Wer die Stahlindustrie halten will, muss handeln!

Mitten im Umbau zur Klimaneutralität steht die Stahlindustrie in Deutschland vor enormen Herausforderungen. Zu hohe Energiekosten und massiv zunehmender Import von Billigstahl – insbesondere aus Fernost – verbunden mit einer anhaltend schwachen inländischen Nachfrage belasten die Branche. Was Kerstin Maria Rippel, Hauptgeschäftsführerin der Wirtschaftsvereinigung Stahl, jetzt von der Politik erwartet und warum der Wirtschaftsstandort Deutschland auf eine starke Stahlindustrie vor Ort angewiesen ist, wird sie im Rahmen ihres Auftaktimpulses Handelsblatt Jahrestagung Zukunft Stahl 2025 am 19. März in Essen erläutern. Im Kurzinterview gibt sie vorab einen Einblick in die für die Branche derzeit drängendsten Herausforderungen – und ihre Forderungen.

Frau Rippel, wie geht es der Stahlindustrie heute?

Unsere Unternehmen sind weiter fest entschlossen ihren Beitrag für eine klimaneutrale Zukunft zu leisten und treiben den Umbau zur Klimaneutralität mutig voran – und das trotz der aktuellen konjunkturellen, geoökonomischen und energiepolitischen Lage. Denn die ist besorgniserregend. In der Jahresbilanz 2024 liegt die Stahlproduktion erneut unter der 40-Millionen-Tonnen-Grenze – und spiegelt damit die längste Rezession unserer Volkswirtschaft seit 2002/2003.

Für die Stahlindustrie liegt das vor allem an drei fatalen Entwicklungen: Zum einen ist da der beispiellose Einbruch der Stahlnachfrage, der bei nahezu allen wichtigen stahlintensiven Branchen wie der Automobilindustrie und dem Maschinen- und Anlagenbau durchschlägt. Hinzu kommt der enorme Zuwachs an unfairen Billigimporten, vorwiegend aus Fernost – eine Entwicklung, die sich unter Trump 2.0 weiter zu verschlechtern droht. Und schließlich sind da die im internationalen Vergleich schlicht nicht wettbewerbsfähigen Stromkosten, die gerade in energieintensiven Prozessen wie der Stahlherstellung zu gravierenden Belastungen führen.

Die Gleichzeitigkeit dieser negativen Faktoren stellt für unsere Unternehmen eine alarmierende Situation dar. Denn die Betriebe stecken ja zu alledem mitten in ihrem Umbau zur Klimaneutralität, leisten erhebliche Investitionen in neue Produktionsverfahren und müssen die abschmelzende freie Zuteilung von CO2-Zertifikaten schultern. Es ist deshalb dringend notwendig, dass die Politik endlich vom Reden ins Handeln kommt. Es geht um das Überleben unseres Industriestandorts!

Wie sollte die Politik auf die wachsenden Überkapazitäten und den Importdruck reagieren?

Entschlossen und rasch! Die globalen Stahlkapazitäten wachsen weiter ungebremst – vor allem in Asien. In der Folge wird der Druck im Bereich des Stahl-Außenhandels immer größer. Mittlerweile stammt jede dritte Tonne Stahl in der EU aus dem EU-Ausland. Durch die aktuell von US-Präsident Donald Trump auf den Weg gebrachten Stahl-Zölle droht sich diese Situation noch weiter zu verschärfen. Denn neben der direkten Betroffenheit – die Vereinigten Staaten sind für europäische Stahlhersteller mit rund 20 Prozent die wichtigste Exportdestination außerhalb der EU – steigt die Gefahr von weiteren Handelsumlenkungen in den kaum geschützten EU-Markt enorm. Und mit jedem weiteren Zoll, den die Trump-Administration auferlegt, steigt auch die Wahrscheinlichkeit von internationalen Handelskonflikten an. Weil das niemand in der EU wollen kann, muss die Europäische Kommission umgehend und konsequent EU-Handelsschutzmaßnahmen beschließen. Als ersten Schritt müssen die bestehenden und WTO-konformen EU-Safeguard-Maßnahmen, deren Wirkung im Laufe der Zeit nahezu vollständig verloren gegangen ist, dringend

angepasst werden. Grundsätzlich muss die EU recht bald die Frage beantworten, wie sie ihre Industrie langfristig und nachhaltig vor den negativen Auswirkungen wachsender globaler Überkapazitäten und unfairem Marktverhalten schützen will. Deutschland sollte dabei in Brüssel wieder eine starke Rolle einnehmen – und gemeinsam mit Partnerländern aktiv voran gehen.

