Wachstumsmodell Handel – Zukunftsmodell für Deutschland?

Über 1,55 Billionen Euro betrug der Wert der Waren, die Deutschland 2024 exportierte. Damit lag die Bundesrepublik auf Platz drei der weltweit größten Exporteure, hinter China und den USA. Auch bei den Importen belegte Deutschland 2024 Platz drei.

Artikel aus dem Handelsblatt Journal RESTRUKTURIERUNG vom 15.05.2025

Das Land ist ein wichtiger Spieler im Welthandel, allerdings steht sein exportorientiertes Wachstumsmodell auf dem Prüfstand. Jahrzehntelang galt die deutsche Wirtschaft als Vorbild, doch die globalen Rahmenbedingungen verändern sich rasant – und das zu Lasten Deutschlands: Handelskonflikte, protektionistische Maßnahmen, geopolitische Spannungen und strukturelle Herausforderungen im Inland setzen die deutsche Wirtschaft zunehmend unter Druck. Immer häufiger wird daher hinterfragt, ob das deutsche Wachstumsmodell noch zukunftsfähig ist oder ob es einen Kurswechsel braucht.

Bedeutung des Handels für Deutschland

Deutschland ist ein Gewinner der Globalisierung und des regelbasierten internationalen Handelssystems. Seine Außenhandelsquote lag im Jahr 2023 bei 90,11 Prozent. Damit ist das Land das wirtschaftlich offenste unter den G7-Ländern. Dazu hängt jeder vierte Arbeitsplatz vom Export ab; in der verarbeitenden Industrie ist es sogar fast jeder zweite. Die deutsche Wirtschaft ist tief in europäische und internationale Wertschöpfungsketten integriert. Die wichtigsten Handelspartner Deutschlands sind zwar nach wie vor die EU-Mitgliedstaaten: Knapp 54 Prozent der deutschen Exporte gingen 2023 in die EU. Betrachtet man Europa als Ganzes waren es sogar rund 67 Prozent. Die großen Wachstumsregionen sind allerdings außerhalb der EU. Besonders hoch ist die Abhängigkeit vom US-amerikanischen Markt, sowohl als Exportmarkt als auch als Produktionsstandort: Die Vereinigten Staaten waren 2024 der wichtigste Exportmarkt Deutschlands vor China und die zweitwichtigste Quelle für Warenimporte nach China.

 

Deutschlands exportorientiertes Wachstumsmodell steht auf dem Prüfstand.

Risiken für den deutschen Außenhandel

Deutschlands Wachstumsmotor Handel ist nun ins Stottern geraten. Die Zeit der Hyperglobalisierung, deren Höhepunkte die Gründung der WTO im Jahr 1995 und der Beitritt Chinas im Jahr 2001 waren und die zu tiefen internationalen Wertschöpfungsketten führte, ist vorbei. Mit der Finanz- und Wirtschaftskrise 2007-2009 hat sich das Gesicht der Globalisierung stark verändert. Zudem nimmt die Fragmentierung der Weltwirtschaft deutlich zu.

Dies hat mehrere Gründe. Die Covid-Pandemie zeigte erstmals, wie verwundbar globale Produktionsnetzwerke und Lieferketten sind. 2022 verdeutlichte Russlands Angriffskrieg gegen die Ukraine zudem die geopolitischen Risiken der Abhängigkeit von Autokratien, die Deutschland und Europa insbesondere im Energie- und Rohstoffbereich trafen. Diese Entwicklungen haben dazu geführt, dass Handelspolitik immer stärker mit Sicherheitspolitik verknüpft wird und sich der Fokus von Effizienz zu Resilienz verschiebt. In der Folge greifen Regierungen immer stärker mit industriepolitischen Maßnahmen in die Märkte ein und suchen nach Partnerschaften mit gleichgesinnten Staaten – Stichwort Friendshoring. Diese Trends gehen mit einer steigenden Zahl protektionistischer Handelsmaßnahmen einher. Laut Daten der WTO wurden zwischen Oktober 2023 und Oktober 2024 insgesamt 169 neue handelsbeschränkende Maßnahmen eingeführt, die Handelsströme im Wert von etwa 887,7 Milliarden US-Dollar betrafen. Darunter hat Deutschland mit seiner starken Integration in den Welthandel besonders zu leiden.

