Die aktuell angespannte Situation im Gasspeichermarkt sorgt branchenweit für Unsicherheit und fordert klare Einordnungen. Im Gespräch gibt Dr. Thomas Ruttmann, Sprecher der Geschäftsführung SEFE Storage, eine fundierte Einschätzung der Lage und beantwortet kritische Fragen zur zukünftigen Versorgungssicherheit. Ergänzt wird die Analyse durch einen Kommentar von Marcus Mentel, SVP Account Management–Reseller SEFE Energy GmbH, der die Entwicklungen aus Markt- und Kundenperspektive einordnet.
„Wie funktioniert das deutsche Gasspeichersystem grundsätzlich? Welche Akteure, gesetzlichen Vorgaben und Marktmechanismen greifen ineinander – und welche Rolle spielen dabei speziell die Speicher Rehden, Jemgum und Haidach für die Versorgungssicherheit?“
Unser Gasspeichersystem ist ein integrierter Teil der Energieinfrastruktur – technisch, regulatorisch und marktseitig. Es basiert auf dem Zusammenspiel von Speicherbetreibern, Fernleitungsnetzbetreibern und Gashändlern, was im Rahmen der gesetzlichen Vorgaben die Versorgungssicherheit gewährleistet.
Die Betreiber stellen Speicherkapazitäten bereit. Händler und Versorger buchen diese Kapazitäten und entscheiden eigenständig, ob und wann sie Gas ein- oder ausspeichern. Das eingelagerte Gas gehört immer den Speicherkunden, nicht dem Betreiber.
Bei Rehden und Haidach handelt es sich um Porenspeicher, ehemalige Gaslagerstätten, die große Arbeitsgasvolumina aufnehmen können. Sie eignen sich ideal für die saisonale Speicherung: Einspeichern im Sommer, Ausspeichern im Winter. Rehden ist ein Eckpfeiler der deutschen Erdgasversorgungssicherheit, indem rund ein Fünftel der deutschen Speicherkapazitäten darüber bereitgestellt wird. Obwohl in Österreich gelegen, dient Haidach vorrangig dem deutschen Markt.
Bei Kavernenspeichern wie in Jemgum handelt es sich um durch Ausspülung geschaffene Hohlräume in Salzstöcken. Diese ermöglichen es, innerhalb sehr kurzer Zeit das gesamte Speichervolumen ein- oder auszulagern. Dadurch ist Jemgum besonders flexibel und kann kurzfristige Bedarfsschwankungen schnell ausgleichen.
„Was genau passierte bei den Eingriffen in die Speicherbewirtschaftung in den Jahren 2022 bis heute – und welche Auswirkungen hat ein solcher Eingriff auf Marktteilnehmer, Speicherbetreiber und Versorger?“
Seit 2022 musste der Staat mehrfach in die Speicherbewirtschaftung eingreifen, um die Versorgungssicherheit in einer außergewöhnlichen Krisensituation zu stabilisieren. Die eingeführten Füllstandsvorgaben gelten noch bis zum 1. April 2027. Darüber hinaus sind wir Betreiber verpflichtet, gegebenenfalls nicht durch die Kunden genutzte Kapazitäten dem Marktgebietsverantwortlichen Trading Hub Europe (THE) anzubieten.
Infolge der veränderten physischen Erdgasversorgungslage und der staatlichen Maßnahmen haben sich die Preise an den Erdgas-Terminmärkten deutlich verändert. Preisnotierungen für Wintermengen sind nur marginal höher als jene für den Sommer, zeitweise sogar niedriger. Eine saisonale Speichernutzung wird somit marktseitig weniger attraktiv. Dies betrifft Porenspeicher, die traditionell für dieses Nutzungsprofil nachgefragt wurden, ungleich stärker als die flexibleren Kavernenspeicher.
Für uns Betreiber bleibt der Auftrag unverändert: Wir stellen die Speicherkapazitäten dem gesamten Markt über transparente Auktionen und mit hoher technischer Zuverlässigkeit bereit.