Die Börsenstrompreise sind im vergangenen Jahr deutlich zurückgegangen. Warum sind die Stromkosten denn für die Stahlindustrie nach wie vor ein zentrales Thema?

Erst einmal liegen die Börsenpreise immer noch teils doppelt so hoch wie vor 2021 – dem Jahr, das wir als Beginn der Energiekrise definieren sollten. Denn da hat Putin aufgehört, die Gasspeicher zu füllen. Und zweitens liegen die Börsenstrompreise auch weit über dem Niveau in Ländern wie den USA, China, aber auch Spanien, Frankreich oder Schweden. Und weil zu Stromkosten auch Umlagen und Entgelte gehören, schlägt in unserer Branche der explosionsartige Anstieg der Strom-Übertragungsnetzentgelte (ÜNB-NNE) zu Buche. Mit der Streichung des staatlichen Zuschusses zu den ÜNB-NNE haben sich diese gegenüber dem Jahr 2023 mehr als verdoppelt. Die Folge für unsere Branche: Mehrkosten von rund 300 Millionen Euro pro Jahr. Zusammengenommen hat dies gravierende Auswirkungen auf die internationale Wettbewerbsfähigkeit der Stahlindustrie. Insbesondere für die oft mittelständischen Elektrostahlunternehmen, die schon heute relativ CO₂-arm Schrott mit Hilfe von Strom zu neuem Stahl schmelzen. Zudem ist Strom ein Schlüsselfaktor für den Umbau zur Klimaneutralität: Auch in der Primärstahlproduktion wird sich der Bedarf um den Faktor vier bis fünf erhöhen. Deshalb ist eine deutliche Senkung der Strompreise essenziell. Erste Akut-Maßnahme der kommenden Bundesregierung muss deshalb sein, die Netzentgelte wieder auf das Niveau von 2023 zu senken, und zwar mit Wirkung zum 1. Januar 2025. Diese Maßnahme würde nicht nur die Stahlindustrie und sämtliche energieintensiven Industrien entlasten, sondern alle Stromverbraucher. Langfristig brauchen wir strukturelle Lösungen, um für die Industrie insgesamt wettbewerbsfähige und planbare Strom-, Gas- und Wasserstoffkosten zu erreichen. Der Ausbau der Erneuerbaren Industrien und der dazugehörigen Netze sowie die Schaffung von ausreichenden Backup-Kraftwerken ist dafür übrigens unerlässlich.

Sollte die energieintensive Produktion nicht einfach in andere Länder verlagert werden, wo Energie zu deutlich geringeren Kosten bereitgestellt werden kann?

Energieintensive Grundstoffindustrien – wie die Stahlindustrie – sind das Fundament der industriellen Wertschöpfung in Deutschland. Mit über 2.500 Stahlsorten für vielfältige Anwendungen – von der Verteidigung bis zur Energieversorgung – ist unsere Branche unverzichtbar für Resilienz und strategische Unabhängigkeit, besonders in Zeiten zunehmender geoökonomischer Instabilität. Stahlunternehmen in Deutschland sind fester Bestandteil industrieller Wertschöpfungsnetzwerke und stehen gemeinsam mit Zulieferern und Abnehmern für fast ein Viertel des gesamten Produktionswerts in Deutschland – das entspricht 1,7 Billionen Euro. Und was oft vernachlässigt wird: Vor allem der industrielle Mittelstand in Deutschland ist stahlintensiv. Etwa die Hälfte seines Produktionswerts hängt direkt vom „Wertschöpfungsnetzwerk Stahl“ ab. Insgesamt sind über vier Millionen Arbeitsplätze in Deutschland mit Stahl verbunden. Ein Verlust des Stahlstandorts Deutschland würde nicht nur unsere technologische und industrielle Kompetenz in Deutschland schwächen, sondern auch Arbeitsplätze in den nachgelagerten Branchen gefährden. Da frage ich zurück: Wollen wir das alles aufgeben? Oder nicht doch endlich beherzt dafür sorgen, dass Standortnachteile angegangen und gemildert werden?

Ich sage es klar: Wer einen starken und in Zukunft klimaneutralen Industriestandort Deutschland und Europa will, muss jetzt die erforderlichen und verlässlichen Rahmenbedingungen schaffen – in Berlin und in Brüssel.