Wie setzt E.ON Technologie und Künstliche Intelligenz ein, um die Energiewende voranzutreiben?

Interview mit Dr. Victoria Ossadnik, Mitglied des Vorstands (COO) – E.ON

Die Energiewende erfordert einige Anpassungen. Welche Rolle spielt Technologie in diesem Prozess?
Unser Energiesystem wird zunehmend komplexer. Der Wechsel von fossilen Brennstoffen zu erneuerbaren Energien führt zu einer volatileren Energieerzeugung. Gleichzeitig steigt der Energieverbrauch durch die wachsende Elektrifizierung in vielen Bereichen, wie zum Beispiel durch die Zunahme von Elektroautos und Wärmepumpen. Dies macht den Energiebedarf weniger vorhersehbar und erhöht den Bedarf an grüner Energie erheblich. Um den wachsenden Bedarf zu decken, müssen wir gleichzeitig sowohl die Produktion erneuerbarer Energien erhöhen als auch die Energieinfrastruktur erweitern. Dies ist nur durch den konsequenten Einsatz moderner Technologie möglich. Die Digitalisierung aller Komponenten des Energiesystems ist unerlässlich, um die Energieressourcen effizient und nachhaltig zu managen. Als einer der größten europäischen Netzbetreiber treiben wir die digitale Transformation aktiv voran und setzen uns dafür ein, die Energiewende erfolgreich zu gestalten.

Welchen Einfluss hat Künstliche Intelligenz in diesem Prozess?
Ein verstärkter, unternehmensweiter Einsatz von KI bietet uns große Chancen. Die Nutzung von Daten und Algorithmen hilft uns, unsere Energieinfrastruktur an die neuen Anforderungen der Energiewende anzupassen, die Interaktionen mit Kunden zu vereinfachen sowie die Gesamteffizienz im Unternehmen zu steigern. Wir haben in den vergangenen fünf Jahren erhebliche Investitionen vorgenommen, um Wissen, Talent und Technologie in diesem Bereich aufzubauen. Wir überprüfen kontinuierlich, wo wir KI anwenden können.

In welchen Bereichen setzt E.ON bereits KI ein?
Ein Beispiel ist unser ectogrid™-System in Schweden. Dieses System nutzt ein Netzwerk mit niedrigen Temperaturen, in dem Wärmepumpen und Kältemaschinen die Temperatur in jedem Gebäude bedarfsgerecht regulieren. Die KI analysiert und optimiert kontinuierlich die thermischen Energieflüsse, wodurch überschüssige Wärme oder Kälte zwischen den Gebäuden ausgetauscht wird. Dies reduziert den Energieverbrauch um bis zu 60 Prozent.

Ein weiteres Beispiel ist, dass wir bei unseren Netzgesellschaften Drohnen für unterschiedliche Anwendungsfälle im Einsatz haben, die Millionen Bilder aufnehmen. Auf diesen Inspektionsbildern identifizieren wir bereits heute mittels KI-basierter Software, zum Beispiel die Bauteile von Masten. Die KI bewertet dann, ob ein Bauteil defekt ist.

Welche Anwendungsbereiche sind in der Zukunft denkbar?
Eine mögliche KI-Lösung ist die Innovation, die wir Vehicle to Grid nennen. Diese Idee wird aktuell in England und Deutschland pilotiert und nutzt die Fähigkeit des bidirektionalen Ladens von Elektroautos. Im Gegensatz zu herkömmlichen Elektrofahrzeugen, die nur Strom aus dem Netz beziehen, ermöglicht die Technologie Fahrzeugen auch Strom zurück ins Netz zu speisen und so als flexibler Energiespeicher zu fungieren. Durch den Einsatz von KI wird der Energiefluss zwischen Fahrzeugen und dem Stromnetz intelligent gesteuert. Elektrofahrzeuge werden zu einem integralen Bestandteil des Stromnetzes, indem sie in Zeiten hoher Nachfrage oder geringer erneuerbarer Energieerzeugung Energie zurückspeisen und so zur Stabilisierung des Stromnetzes beitragen. Dadurch wird der Bedarf an zusätzlicher, oft weniger nachhaltiger Energieinfrastruktur reduziert.