Zwischen Hype und Ernüchterung: Wie gelingt der H2-Hochlauf?

Es hilft nicht, um den heißen Brei herumzureden: Der Wasserstoffhochlauf in Deutschland stockt gewaltig. Während vor einem Jahr auf den Bühnen von Tagungen, Gipfeln und Konferenzen zum Thema Wasserstoff nur in den Kaffeepausen hinter vorgehaltener Hand von Problemen berichtet wurde, hat die Ernüchterung inzwischen auch die Podien erreicht. Was ist passiert?

Artikel aus dem Handelsblatt Journal Energiewirtschaft vom 28.08.2025

Zunächst einmal gab es lange einen Wasserstoff-Hype mit vielen Merkmalen einer Blase. Immer größere Projekte wurden zu immer niedrigeren Kosten angekündigt. Dass die Lücke zwischen Ankündigungen und Umsetzungen kein rein deutsches Problem sind, haben Forscher des PIK¹gut herausgearbeitet. Auch ist der „Gipfel der überzogenen Erwartungen“ kein wasserstoffspezifisches Phänomen, sondern Teil des „Gartner-Hype-Cycle“, den alle neuen Technologien durchlaufen müssen.

Normaler Hype-Zyklus, oder platzende Blase?

Die Frage ist: Wie verhindert man, dass beim Schrumpfen der Blase, diese in sich zusammenfällt? Wie schaffen wir es aus dem „Tal der Enttäuschungen“? Dazu muss man sich zunächst zwei spezifischen Herausforderungen stellen:

  1. Wasserstoffprojekte werden lange Zeit nur mit Förderung gelingen.
    Aktuelle Publikationen, u. a. von FfE² oder Öko-Institut und Deloitte³ zeigen, dass Wasserstoff auf absehbare Zeit kein Tafelwasser wird. Auch sind Investitionen in Wasserstoff risikobehaftet. Der Staat muss daher zum einen finanzielle Förderung bereitstellen, zum anderen aber auch Risiken minimieren oder übernehmen. Gleichzeitig muss er mit seinen Budgets effizient umgehen und entscheiden, für welche der vielen Wasserstoffoptionen er Mittel bereitstellt – und für welche nicht.
  2. Wasserstoffsysteme sind kompliziert
    Nachfrage, Elektrolyseure, Produktionsstätten für blauen Wasserstoff, Netze, Importkorridore, Speicher: Für eine verlässliche Versorgung müssen alle Komponenten aufeinander abgestimmt sein. Wasserstoff unterscheidet sich damit grundlegend von Wind und PV, die zwar ebenfalls Förderungen brauchten, dabei aber im Wesentlichen bestehende Infrastrukturen mitnutzen konnten. Diese komplexe Koordination zwischen vielen Akteuren ist das berüchtigte mehrfache Henne-Ei-Problem. Bei etablierten Energieträgern wie Strom oder Erdgas vertrauen wir auf Märkte. Beim Wasserstoff – wo in der Anfangsphase viele individuelle Förderungen und Regelungen notwendig sind – wird ein echter Markt in der nächsten Dekade nicht entstehen können.

Wir haben es beim Wasserstoffhochlauf mit einem komplizierten Puzzle zu tun.

Dr. Benjamin PflugerLeiter Competence Center „Integrierte Energieinfrastrukturen“, Fraunhofer-Einrichtung für Energieinfrastrukturen und Geothermie IEG

Ein ziemlich kompliziertes Puzzle

Wir haben es beim Wasserstoffhochlauf mit einem komplizierten Puzzle zu tun, bei dem sehr viele Marktakteure und – ob es einem gefällt oder nicht – der Staat, viele langfristige Entscheidungen aufeinander abstimmen müssen. Es stellt sich also die Frage: Wer ist dafür verantwortlich, dass die Teile zueinander passen?

Dass viele Puzzleteile bislang nicht zusammenpassen, zeigt sich besonders am Wasserstoffkernnetz. Derzeit sind über 9.000 km Pipeline geplant – für eine stark gesunkene Zahl an Grünstahlprojekten und einige Raffinerien, die Wasserstoff nutzen wollen. Durch das rein nutzerfinanzierte Modell wird ein schleppender Hochlauf in einem (zu) großen Netz schnell zum Problem – zunächst in Form steigender Entgelte für die Netznutzenden. Bleibt der Hochlauf auch langfristig aus, landet die finanzielle Last am Ende bei den Steuerzahlenden. Eine Anpassung der Netzplanung ist prinzipiell vorgesehen und soll im Netzentwicklungsplan Gas und Wasserstoff erfolgen. Die Hauptakteure dieses Prozesses – die Bundesnetzagentur und die Fernleitungsnetzbetreiber – sind zweifellos sehr erfahren in der Planung von Energieinfrastrukturen. Doch die Frage, wohin wir mit Wasserstoff eigentlich wollen, ist eben auch eine politische – und kann nicht in einem bewusst unpolitischen Prozess beantwortet werden.

