Schauspieler Patrick Adams mit Leica-Kamera: Kombination von Technik, Marke und selektivem Vertrieb Foto: REUTERS
Wetzlar. Wer Glas zu einer Linse verarbeiten will, muss es schleifen. Daran hat sich seit den ersten Fernrohren des 17. Jahrhunderts wenig geändert – egal ob bei Brillen, Teleskopen oder Kameraobjektiven. Die Leica Camera AG, 1869 als Hersteller von Mikroskopen gegründet, setzt jedoch neuerdings auf ein Verfahren, das mit dieser Tradition bricht.
In einer neuen Produktionslinie am Standort Wetzlar verarbeiten Mitarbeiter Glasrohlinge zu Linsen: In Formen aus dem Hartmetall Wolframkarbid wird das Material gepresst. Bei 700 Grad und unter hohem Druck nimmt das Glas langsam die asphärische Form an, die die Ingenieure am Computer berechnet haben.
Das erste Produkt, bei dem die Technologie voll zum Einsatz kommt, ist das Noctilux M-35, ein lichtstarkes Objektiv. Seit Ende Januar ist es im Handel, für rund 9000 Euro. Es sei deutlich leichter und kompakter als die Vorgängerversion, ohne Einbußen bei der
Lichtstärke, berichtet Jan-Helge Staasmeyer, Leiter der Werkzeugfertigung: „Wir reizen das aus, was wir physikalisch beherrschen.“
Preis und Anspruch sind typisch für Leica. Die Marke steht für kompakte Kameras mit Gehäusen aus Leder und Metall – und für eine Bildästhetik, die Fotoenthusiasten suchen: hohe Detailtreue, präzise Farbwiedergabe und die charakteristische Unschärfe im Hintergrund. Nostalgie allein reicht jedoch nicht: Um diesen Anspruch zu halten, muss sich der Hersteller technologisch immer wieder erneuern. Erst recht in einer Zeit, in der das Smartphone für viele zur wichtigsten Kamera geworden ist.
Niemand weiß das besser als Andreas Kaufmann. Mit seiner Investmentfirma ACM stieg er 2004 bei Leica ein und rettete die Firma 2005 vor der Insolvenz. Der Mehrheitseigner und Aufsichtsratschef sagt: „Man musste die richtigen Produkte entwickeln, damit die Marke eine Bewandtnis hat.“ Dafür seien von Zeit zu Zeit „Technologiesprünge“ nötig.
„Ein Fluidum“ unter Leica-Fans
Ein sentimentales Verhältnis zur Marke hatte Kaufmann zunächst nicht. Der frühere Lehrer an einer Waldorf-Schule, der über ein Erbe zum Investor wurde, fotografierte einst mit „billigen Ostblock-Kameras“, einer Zenit und einer Zorki – er sei sparsam erzogen worden, sagt er heute. Seine erste Leica kaufte er erst 2004 nach dem Einstieg in die Firma.
Eine Ahnung von der Strahlkraft der Marke vermitteln ihm bis heute Gespräche mit Kunden: „Wenn sich Leute mit Leica-Kameras treffen: Da ist irgendein Fluidum, ein Gefühl – man spricht miteinander.“
Die Aura der Marke allein hätte jedoch nicht gereicht, um im Zeitalter der Digitalfotografie zu bestehen. Zwar entwickelte Leica bereits früh eine Digitalkamera. Die S1, ab 1997 verfügbar, war jedoch so klobig wie ein Buch und als Scannerkamera für Archivdokumente und Stillleben konzipiert. Und für das wichtigste Produkt, die M-Serie, hatte der Mittelständler lange kein Konzept.
Unter Kaufmanns Ägide und mit seinem Geld richtete sich Leica neu aus. Es waren harte Jahre der Sanierung, erst 2010 schrieb das Unternehmen wieder schwarze Zahlen. Den Wendepunkt markierte die M8: 2006 kam die erste Digitalkamera der M-Serie heraus, die prägend für die Identität des Herstellers ist.

Leica-Mehrheitseigentümer Andreas Kaufmann: Die Familie soll dem Unternehmen verbunden bleiben. Foto: Andreas Arnold/dpa
Parallel dazu veränderte Leica den Vertrieb grundlegend. Vom damaligen Anteilseigner Hermès übernahm das Unternehmen die Idee der Markeninszenierung: mit eigenen Vertriebsgesellschaften, die Geschäfte und Galerien betreiben. Am Campus in Wetzlar hat das Management das am konsequentesten umgesetzt – mit einer gläsernen Manufaktur, einem Museum und Ausstellungsräumen und natürlich einem Verkauf.
