Verteidigungsfähig dank der Dimension Weltraum: Was ist dringend zu tun?

Der Weltraum hat eine dramatisch wachsende wirtschaftliche und (geo-)strategische Bedeutung, auch für Deutschland. Wesentliche staatliche, wirtschaftliche und gesellschaftliche Funktionen wie Logistik, Stromnetze, Bankgeschäfte oder schlicht viele Applikationen auf unseren Smartphones hängen essenziell von der gesicherten Verfügbarkeit weltraumgestützter Dienste ab.

Weltraumfähigkeiten sind kritisch für die gesamtstaatliche Entwicklung und unsere kollektive Sicherheit und gehören damit zur schützenswerten, kritischen Infrastruktur. Die Nutzung dieser Dienste und die Entwicklung von Zukunftstechnologie müssen daher mit einer sicheren, krisen- und kriegsfesten Architekturgestaltung einher gehen. Darüber hinaus sind moderne militärische Operationen ohne eine gesicherte Nutzung des Weltraums nicht mehr denkbar. Um handlungsfähig zu bleiben und einen Gegner von einem Angriff auf uns glaubhaft abschrecken zu können, ist eine robuste, widerstandsfähige Aufstellung auch im Weltraum unerlässlich.

Weltraumfähigkeiten gehören zur schützenswerten, kritischen Infrastruktur.

Generalmajor Michael TrautKommandeur Weltraumkommando der Bundeswehr

Zeit für eine robuste Weltraumstrategie

All diese Erkenntnisse sind in Fachkreisen längst nicht mehr neu. Jetzt ist es an der Zeit, konsequent die notwendigen Schritte zu gehen – die Zeit drängt! Neben dem Ausbau eines politisch und gesellschaftlich breit getragenen Bewusstseins über die Bedeutung der Dimension Weltraum gilt es, in einer „Gesamtarchitektur Weltraum“ zunächst die kurzfristigen Bedarfe zu erfüllen, gleichzeitig technologische Entwicklungen massiv zu fördern und diese rasch in aktive Fähigkeiten umzumünzen.

Zivile Forschung, kommerzielle und behördliche Anwendung, sicherheitsrelevanter Schutz und militärische Verteidigung sollten mit nahtlosen Übergängen und zentral koordiniert zusammenwirken können. Die Herstellung greifbarer Fähigkeiten „at speed of relevance“ erfordert ein klares Bekenntnis und robustes Investieren in sicherheitsrelevante Technologien. Neben dem verlässlichen Bereitstellen hinreichender Ressourcen sind hierzu eine besondere Art von Risikobereitschaft, Entscheidungsfreude und Risikokapital notwendig.

Zusammenarbeit als Schlüssel zum Erfolg

Weltraumfähigkeiten zu entwickeln und im globalen Kontext zu behaupten, ist nach wie vor nicht trivial. Nicht nur die strategische Bedeutung des Weltraums, sondern auch die Komplexität und der Aufwand von Projekten erfordern gemeinsames Handeln. Weltraumbezogene Vorhaben müssen als strategisch und politisch hoch relevant für die Nationale Sicherheit und unsere Wirtschaft priorisiert werden, damit auf dieser Grundlage die Zusammenarbeit zwischen Behörden, Industrie und Wissenschaft vereinfacht werden kann. Verteidigungswichtige Unternehmen, Provider von Diensten im Weltraum und hoheitliche Stellen müssen dringend enger synchronisiert werden. Nicht nur um unseren Schutz zu maximieren, sondern auch um unsere Beschaffungsprozesse zu beschleunigen. Hierzu bedarf es eines regulatorischen Rahmens, der diese Möglichkeiten schafft. Deutschland wird nur dann als relevanter Partner im internationalen Umfeld wahrgenommen, wenn es signifikante Fähigkeiten verlässlich bereitstellen oder hierzu beitragen kann. Unter dieser Voraussetzung kann Deutschland auch Initiativ- bzw. Anlehnungsnation sein, Partnern entsprechende Leistungen anbieten und so politische Positionen stärken. Nur wer beiträgt, kann auch etwas erwarten. Hieraus erwächst aber eine Chance für Wirtschaft und Verteidigung!

Der Weltraum als Operationsraum

Die Bundeswehr steht hinsichtlich der Nutzung des Weltraums bei Weitem nicht mehr am Anfang – dennoch liegt für eine zukunfts- und verteidigungsfähige Weltraumarchitektur noch ein weiter Weg vor uns. Bisher haben wir uns überwiegend auf funktionale Fähigkeiten in der Dimension Weltraum konzentriert. Die Nutzung von Diensten in der Kommunikation, der Aufklärung, der Geoinformation, der präzisen Zeitgebung und der Navigation gehört bereits länger zum Bundeswehr- Repertoire. Diese teilweise seit Beginn der 2000er Jahre genutzten Systeme sind allerdings zum Teil unter der Annahme einer Nichtbedrohung entworfen und platziert worden. Doch diese Zeiten sind längst Geschichte.

