92 % der Deutschen Bevölkerung wohnen innerhalb von 5 km zu einer der 14.000 Tankstellen. Tankstellen sind aufgrund ihrer guten Erreichbarkeit der optimale Anlaufpunkt, um mit einem Stop mehrere Aufgaben gleichzeitig zu erledigen. Diesen One-Stop-Shop Wettbewerbsvorteil nutzen in vielen Ländern die auf das Convenience Retail Geschäft spezialisierten Einzelhandelskonzerne wie 7-eleven ebenso, wie die Lebensmitteleinzelhändler mit ihren Kleinflächen-Konzepten Rewe to go, Carrefour Express, Marks & Spencer Simply Food, Albert Heijn to go etc.. Das Tankstellenshop Angebot wird in Deutschland aktuell vor allem von Rauchern geschätzt. So gaben in einer repräsentativen Umfrage der Convenience Retail Beratungsfirma The Retail Marketeers 58% aller Tankstellenshop-Kunden an, zumindest gelegentlich zu rauchen. Der Wunsch nach gesünderen Produkten im Tankstellenshop hat sich vor allem in der Altersgruppe der 30-39 Jährigen in den letzten 3 Jahren aber fast verdoppelt. Die Marktforschungsexperten von Circana schätzen, dass der Umsatz des Außer Haus Marktes in Deutschland in 2024 87,9 Mrd Euro betragen wird. An den Deutschen Tankstellen werden zur Zeit lediglich 1 Mrd Euro mit Kaffee und Snacks umgesetzt. Dass die Tankstelle in Deutschland auch die erste Anlaufstelle für Coffee to go und für Food for now & later werden kann, daran glauben aktuell vor allem die drei internationalen Convenience Retail Schwergewichte Alimentation Couche Tard aus Kanada, 7-eleven aus den USA und Japan, sowie Femsa aus Mexico. Femsa waren die Ersten, die das Wachstumspotential der Nachbarschafts-Shops in Deutschland erkannt haben, daher kauften sie vor 2 Jahren die Schweizer Foodvenience Experten Valora. Aus meiner Sicht ein ideales Fundament für Wachstum in Europa und insbesondere für Deutschland. Femsa betreibt in Lateinamerika und Europa fast 23.000 Läden und hat insgesamt 392.000 Angestellte. Wie die neue Foodvenience Erfolgsformel auch in Deutschland aussehen könnte, präsentierte Valora jüngst in Zürich mit dem The Kitchen by avec Konzept.

Einen wesentlich größeren Anteil vom Foodservice Kuchen haben sich die Convenience Experten des kanadischen Konzerns Alimentation Couche Tard mit ihrem Circle K Brand in Irland, Skandinavien, Polen und den baltischen Staaten erschlossen. Nach der Übernahme der 1.195 Total Tankstellen in Deutschland wollen sie auch die Deutschen begeistern, die Tankstelle bewusst für Foodservice Angebote anzusteuern. Aktuell befinden sie sich im Roll Out ihres Shopformates, welches wesentlich stärker auf den Sofortverzehr von Snacks und Coffee to go in Selbstbedienung ausgerichtet ist, als das bisherige Shopangebot von Total. Couche Tard betreibt weltweit fast 17.000 Convenience Stores in 29 Ländern. Im letzten Jahr ließ nun auch der mit fast 85.000 C-Stores in 20 Ländern agierende weltweit größte branded Retailer 7-eleven sein Interesse an Europa und Deutschland verlauten. Um das Foodservice Geschäft an Tankstellen wirklich erfolgreich zu erschließen, muss aus meiner Sicht vor allem die gesamte Customer Experience an der Tankstelle verbessert werden. Dazu gehört aber nicht nur eine wesentlich ansprechendere „foody atmosphere“, die auch zum Verweilen einlädt, sondern vor allem eine Digitalisierung der Customer Journey. Zusätzlich zu Lage, Lage, Lage heißt es nun Tech, Tech, Tech im Einzelhandel. „Phygital“ ist das Schlagwort des Jahres auf allen internationalen Branchen-Konferenzen. Mit Phygital (physisch plus digital) wird die Verschmelzung von digitalen und physischen Erfahrungen beschrieben. Oder wie ich es gern sage: „Tech und Food to go sind wie rechter und linker Schuh“. Starbucks ist ein hervorragendes Beispiel für die Transformation einer der unbequemsten und komplexen physischen Kaufprozesse hin zu einer reibungslosen, einfachen und schnellen Kundenerfahrung. Über 30 % aller Umsätze werden bei Starbucks in den USA mittlerweile über die App getätigt. 