Andre Standke, Managing Partner | Thede Consulting – drei Fragen, drei Antworten:

1. Retail Banking 2030: Wie lässt sich im intensiven Wettbewerb künftig noch das größte Potential heben – im Produkt, in der Kundenbeziehung oder im Ökosystem? Und welche Weichen müssen Banken stellen?

Statement: Die Wertschöpfung und Kundenwahrnehmung verlagern sich von den einzelnen Produkten hin zum Banking-Ökosystem.

Begründung: Bis 2030 wird sich das größte Wertschöpfungspotenzial im Retail Banking strukturell vom Produkt hin zum Ökosystem verlagern. Klassische Bankprodukte wie Konten, Karten oder Konsumentenkredite werden zunehmend austauschbar und verlieren im Zuge von Instant Payments, A2A-Verfahren und regulatorischen Initiativen weiter an Margenstärke. Gleichzeitig wird die direkte Kundenbeziehung durch „Invisible Banking“ und AI-basierte Entscheidungslogiken in Plattform- und Nutzungskontexte verschoben. Wert entsteht künftig dort, wo Finanzdienstleistungen nahtlos in digitale Geschäftsmodelle integriert sind – etwa am Point of Sale, in Mobilitäts- oder E-Commerce-Plattformen sowie im Kontext digitaler Identitäten. In Europa beschleunigen Initiativen wie Wero, die EUDI Wallet und perspektivisch der digitale Euro diese Entwicklung hin zu einem Wallet- und Identity-basierten Ökosystem, in dem Banken primär als Infrastruktur-, Risiko- oder Funding-Provider agieren müssen oder sich durch eine eigene umfassende digitale Agenda von Wettbewerb differenzieren.

Und welche Weichen müssen Banken heute stellen?

Statement: Klare Positionierung im Wallet-Ökosystem; Aufbau von Identity- und Embedded-Finance-Fähigkeiten; Bereitstellung leistungsfähiger API-Services

Begründung: Durch die Verlagerung von den einzelnen Produkten hin zu einem Ökosystem müssen Banken bereits heute strategische Weichen stellen: die Entkopplung von Produkt und Distribution durch API-fähige Services, eine klare Positionierung im Wallet-Ökosystem sowie den Aufbau von Identity- und Embedded-Finance-Fähigkeiten. Der zukünftige Wettbewerb wird nicht mehr zwischen einzelnen Banken stattfinden, sondern zwischen integrierten digitalen Ökosystemen, in denen Banking eine Funktion – und nicht mehr das Geschäftsmodell selbst – darstellt.

2. Welche Rollen spiele Banken, Broker und Fintechs bei Finanz- und Vermögensbildung und wie entstehen daraus konkrete Wertschöpfungspotentiale im Retail Banking?

Statement: Banken sichern Zugang & Vertrauen, Broker skalieren Investment, Fintechs treiben neue Kundenerlebnisse – durch neue Ökosysteme entsteht die Wertschöpfung.

Begründung: Banken, Broker und Fintechs übernehmen künftig komplementäre Rollen bei der Finanz- und Vermögensbildung – und genau aus diesem Zusammenspiel entstehen neue Wertschöpfungspotenziale im Retail Banking.

Banken bleiben zentrale Vertrauensanker im System: Sie stellen regulatorisch abgesicherte Infrastruktur, Kontozugang, Zahlungsverkehr sowie Risiko- und Bilanzkapazitäten bereit. Gerade im Kontext langfristiger Vermögensbildung (z. B. Altersvorsorge, strukturierte Sparprodukte) verfügen sie weiterhin über hohe Glaubwürdigkeit, insbesondere in Europa mit seinem stark regulierten Umfeld.

Broker hingegen treiben die Skalierung kapitalmarktnaher Angebote. Durch einfache Zugänge zu Wertpapieren, ETFs oder digitalen Anlagelösungen senken sie Markteintrittsbarrieren für Retailkunden erheblich und ermöglichen eine stärkere Beteiligung an der Kapitalmarktentwicklung. Sie fungieren damit als Distributionsschicht für Investmentprodukte.

