Vom Hype zum erwachsenen Markt

Über Jahre wurde der Erfolg der Wasserstoffwirtschaft in Gigawatt gemessen. Oft ging es dabei um Pläne, nicht um umgesetzte Projekte. Laut IEA hatten 2025 erst rund neun Prozent der weltweit für 2030 angekündigten Kapazität für emissionsarmen Wasserstoff eine finale Investitionsentscheidung (FID) erreicht; feste Abnahmeverträge deckten etwa fünf Prozent des vorgesehenen Angebots [1]. Heute verschiebt sich der Maßstab. Entscheidend ist, welche Projekte tatsächlich finanziert, gebaut und betrieben werden. Das Oxford Institute for Energy Studies beschreibt diesen Übergang als „From Hype To Realism“ [2]. Das ist kein Rückschritt. Der Markt wird erwachsen.

Der Hochlauf wird konkret – auch in Europa

Die IEA zählte 2025 weltweit mehr als 200 Projekte für emissionsarmen Wasserstoff, die seit 2020 eine FID erreicht hatten [1]. Nach Angaben der Weltbank waren Mitte 2025 weltweit rund 2,15 GW Elektrolysekapazität in Betrieb, 16 GW im Bau und weitere 3,5 GW mit einer Investitionsentscheidung hinterlegt [3]. China prägt den Ausbau der Elektrolyse, doch auch Europa gehört zu den Investitionsschwerpunkten. Hier haben Beschaffungsprozesse von Raffinerien bereits Investitionsentscheidungen ausgelöst [1]. Der Hochlauf verläuft langsamer als erhofft und regional unterschiedlich. Doch dort, wo Produktion und industrieller Bedarf zusammenfinden, wird aus Planung Umsetzung.

Vor wenigen Jahren wurde gefragt, ob es genügend Nachfrage geben würde. Heute erleben wir, dass vor allem Raffinerien grünen Wasserstoff aktiv beschaffen. Mit rund 4,2 Millionen Tonnen Verbrauch im Jahr 2024 sind sie die größte Abnehmergruppe für Wasserstoff in der EU [4]. Regulatorische Vorgaben geben dieser Nachfrage zunehmend Verbindlichkeit. Aus Interesse werden konkrete Beschaffungsprozesse.

Jetzt geht es um Marktgestaltung

Mit der Nachfrage verschiebt sich die Herausforderung. Es reicht nicht, Wasserstoff produzieren zu können. Mengen müssen so organisiert werden, dass sie finanzierbar und langfristig tragfähig sind. Aus meiner Sicht liegt genau hier die nächste Entwicklungsphase. Gefragt sind Marktgestalter, die erneuerbaren Strom, Produktion, industrielle Nachfrage und Kapital intelligent verbinden. Das können integrierte Projektentwickler ebenso wie spezialisierte Händler. Entscheidend ist die Fähigkeit zur Marktorganisation.

Viele industrielle Kunden können ihren Bedarf über zehn oder fünfzehn Jahre nur begrenzt prognostizieren. Sie brauchen Planungssicherheit und Preise, die ihre Endprodukte wettbewerbsfähig halten. Raffinerien beispielsweise verändern sich selbst grundlegend. Mit einem Rückgang fossiler Kraftstoffe kann sich auch ihr Wasserstoffbedarf verlagern. Gleichzeitig entstehen neue Produkte und Anwendungen [2]. Deshalb braucht es Akteure, die über einzelne Projekte hinausdenken. Sie bündeln Nachfrage, entwickeln Vertragsstrukturen und übernehmen Portfolio- und Vermarktungsrisiken. So schaffen sie Planbarkeit für Kunden, Produzenten und Finanzierer.

Tolling-Modelle zeigen, wie das aussehen kann. Der Betreiber (der Toller), stellt Umwandlungskapazität gegen ein festes Kapazitätsentgelt bereit und verantwortet Fertigstellung, Verfügbarkeit und (wenn möglich) Wirkungsgrad. Der Tolling-Kunde beschafft erneuerbaren Strom, nimmt den Wasserstoff ab und übernimmt dessen Vermarktung. Ein Portfolio verschiedener Abnehmer sowie der Zugang zu Netzen und Speichern helfen ihm, schwankende Erzeugung und unterschiedliche Bedarfe zusammenzubringen [5]. Risiken verschwinden nicht. Sie werden dort getragen, wo sie am besten gesteuert und wirtschaftlich aufgefangen werden können.

Gemeinsam den Markt entwickeln

Nun gilt es, die eigene Rolle als Marktgestalter weiterzuentwickeln. Das bedeutet, nicht nur grünen Wasserstoff zu produzieren, sondern die gesamte Wertschöpfung mitzudenken, von der Stromerzeugung bis zur Vermarktung und zu langfristigen Partnerschaften. Der Wasserstoffmarkt wächst nicht allein durch mehr Elektrolyseleistung. Er wächst dort, wo Unternehmen Verantwortung über die eigene Stufe hinaus übernehmen und daraus belastbare Geschäftsmodelle entwickeln. Realismus bedeutet nicht weniger Ambition. Realismus heißt, die Strukturen zu schaffen, auf denen diese Industrie dauerhaft wachsen kann.

Quellen

[1] International Energy Agency (2025): Global Hydrogen Review 2025. Paris. Executive Summary; Kapitel 2, 3 und 5.
https://www.iea.org/reports/global-hydrogen-review-2025

[2] Oxford Institute for Energy Studies (2026): Clean Hydrogen for Decarbonisation: From Hype to Realism. Oxford Energy Forum, Issue 150, Juli 2026. Insbesondere: Patonia, A.: Introduction, S. 3–4; Loranc, P.: Insights from Poland: refineries as a trigger for ramping up the renewable hydrogen market, S. 35–39.

[3] Energy Sector Management Assistance Program (ESMAP) (2026): Electrolyzers for Hydrogen Production: Technical and Economic Characteristics. World Bank, Washington, DC. Key Take Aways, S. iii; Executive Summary, S. xviii.
https://documents1.worldbank.org/curated/en/099022426180019815/pdf/P506220-e1417def-a411-498e-9d5e-7759f7cf7796.pdf

[4] European Commission, Joint Research Centre (2026): Clean Energy Technology Observatory: Water Electrolysis and Hydrogen in the European Union – 2025 Status Report on Technology Development, Trends, Value Chains and Markets. JRC144106, Abschnitt 2.3.3, S. 22.
https://publications.jrc.ec.europa.eu/repository/handle/JRC144106

[5] Ason, A. (2025): Hydrogen Offtake Agreements. OIES Paper ET 50. Ergänzend: Le Hénaff, C.; Pichler, M.; Friedl, V.; Kiss, S. (2026): Why underground hydrogen storage matters for a low-carbon energy system. In: Oxford Energy Forum 150, S. 15–20.
https://www.econstor.eu/handle/10419/339421