Auch das geopolitische Umfeld verändert sich rasant; die Welt ist konfliktreicher geworden. Die letzten beiden Jahre waren besonders instabil: Das Heidelberger Institut für Internationale Konfliktforschung dokumentierte für 2023 insgesamt 220 gewaltsame und 149 gewaltlose Konflikte weltweit, zehn mehr als 2022. Mit der steigenden Zahl der Konflikte nimmt auch die Unsicherheit im Handel weiter zu. Dies gilt besonders für die Schifffahrtsrouten. Zu den Engpässen, die von den anhaltenden Spannungen im Jahr 2025 betroffen sind, gehören die Straße von Hormuz, der Suezkanal und die Straße von Malakka: Sowohl Transport- als auch Versicherungskosten steigen deutlich, auch für die deutsche Industrie.

Darüber hinaus kann Deutschland nicht mehr in dem Maße wie früher auf seine Handelspartner zählen. Seit Jahren nehmen die Konflikte mit China zu: chinesische Subventionen und Marktzugangsbeschränkungen führen zu erheblichen Verzerrungen auf den Weltmärkten. Besonders schmerzvoll für Deutschland ist zudem die „America First“-Handelspolitik der Trump-Administration. Trump rief Anfang April einen „Liberation Day“ – „Tag der Befreiung“ – aus und verhängte umfangreiche neue Zölle, gegenüber der EU in Höhe von 20 Prozent. Mit den sogenannten reziproken Zöllen möchte er die anderen Staaten zu Zugeständnissen zwingen und Industrie in die USA zurückholen.

Auch wenn diese Maßnahmen zunächst für 90 Tage ausgesetzt wurden, kann diese Art der Handelspolitik der Todesstoß für das multilaterale Handelssystem sein, von dem Deutschland überdurchschnittlich profitiert hat. Über Jahrzehnte unterstützte die WTO einen offenen und regelbasierten Handel. Nach dem blockierten Streitschlichtungsmechanismus drohen die USA nun, die Grundprinzipien des globalen Handels zu untergraben: Mit ihren einseitigen Zöllen widersprechen sie dem Prinzip der Meistbegünstigung und der Nicht-Diskriminierung und drohen damit, das ganze System zu sprengen. Neben dem stotternden Wachstumsmotor Handel kämpft Deutschland derweil wie viele andere Länder mit einem mehrfachen Strukturwandel sowie gesellschaftlichen Spaltungstendenzen. Die Wirtschaft befindet sich durch neue Technologien in fundamentalen Umbrüchen. Hinzu kommen hohe Energiepreise, ein hoher bürokratischer Aufwand und Fachkräftemangel sowie eine marode Infrastruktur. Die Wachstumsaussichten für 2025 sind schwach. Möglicherweise wird es das dritte Jahr in Folge, dass die deutsche Wirtschaft schrumpft.

Und was nun, Deutschland?

Handel wird ein zentraler Wachstumsfaktor für Deutschland bleiben, doch Politik und Wirtschaft müssen sich auf eine Weltordnung einstellen, in der Machtpolitik internationale Regeln untergräbt – zu Lasten der deutschen Industrie. Umso wichtiger wird eine wettbewerbsfähige, innovative EU für den Wirtschaftsstandort Deutschland. Dazu gehören die Vollendung des Binnenmarkts und die Reduzierung strategischer Abhängigkeiten. Gleichzeitig muss Deutschland im Rahmen der EU WTO-Reformen vorantreiben und plurilaterale Abkommen schließen, um moderne Handelsregeln voranzutreiben. Ein wichtiger geopolitischer Faktor ist zudem der Ausbau globaler Partnerschaften. Die EU sollte ihre Beziehungen zu Mittelmächten wie Brasilien, Indien oder Südafrika vertiefen. Ihre geopolitische Rolle kann sie nur mit Geschlossenheit, wirtschaftlicher Stärke und strategischen Allianzen sichern – Deutschland muss dabei eine führende Kraft sein. Dies trägt auch zur Stärkung des Handels und somit zur Wettbewerbsfähigkeit des Standorts Deutschland bei.

 

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