Um das Netz sinnvoll planen zu können, braucht es vor allem mehr Klarheit darüber, wie viel Wasserstoff in den nächsten Jahren transportiert werden soll. Und dabei geht es – nicht nur, aber auch – um Fördermilliarden. Während das Wasserstoffkernnetz in Politik und Öffentlichkeit sehr beliebt ist, scheint die politische Bereitschaft derzeit begrenzt, neue Wasserstoffprojekte in ausreichendem Maß zu fördern oder bestehende, kriselnde Projekte zu stabilisieren. Es ist also nicht nur technisch kompliziert, die Teile des Wasserstoff-Puzzles aufeinander abzustimmen – es ist auch politisch heikel.

Wie kommen wir wieder auf einen robusten Pfad?

Meiner Ansicht nach braucht es vier Schritte, um den Wasserstoffhochlauf solide zu gestalten:

  1. Erwartungen zurückschrauben.
    Wasserstoff ist ein wichtiges Puzzlestück für bestimmte Teile der Energiewende, in vielen Bereichen haben anderen Optionen die Nase vorn. Mega-Projekte, die versuchen, die vielen kleinen Schritte zwischen dem Flug der Gebrüder Wright und dem Start des A380 in der Hoffnung auf Skaleneffekte zu überspringen, können gelingen, sind aber riskant.

  2. Fokus schärfen.
    Wir müssen verstehen, wo Wasserstoff wirklich aussichtsreich ist – und wo andere Optionen voraussichtlich besser funktionieren. Zu lange wurden auch wenig erfolgversprechende Optionen (H2-Pkw, Wasserstoffheizungen etc.) mit dem Argument der ungewissen Zukunft gefördert oder zumindest politisch offengehalten.

  3. Langfriststrategie konkretisieren und finanziell absichern.
    Wir brauchen eine robuste Strategie, die mit Unsicherheiten umgehen kann und ehrlich benennt, wer in den verschiedenen Phasen die Mehrkosten trägt. Hierzu gibt es viele wissenschaftliche Konzepte für unterschiedliche Ambitionsniveaus, z.B. aus dem TransHyDE-Projekt⁴. Denn auch wenn es viele gute Gründe für Wasserstoffeinsatz gibt – die Märkte werden uns erst vertrauen, wenn Deutschland einen glaubwürdigen Plan vorlegt, wie die entstehenden Kosten über Dekaden getragen werden sollen.

  4. Politische Steuerung harmonisieren.
    Diese Strategie muss von Politik und Regulierung gesteuert werden – mit Fokus auf Effizienz und Wirksamkeit der Instrumente. Die Politik sollte sich nicht scheuen, Entscheidungen zu treffen. Für viele Prozesse sind marktliche Instrumente geeignet – aber eben nicht für alle. Elektrolyse-Anlagen auszuschreiben ist sinnvoll, aber es wird politischer Entscheidungen bedürfen, welche Anwendungen Wasserstoff und die dafür erforderliche Förderung erhalten.

Insgesamt braucht es eine ehrliche Bestandsaufnahme darüber, was Wasserstoff mit all seinen Systemkomponenten tatsächlich kostet. Erst dann können wir entscheiden, wie viel Wasserstoffhochlauf wir uns einerseits leisten können – und andererseits auch leisten müssen. Denn über alle Studien hinweg ist klar: Bestimmte Teile der Energiewende sind nur mit Wasserstoff und seinen Derivaten möglich. Gelingt uns eine mutige, ehrliche Anpassung der Strategie, kann Wasserstoff ein zentraler Teil der Transformation werden. Dass das Puzzle dann etwas kleiner ist und langsamer zusammengesetzt wird als im Hype erhofft, wäre ein vertretbarer Preis.


¹ www.nature.com/articles/s41560-024-01684-7
² ffe.de/veroeffentlichungen/warum-ist-wasserstoff-in-der-praxis-teurer-als-bisher-in-oeffentlichen-berichten-haeufig-angenommen/
³ www.oeko.de/fileadmin/oekodoc/Matthes-Brauer-Wasserstoff-Erzeugunskosten.pdf
⁴ www.transhyde.de

Das aktuelle Handelsblatt Journal
Dieser Artikel ist im aktuellen Handelsblatt Journal „ENERGIEWIRTSCHAFT“ erschienen. Das vollständige Journal können Sie sich hier kostenlos herunterladen:
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