Fintechs wiederum differenzieren über Nutzererlebnis, datengetriebene Beratung und automatisierte Investmentlogiken (z. B. Robo-Advisory). Sie integrieren Spar-, Investment- und Vorsorgefunktionen zunehmend kontextuell in digitale Lebenswelten – etwa über Apps, Wallets oder Embedded-Finance-Modelle.

Konkrete Wertschöpfungspotenziale im Retail Banking entstehen dort, wo diese Rollen in Plattform- und Ökosystemmodellen zusammengeführt werden:

  • Integration von Investmentlösungen in Wallets und Alltags-Apps
  • Kontextbasierte Spar- und Anlageprodukte (z. B. am Point of Sale)
  • Identity-gestützte Onboarding- und Beratungsprozesse (z. B. via EUDI Wallet)
  • API-basierte Distribution von Vorsorge- und Anlageprodukten
  • Datengetriebene Personalisierung entlang der Customer Journey

Für Institute – auch mit Blick auf Initiativen wie Wero oder die EUDI Wallet – bedeutet dies: Die Wertschöpfung verlagert sich von der Produktmarge hin zur Orchestrierung von Finanzdienstleistungen innerhalb digitaler Ökosysteme. Banken, die ihre Infrastruktur-, Risiko- und Identitätskompetenzen gezielt in solche Plattformmodelle einbringen, können neue Erlösquellen entlang der Vermögensbildungs-Journey erschließen – etwa über Embedded Investing, Advisory-as-a-Service oder Identity-basierte Transaktionsmodelle.

3. Künstliche Intelligenz ist im Banking angekommen. Wo sehen Sie im Jahr 2026 den größten Hebel: Effizienz, Kundenerlebnis oder neue Geschäftsmodelle?

Statement: In der Effizienz: Automatisierung senkt die Kosten und schafft die Basis für bessere CX und neue Modelle wie Embedded oder Agentic Banking.

Begründung: Im Jahr 2026 liegt der größte Hebel für den Einsatz von Künstlicher Intelligenz im Banking klar auf der Effizienzseite – auch wenn Kundenerlebnis und neue Geschäftsmodelle perspektivisch an Bedeutung gewinnen werden.

Kurzfristig ermöglicht KI vor allem substanzielle Produktivitätsgewinne entlang der gesamten Wertschöpfungskette: von der automatisierten Bearbeitung regulatorischer Anforderungen (z. B. KYC, AML), über Kreditentscheidungsprozesse und Betrugsprävention bis hin zur Optimierung interner Service- und Backoffice-Abläufe. Gerade im Retail Banking mit hohem Transaktionsvolumen lassen sich durch intelligente Automatisierung signifikante Kostenpotenziale heben und Durchlaufzeiten reduzieren.

Parallel dazu verbessert KI bereits heute spürbar das Kundenerlebnis – etwa durch personalisierte Finanzempfehlungen, proaktive Liquiditätsprognosen oder AI-gestützte Assistenzsysteme im Kundenservice. Diese Anwendungen stärken Kundenbindung und Interaktion, bleiben jedoch vielfach noch innerhalb bestehender Geschäftsmodelle.

Der strukturell größte Transformationshebel liegt langfristig in der Entwicklung neuer, KI-basierter Geschäftsmodelle – beispielsweise im Kontext von Embedded Finance oder „Agentic Banking“, bei dem autonome Systeme Finanzentscheidungen im Auftrag des Kunden vorbereiten oder ausführen. Initiativen wie die EUDI Wallet könnten solche Modelle künftig zusätzlich beschleunigen, etwa durch automatisierte Identitäts- und Autorisierungsprozesse.

Für 2026 gilt jedoch: Banken, die KI konsequent zur Effizienzsteigerung einsetzen, schaffen die notwendige Kosten- und Datenbasis, um in einem nächsten Schritt auch Kundenerlebnis und Geschäftsmodell nachhaltig zu transformieren. Wichtig ist aber, dass KI nur dann erfolgreich eingesetzt werden kann, wenn die gesamte Organisation hier einbezogen wird. KI ist nicht nur eine neue Technologie, sondern die Transformation der gesamten Organisation und Prozesse bis hin zu den IT-Plattformen. Nur wenn alle Puzzleteile sinnvoll ineinandergreifen, kann KI die volle Wirkung in einem Unternehmen erzeugen.