10 Jahre vor den Quick Service Restaurant Giganten wie Mc Donald‘s & Co hatten in den USA die Tankstellenketten Wawa und Sheetz Order Terminals, um die Prozessabläufe in ihren C-Stores zu optimieren. Die Prozessverlagerung auf den Kunden beim Bestell- und Bezahlvorgang hat dabei nicht nur Kostenvorteile, sondern der digitale Bestellweg führt auch zu höheren Bonwerten. Kein Wunder also, dass die Orderterminals mittlerweile zum Standard in der Fast Food Industrie geworden sind. Valora setzt in ihrem neuen Foodvenience Format ebenfalls Order Terminals ein, die mittlerweile durch die massive Verbreitung bei den Fast Food Profis aus Kundensicht als eine Art Beweis für Foodservice Kompetenz angesehen werden. Bei Circle K gibt es Subscription-Abo-Programme in vielen Ländern, nicht nur für die Autowäsche, sondern auch für den Coffee to go und für selbstgezapfte kalte Getränke und Slushes. Und an der Zapfsäule kann man bei Circle K durch eine Nummernschilderkennung als registrierter, digitaler Kunde einfach und bequem bezahlen. Die neuen Marktteilnehmer haben alle etwas gemeinsam, sie haben den Kunden im Visier und nicht das Fahrzeug. Und dabei setzen sie alle auf Daten. Um zu wissen, welcher Kundentyp, an welchem Wochentag, zu welcher Tageszeit mit welcher Shopping Mission zu Fuß, mit dem Fahrrad oder mit dem PKW oder LKW kommt, nutzen die Convenience Retail Profis die Daten, die zum großen Teil auch schon am Standort Tankstelle vorhanden sind – „data is the new oil, they are under your store – you have to frack them“ sagt der weltweit anerkannte Digitalisierungs-Experte unserer Branche Gray Taylor, der Executive Director von Conexxus. Conexxus ist eine gemeinnützige, mitgliederorientierte Technologieorganisation, die sich der Entwicklung und Umsetzung von Standards, technologischen Innovationen und der Interessenvertretung für den Convenience Store- und Retail-Tankstellenmarkt widmet und ein Teil von NACS in den USA.
Christian Warning ist Gründer und geschäftsführender Gesellschafter von The Retail Marketeers, einer in Hamburg ansässigen Beratungsfirma, die sich auf den Convenience-Einzelhandel in seinen vielfältigen Formen konzentriert. Christian Warning, ein Absolvent der Universität Hamburg, hat 13 Jahre lang für Shell gearbeitet, wo er schließlich Leiter des milliardenschweren Non-Fuel-Einzelhandelsgeschäfts auf dem deutschen Markt wurde. Anschließend leitete er den Aufbau der größten deutschen Convenience-Store-Franchisekette außerhalb der Tankstellen der Deutschen Bahn. Seit fast zwei Jahrzehnten verbinden Christian und sein Unternehmen erfolgreich Branchenwissen und Branchennetzwerke, um neue Wege im Convenience-Markt zu beschreiten. Christian ist der NACS Relationship Partner für die deutschsprachigen Märkte (D-A-CH) und Gastgeber des jährlichen NACS Convenience Leaders Exchange in Hamburg. Als Beiratsmitglied von 2 global agierenden Tankstellenspezialisten besucht er jährlich mehr als 1.000 Tankstellen und Convenience Stores in vielen verschiedenen Ländern.