„In den Medien heißt es häufig: ‚Deutschlands größter Speicher ist leer.‘ Wie ordnen Sie diese Meldungen fachlich ein? Was bedeuten sie tatsächlich für die Versorgungssicherheit?“
Solche Aussagen sind zu kurz gefasst. Ein Füllstand zeigt zunächst nur, wie intensiv Speicherkunden ihre gebuchten Kapazitäten zu einem gewissen Zeitpunkt nutzen. Ob sie genutzt werden, hängt vom momentanen Marktbedarf, von Preisbewegungen und davon ab, welcher Speichertyp für den jeweiligen Einsatzzweck passend ist. Wenn der Markt weniger Bedarf an langfristiger Einspeicherung hat, werden große Kapazitäten in Porenspeichern wie Rehden weniger abgerufen. Über die Versorgungssicherheit sagen solche Momentaufnahmen wenig aus. Diese war aus unserer Sicht für das Speicherjahr 2025/2026 aufgrund der gesamtdeutschen Speicherfüllstände und der Lieferströme aus Norwegen, den Niederlanden und über Flüssigerdgas gewährleistet.
„Droht ein Engpass im kommenden Winter, oder ist die Lage stabiler, als die Schlagzeilen vermuten lassen?“
Die Sommerpreise lagen zuletzt über den Winterpreisen. Dies ist der Hauptgrund dafür, dass Händler derzeit zurückhaltender bei zusätzlichen Buchungen sind. Zum jetzigen Zeitpunkt ist es aber zu früh, von einem drohenden Engpass im kommenden Winter zu sprechen.
Derzeit sind rund 65 Prozent der deutschen Speicherkapazitäten für die kommende Speichersaison gebucht. Wie sich die weitere Nachfrage entwickelt und ob die gebuchten Kapazitäten befüllt werden, hängt davon ab, wie sich das Marktumfeld und die Preisrelationen im Laufe des Sommers verändern.
„Was passiert, wenn die gesetzlichen Mindestfüllstände bis November nicht erreicht werden? Wie gut ist Rehden technisch darauf vorbereitet, schnell wieder hochzufahren? Und könnten Sie bitte erläutern: Was ist die aktuell diskutierte ‚Strategische Erdgasreserve‘, welche Ziele verfolgt sie – und welche Rolle spielt Rehden darin?“
Technisch ist es unproblematisch, die Füllstandsvorgabe von 45 Prozent zu erreichen. Ab Mitte August müsste hierfür eingespeichert werden, vorausgesetzt, dass die entsprechenden Kapazitäten gebucht werden. Rehden steht jederzeit für Buchungen zur Verfügung und befindet sich im Regelbetrieb.
Bei der strategischen Erdgasreserve handelt es sich um ein mögliches Instrument, das ergänzend zum bereits beschriebenen Marktmechanismus eingesetzt werden könnte. Ziel wäre es, einen zusätzlichen Sicherheitspuffer zu schaffen, der im Falle außergewöhnlicher Marktentwicklungen oder unvorhergesehener Ereignisse zur Verfügung steht. Natürlich kann Rehden als größter Speicher hierzulande dabei eine Rolle spielen.
Kommentar von Marcus Mentel, SVP Account Management-Reseller:
„Die aktuelle Debatte um Füllstände und Marktmechanismen zeigt eines deutlich: Gasspeicher sind das Herzstück einer stabilen Energieversorgung in Deutschland. Besonders für die saisonalen Bedarfe der Stadtwerke sind Speicher unverzichtbar. SEFE Energy als Händler und Speicherbucher ist für unsere Kunden der kompetenter Partner für eine sichere Versorgung. Wir verfolgen die Marktentwicklungen und die regulatorischen Entwicklungen genau. Das Gesamtbild vor Augen können wir zusagen, dass wir jeden Kundenbedarf abgesichert und zuverlässig bedienen. Die Versorgungssicherheit unserer Stadtwerke und damit der Endverbraucher hat für uns höchste Priorität – unabhängig von kurzfristigen Marktschwankungen.“