Aus der Kombination von Technik, Marke und selektivem Vertrieb entstand das Geschäftsmodell, das Leica bis heute trägt. Zugleich diversifiziert das Unternehmen seit einigen Jahren. Es gibt Uhren mit dem roten Punkt und ein Heimkinosystem. Weitere Produkte sind aus Sicht des Managements denkbar, wenn sie mindestens zwei oder drei der Kernkompetenzen berühren: Optik, Feinmechanik, Design, Elektronik, Software und selektiver Vertrieb. Projektoren und Smartphone-Zubehör passen dazu. Ein Parfüm dagegen sicher nicht, wie Kaufmann betont.
Die Positionierung in der Premiumnische erwies sich als tragfähig. Auch als der Kameramarkt in den 2010er-Jahren durch den Siegeszug der Smartphones einbrach, hielt Leica Kurs. Weltweit wurden zeitweise mehr als 150 Millionen Kameras pro Jahr verkauft, heute sind es noch acht bis zehn Millionen.
Leica entwickelt eigene Bildsensoren
Die Neuausrichtung ist damit nicht abgeschlossen, sondern Prinzip geblieben. Das zeigt die neue Linsenfertigung. Und es zeigt sich bei der Entwicklung eines Bildsensors gemeinsam mit der Firma Gpixel. Der Chip soll eine „spezielle Charakteristik“ ermöglichen, wie Kaufmann betont – mit besserer Farbtreue, geringerem Bildrauschen und schärferen Details.

Das Leitzphone im Fokus: Neuerdings bringt Leica ein Smartphone unter der eigenen Marke heraus – die Technik stammt allerdings von Xiaomi. Foto: REUTERS
Seit Jahren arbeitet das Management zudem an einer Strategie für mobile Geräte. Das Smartphone, sagt Kaufmann, sei ein fotografisches Gerät mit einer Internetverbindung. „Deswegen haben wir relativ früh entschieden, dass wir die Entwicklung mitsteuern müssen. Wir sind wahrscheinlich der einzige Kamerahersteller, der es so sieht.“ Ab 2016 arbeitete Leica zunächst mit Huawei zusammen, seit 2022 ist Xiaomi Partner. Es gibt einen Kameragriff fürs iPhone und neuerdings ein eigenes Smartphone mit dem roten Punkt der Marke – auch wenn die Technik größtenteils vom Partner stammt. Rund 2000 Euro kostet das Modell.
Dass das Smartphone die eigenen Produkte kannibalisiert, glaubt Kaufmann nicht. Er vergleicht es mit den früheren Kompaktkameras von Agfa oder Kodak: „Das ist okay,
wenn ich auf der Familienfeier oder von meinem Hund Schnappschüsse machen will. Aber wenn ich fotografisch mehr will, lande ich schnell bei einer Kamera.“
Die Geschäftszahlen geben ihm bislang recht: Im Geschäftsjahr 2024/2025 erzielte das Unternehmen den vierten Rekord in Folge – 596 Millionen Euro Umsatz, ein Plus von 7,6 Prozent.
Mit dem wirtschaftlichen Erfolg stellt sich immer wieder die Frage nach der künftigen Eigentümerstruktur. Neben Kaufmanns Investmentfirma ACM, die die Mehrheit hält, ist seit 2011 die Private-Equity-Gesellschaft Blackstone mit 44 Prozent beteiligt – sie stieg ein, als der Kamerahersteller nach dem Neustart international expandieren wollte. Einem Bericht von Bloomberg zufolge prüfen beide Eigentümer nun einen Verkauf. Es wäre ein Generationswechsel: Kaufmann ist 73.
Der Unternehmer kommentiert die Medienberichte nicht. Er verweist aber auf die Verankerung seiner Familie im Unternehmen. Seine Frau leitet das Galerie- und Kunstgeschäft, eine Tochter arbeitet im Marketing der Uhrensparte, die andere lenkt das Marketing im Schwesterunternehmen Leitz Cine. Der Sohn soll perspektivisch in den Aufsichtsrat hineinwachsen: „Gehen Sie davon aus, dass sich für die Firma letztendlich nicht viel ändert.“
Der neue Chef Andreas Voll, seit Anfang April im Amt, hat die Kultur des Hauses bereits verinnerlicht. Er will neben neuen Produkten auch digitale Dienstleistungen und Plattformen für die „Leica-Familie“ entwickeln lassen – für Details ist es noch zu früh. In seiner Programmatik klingt er schon ganz wie Kaufmann: „Die Tradition ist sehr wichtig, aber sie ist immer nur der Ausgangspunkt, sich neu zu erfinden.“ Genau darin liegt das Geschäftsmodell von Leica: Der Mythos allein trägt nicht – er muss technologisch immer wieder neu eingelöst werden.
Wir freuen uns auf weitere spannende Einblicke von Andreas Voll, CEO, Leica Camera auf dem Handelsblatt Industrie-Gipfel 2026.