunigt werden konnten. Diese Beschleunigung muss weitergehen, die Bundesregierung arbeitet daran.
Bei immer mehr grüner Stromerzeugung entstehen kurz- und mittelfristig Kosten für den notwendigen Systemumbau bei Infrastruktur und Back-up-Kapazitäten sowie Marktintegration, Flexibilisierung und Digitalisierung. Deshalb ist Kosteneffizienz unbestritten ein wichtiger Faktor – aber wir sollten uns immer wieder klar machen, dass wir es mit einer Jahrhundertaufgabe zu tun haben, die zunächst hohe Investitionen erfordert, uns aber auf Dauer günstigere Strompreise verschafft, für Klimaschutz sorgt und unabhängiger von Importen macht.
Beitrag zum Industriestandort – Marktintegration als Schlüssel
Bei all dem spielt aufgrund gesunkener Gestehungskosten der ungeförderte Ausbau erneuerbarer Energien über direkte Bezugsmodelle wie Power Purchase Agreements (PPAs) eine verstärkte Rolle und schafft für die Wirtschaft die Grundlage für eine langfristige Absicherung gegen steigende Strombezugspreise – inklusive Entlastung des EEG-Kontos. Gleichzeitig ist dieser Bezug enorm wichtig, um die eigene Dekarbonisierung weiter voranzutreiben.
Unternehmen investieren dort, wo Planungs- und Investitionssicherheit gegeben ist. Verlässliche Zubaupfade bei den Erneuerbaren sind hier ein entscheidender Standortfaktor, wobei staatliche Absicherungsmaßnahmen für die Anlaufinvestitionen wichtig bleiben, denn Investitionen in erneuerbare Anlagen benötigen in aller Regel Fremdkapital. Und Kapitalgeber brauchen Sicherheiten. Daher hilft ein staatlicher Absicherungsmechanismus über ein weiterentwickeltes Erneuerbare-Energien-Gesetz, den Zubaupfad verlässlich abzusichern.
Marktintegration umfasst auch Flexibilität, also Speicher, Lastmanagement, Sektorkoppelung, Smart Metering und ähnliches, die zu einem zentralen Baustein einer neuen industrie- und energiepolitischen Architektur werden und die nur dann gelingen, wenn wir die Netze umfassend digitalisieren.
Energiewende als Standortprojekt
Erneuerbaren-Ausbau, Netze, Flexibilität, Marktintegration und geopolitische Resilienz sind keine getrennten Themen – sie bilden gemeinsam das strategische Fundament eines modernen Wirtschaftsstandorts. Deutschland kann ein starker und international beispielgebender Standort für eine klimaneutrale Industrie werden, wenn der weitere Erneuerbaren-Ausbau kohärent, realistisch und systemisch umgesetzt wird.
Foto: © Hoffotografen (Portrait)
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