2026 verdichten sich für Banken mehrere Entwicklungen: Open Finance (FiDA), die europäische digitale Identität (EUDI), Vorarbeiten zum digitalen Euro und der schnelle KI-Einsatz verändern Prozesse – und vor allem die Kundenschnittstelle. Wer das nur als Pflichtprogramm sieht, überlässt Plattformen den direkten Kundenkontakt. Erfolgreich wird, wer Vertrauen, Stabilität und Reichweite in spürbar bessere digitale Erlebnisse übersetzt.
These 1: Daten werden zur produktiven Kernressource.
In vielen Instituten sind Daten noch ein Nebenprodukt von Silos, Altsystemen und manuellen Prüfschleifen. Das bremst Innovation und macht Skalierung teuer. 2026 steigt der Druck: Anforderungen an Resilienz, KI und Geldwäsche verlangen Datenqualität, Nachvollziehbarkeit und Automatisierung. Datenmanagement wird damit Fundament – für Compliance und neue Geschäftsmodelle. Praktisch heißt das: Daten als Infrastruktur mit klarer Ownership, Standards und wiederverwendbaren Datenprodukten aufbauen.
Zunehmend kommen KI-Agenten ins Spiel: Sie automatisieren nicht nur Einzelschritte, sondern orchestrieren End-to-End-Prozesse, etwa in Kredit, KYC oder Risiko. Das hilft, Profitabilitätsdruck und Fachkräftemangel abzufedern – vorausgesetzt, Ergebnisse sind auditierbar, sicher und erklärbar.
These 2: Vom Produktanbieter zum Lebensbegleiter.
Jüngere Kundengruppen erwarten Orientierung, einfache Journeys und Services, die sich an Lebenssituationen anpassen. Open Finance kann zum Hebel werden: Wenn Konten, Verträge, Zahlungen, Depots und Risiken konsolidiert betrachtet werden, lassen sich Bedürfnisse früher erkennen – etwa bei Berufseinstieg, Umzug oder Familiengründung. Banken können proaktiv Lösungen anbieten, statt zu warten. Mehrwert entsteht durch datenbasierte Tools wie Budgetplanung, Abo-Optimierung, Versicherungsvergleich oder Sparraten-Empfehlungen. Banking wird so Teil des Alltags – auch über Partnerangebote. Ein FiDA-optimiertes Angebot trifft besonders bei 18- bis 34-Jährigen auf hohe Nachfrage.
These 3: Wallets werden zur Infrastruktur für Identität und Zahlung.
Wallets bündeln Payment und Nutzererlebnis – jede Transaktion verschiebt Aufmerksamkeit weg von der Bank. Mit der EUDI-Wallet entsteht die Chance, Identität, Dokumente und Signaturen in einem europäischen Rahmen zu verbinden und Prozesse von Onboarding bis KYC deutlich zu vereinfachen. Parallel werden digitale Assets (Tokenisierung, Verwahrung, Stablecoins) alltagstauglicher, und der digitale Euro rückt über Tests näher. Die Wallet wird zur „neuen Filiale“: immer verfügbar und potenziell zentral für Identität und Payment. Wer hier früh sichere, einfache Angebote macht, besetzt neue Ertragsfelder und bleibt im Alltag sichtbar.
Entscheidend ist die Rollenwahl: Banken können Wallet-Funktionalitäten selbst betreiben, als White-Label-Provider auftreten oder sich als vertrauenswürdige Identitäts- und Compliance-Instanz positionieren. In allen Varianten gilt: Integration in bestehende Journeys und ein klares Partner-Ökosystem entscheiden über Relevanz.
Was jetzt zu tun ist:
Datenplattform und Governance als Business-Programm aufsetzen; KI fokussiert industrialisieren (wenige, messbare Use Cases, Audit Trails, Prozessintegration); FiDA-Readiness mit MVPs und personalisierten Services iterativ testen; und eine Wallet-Strategie formulieren, die EUDI, Signatur, KYC, Payments und Asset-Use-Cases zusammendenkt. Wichtig ist Geschwindigkeit: Pilotieren, messen, nachschärfen – statt auf die perfekte Zielarchitektur zu warten.
Fazit
2026 ist die Chance, die eigene Position in der Wertschöpfungskette neu zu definieren. Wer konsequent handelt, bleibt an der Kundenschnittstelle sichtbar – und wird in einer Open-Finance-Welt vom Produkthersteller zum relevanten Alltagsbegleiter.
Autoren:
Yves Wüppenhorst ist Senior Manager bei Cofinpro und leitet dort das Team für Wertpapierthemen. Er verfügt über langjährige Berufserfahrung im Wertpapierhandel sowie im Portfoliomanagement. In seiner Rolle als Berater bringt er umfassende Expertise in Wertpapier- und Investmentprozessen ein und hat in den vergangenen Jahren zahlreiche Digitalisierungsvorhaben in unterschiedlichen Projektkontexten erfolgreich begleitet.
Joachim Butterweck ist Director bei der auf Finanzdienstleister spezialisierten Unternehmensberatung Cofinpro AG. Er verfügt über mehr als 38 Jahre Projekterfahrung, unter anderem in den Bereichen Digitalisierung, Onboarding im Zahlungsverkehr inklusive KYC, Geschäftsmodellentwicklung, Produkt- und Ertrags-Controlling sowie Outsourcing und Vertragsmanagement.
Michael Heck ist Director bei Cofinpro und verantwortet das technologische Angebot des Beratungshauses. Mit langjähriger Erfahrung in der Finanzbranche treibt er neben klassischer Softwareentwicklung Themen wie Agile Transformation und Künstliche Intelligenz voran.