Durch die Bedrohungsentwicklung im und in den Weltraum müssen nicht nur diese Fähigkeiten robuster, reaktions- und widerstandsfähiger aufgestellt und erweitert werden. Zudem ist die raumgestützte Frühwarnung vor ballistischen oder im Hyperschallbereich agierenden Flugkörpern hoch aktuell und zeitkritisch geworden. Aus der insbesondere bei unseren internationalen Partnern bereits weit gediehenen Erkenntnis, dass die Dimension Weltraum nicht nur für funktionale Dienste genutzt wird, sondern zum militärischen Operationsraum geworden ist, resultiert die Notwendigkeit des Aufbaus operativer Fähigkeiten, die zum Schutz und zur Verteidigung unserer oben genannten funktionalen Fähigkeiten sowie zur Gewinnung und zum Erhalt der Initiative dienen. Weiterhin wissen wir, dass eine erfolgreiche Abschreckung und Verteidigung in der Dimension Weltraum nur im engen Schulterschluss mit unseren Partnern rund um den Globus gelingen kann.

In diesem operativen Feld hat die Bundeswehr Anfangsfähigkeiten, aber erheblichen Ausbaubedarf. Ausgehend von einer verlässlich und umfassend rund um die Uhr bereitgestellten Lage in der Dimension Weltraum müssen wir befähigt werden, gemeinsam in Deutschland sowie mit unseren internationalen Partnern defensive und offensive Weltraumoperationen zu planen, zu führen und insbesondere in der Dimension Weltraum mit einer Bandbreite von Mitteln wirken zu können.

Dabei sind Operationen zum Schutz eigener und zur Beeinflussung gegnerischer Weltraumfähigkeiten nicht auf den physischen Weltraum beschränkt, sondern beziehen alle Komponenten von Weltraumsystemen zu deren Herstellung, zum Start, zum Betrieb und zur Verarbeitung ihrer Produkte ein. Daher sind bei Weltraumoperationen alle fünf militärischen Dimensionen, d. h. Land, Luft, Weltraum, See sowie Cyber- und Informationsraum, mitzudenken.

Maßnahmen für eine resiliente Weltraumarchitektur

All dies gilt es, in einer völlig neuen Gesamtarchitektur zu beschreiben und umzusetzen. Diese sollte Handlungslinien umreißen und klare Leistungsvorgaben setzen, um eine zentrale Koordination zu ermöglichen. Die Bandbreite reicht von

  • dem Benennen weltraumbezogener Infrastruktur als KRITIS und dem folgerichtigen Absichern von  Legacy-Systemen
  • dem massiven Unterstützen von Technologiesprüngen bei Trägern, z. B. bei Microlaunchern und Raumflugzeugen,
  • dem Vorantreiben von Miniaturisierung, Standardisierung und Serienproduktion von Raumsegmenten,
  • dem Erhöhen der Resilienz funktionaler Fähigkeiten durch Redundanz und Responsiveness, z. B. durch Mischung aus Konstellation und Einzelsegmenten mit schnelleren Ersatz-, Verstärkungs- und Weiterentwicklungszyklen,
  • dem grundsätzlichen Einbau von Selbstschutzfunktionen in alle Komponenten von Weltraumsystemen,
  • der Nutzung von Hosted Payloads zur Erfüllung subsidiärer Aufgaben bis hin zu
  • dem Entwickeln und Bereitstellen aktiver Systeme, die vielseitig, defensiv und/oder offensiv  eingesetzt werden können. Dies schließt terrestrische und weltraumgestützte Systeme, die reversible oder nicht reversible Effekte erzielen können, ein. Diese Bandbreite reicht von elektromagnetisch wirkenden, terrestrischen Systemen bis hin zu agilen Segmenten im Orbit, die allesamt „smart“ wirken können und nicht zwingend auf die Zerstörung gegnerischer Systeme zielen müssen.

Wir wissen, dass eine erfolgreiche Abschreckung und Verteidigung in der Dimension Weltraum nur im engen Schulterschluss mit unseren Partnern rund um den Globus gelingen kann.

Generalmajor Michael TrautKommandeur Weltraumkommando der Bundeswehr

Auf Kurs in der Dimension Weltraum

Die Bundeswehr stellt sich diesen Herausforderungen und hat bereits Maßnahmen eingeleitet. Beispiele sind die fortgeschrittenen Planungen zur Erweiterung und Modernisierung von SATCOM- und Aufklärungsfähigkeiten, die Schritte zu einer Frühwarnfähigkeit sowie die kürzlich unter Vertrag genommene Beschaffung von Weltraumüberwachungsfähigkeiten, sei es als Teleskop oder Radargerät. Auch in der Führungsfähigkeit im internationalen Zusammenwirken sind u. a. mit dem Beitritt Deutschlands zur Operation OLYMPIC DEFENDER Fortschritte erzielt, die es jetzt mit Strukturen, Verfahren und interoperabler Technik zu untermauern gilt.

In der Dimensionsverantwortung der Luftwaffe, die damit initiativ die Fähigkeits- und Organisationsentwicklung, die Ausstattung sowie die Ausbildung für das Weltraumkommando der Bundeswehr verantwortet, und im Zusammenwirken mit allen anderen bedarfstragenden und -deckenden Teilstreitkräften und Organisationsbereichen wird der weitere Weg in der Bundeswehr konsequent beschritten. Es kommt jetzt darauf an, diesen Weg gemeinsam mit nationalen und internationalen Partnern zu gehen und ihn auch weiterhin mit den dafür notwendigen Ressourcen zu unterfüttern. Gerade in den jetzt kritischen Zeiten sollte dies angesichts der strategischen Bedeutung des Weltraums politische und gesellschaftliche Zustimmung finden.

Artikel aus dem Handelsblatt Journal Sicherheit und Verteidigung vom 04.02.2025

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