Artikel aus dem Handelsblatt Journal RESTRUKTURIERUNG vom 15.05.2025
Die deutsche Wirtschaft durchlebt eine tiefe Krise. Das Platzen der Dot-Com-Blase 2000, der globale Konjunkturabschwung nach 9/11 und die Finanzkrise 2008/2009 lösten ebenfalls Schockwellen aus. Doch der anschließende Aufschwung kam meist so schnell, dass Unternehmen selten Geschäftsmodelle anpassen oder sich strukturell erneuern mussten.
Überschreiten des Kipppunkts
Dieses jahrelange Laufenlassen ist heute eine der größten – auch mentalen – Hypotheken für deutsche Unternehmen. Der Transformationsdruck ist mittlerweile immens. Die seit 2020 eskalierende Polykrise – geprägt von Pandemie, Klimawandel, Zinswende, Energiepreisexplosion, geopolitischen Konflikten und Protektionismus – erklärt nur einen Teil des Handlungsbedarfs, der inzwischen auf (oft stark exportorientierten) deutschen Unternehmen lastet. Zwei spezifisch deutsche Probleme kommen hinzu.
Erstens: Die Unternehmen leiden unter der anhaltenden Strukturschwäche der deutschen Volkswirtschaft. Der Absturz vom Musterschüler Europas zum „kranken Mann“ ist alarmierend: Von 2019 bis 2025 addieren sich Deutschlands Wachstumsraten auf gerade einmal 0,2 Prozent. Andere große europäische Volkswirtschaften wie Frankreich (4,1 Prozent) und Großbritannien (4,5 Prozent) sind weit voraus, ganz zu schweigen von den USA (14,7 Prozent) und China (32,6 Prozent).
Zweitens: Disruptive Markt- und Wettbewerbsveränderungen verschärfen die Lage. Zögern bei Digitalisierung, KI-Automatisierung oder E-Mobilität hat global Marktanteile gekostet. Eine Umfrage des Ifo-Instituts vom Jahresanfang zeigt: 24 Prozent bewerten ihre Wettbewerbsfähigkeit gegenüber Ländern außerhalb der EU als gering. Kaum ein Unternehmen sieht sich im Vergleich zur weltweiten Konkurrenz im Vorteil.
Mit inkrementellen Kostensenkungen oder kurzfristigen Vertriebsinitiativen werden Unternehmen keine nachhaltigen Antworten auf die aktuellen Herausforderungen finden. Für einen erfolgreichen Turnaround sind Programme mit radikalen Einschnitten nötig. Es geht längst nicht mehr um das „ob“, sondern nur um das „wie“ – und zwar: Wie umfassend, wie schnell?
Auf der Suche nach dem Befreiungsschlag
Immerhin: Unsere aktuelle Exklusivumfrage unter 100 Topmanagern von großen und mittleren Unternehmen zeigt, dass die Notwendigkeit für weitreichende und konsequente Veränderungen in den Führungsetagen angekommen ist.
Doch aus Erfahrung wissen wir, dass in Unternehmen zwischen dem „Wollen“ und dem tatsächlichen „Umsetzen“ zahlreiche Fallstricke lauern. Für den Befreiungsschlag sind mindestens drei entscheidende Faktoren erforderlich:
Erstens: Unternehmen brauchen ein klares Zielbild, das den Wachstumskern definiert. Dieses Zielbild dient als Nordstern für Zukunftsentscheidungen. Restrukturierungs- und Transformationsschritte müssen strategisch untermauert sein. Andernfalls droht ein gefährliches Dilemma: Vollgas – aber im Leerlauf.
Zweitens: Eine konsequente strukturelle Bereinigung ist unverzichtbar, um strategische Blockaden aufzulösen und die Organisation zu verschlanken. Im Fokus steht die Stärkung des profitablen Kerngeschäfts und die Abspaltung von belastenden Randaktivitäten, die z.B. unnötige Komplexität erzeugen, auf unsicheren Wachstumsperspektiven fußen oder unverhältnismäßig kapitalintensiv sind. Dazu gehört der Mut, Geschäftsbereiche oder Standorte zu schließen oder abzugeben. In Einzelfällen kann dieses „Gesundschrumpfen“ eine sehr deutliche Reduktion des Portfolios bedeuten.
Und schließlich drittens: Die Führungsebene ist der entscheidende Faktor für den Erfolg einer Transformation. Häufig liegt das Problem in langsamen Entscheidungsprozessen, unzureichender Kommunikation und fehlender Führungserfahrung in Krisensituationen. Es gilt, alles daranzusetzen, in kritischen Phasen die richtigen Führungspersönlichkeiten an Bord zu haben – dabei kann die (temporäre) Ergänzung des Managements durch krisenerprobte Manager ein echter Gamechanger sein.
2025 kann ein Wendepunktjahr für viele deutsche Unternehmen werden. Dafür müssen sie großen Mut und Entschlossenheit zeigen, um die notwendigen strukturellen Veränderungen anzugehen. Wer mit der nachhaltigen Sanierung des Unternehmens vor die Welle des Wettbewerbs kommt, kann die allgemeine Krisen und Umbruchphase zu seinen Gunsten nutzen.
