Im Vorfeld der Handelsblatt-Jahrestagung „Zukunft Stahl 2026“ hat STAHL-Blogger Heinz Peter Pülzl mit Isabelle Wermke gesprochen – Reporterin für energieintensive Industrie beim Handelsblatt und Moderatorin der Tagung.
Im Interview erklärt sie, warum die Stahlindustrie zum Prisma europäischer Industriepolitik geworden ist, weshalb 2026 ein entscheidendes Jahr für Wettbewerbsfähigkeit und Transformation darstellt und warum auf der Konferenz bewusst Widerspruch statt Wohlfühlkonsens gesucht wird. Es geht um Investitionsrealität statt Ankündigungen, um Energiepreise, globale Überkapazitäten, Handelsschutz – und um die Frage, wer die Kosten der Transformation trägt.
Warum „Zukunft Stahl 2026“ ernster, konkreter und konfliktreicher wird als frühere Jahrgänge und weshalb die Qualität der Debatte wichtiger ist als reine Reichweite, lesen Sie im vollständigen Interview.
Frage: Bevor wir über Zukunft Stahl 2026 sprechen: Können Sie sich der STAHL-Blogger-Community kurz vorstellen und erklären, wofür Sie beim Handelsblatt stehen?
Antwort: Ich berichte für das Handelsblatt über die energieintensive Industrie – insbesondere über die Stahlindustrie, den Maschinenbau und die Bauindustrie. Mein Fokus liegt dabei auf den Schnittstellen zwischen Unternehmen, Technologie, Politik und Kapitalmärkten. Es geht bei der Unternehmensberichterstattung weniger nur um Ankündigungen, als um Umsetzbarkeit: Was funktioniert real in den Werken, in den Lieferketten und in den Geschäftsmodellen – und was nicht?
Frage: Was ist Ihre persönliche Verbindung zur Stahlindustrie – war Stahl für Sie immer ein Thema oder ist es eines geworden?
Antwort: Stahl war zunächst ein Berichterstattungsthema, ist aber über die Jahre zu einem Prisma geworden, durch das sich Industriepolitik insgesamt beobachten lässt. Kaum eine Branche bündelt so viele Konflikte gleichzeitig: Energiepreise, Klimaziele, globale Überkapazitäten, Handelsfragen, Sicherheitsinteressen. Wer Stahl versteht, versteht große Teile der industriellen Transformation Europas.
Frage: Welche Rolle nimmt das Handelsblatt bei Zukunft Stahl ein: neutraler Beobachter, kritischer Moderator oder aktiver Impulsgeber?
Antwort: Das Handelsblatt versteht sich weder als Gastgeber mit eigener Agenda, noch als distanzierter Zaungast. Unsere Rolle ist die des kritischen Moderators: Wir schaffen einen Rahmen für Debatte, stellen auch unbequeme Fragen und konfrontieren unterschiedliche Interessen – ohne dabei selbst industriepolitische Positionen vorzugeben.
2. Bedeutung & Zeitdiagnose
Frage: Warum ist 2026 aus Ihrer Sicht ein besonders kritischer Zeitpunkt für die Stahlindustrie in Europa?
Antwort: 2026 ist ein Jahr der Bewährungsproben. Viele politische Versprechen – etwa zu Strompreisentlastung oder CO₂-Schutzinstrumenten – müssen jetzt liefern. Gleichzeitig verschärfen sich globale Überkapazitäten, vor allem aus China, und der internationale Wettbewerb wird strategischer. Europas Stahlindustrie steht damit nicht mehr vor der Frage, ob sie sich transformiert, sondern ob Konzepte, die in den vergangenen Jahren erarbeitet wurden, standhalten. Und ob sie das wirtschaftlich überlebt.
Frage: Was unterscheidet Zukunft Stahl 2026 inhaltlich am deutlichsten von früheren Jahrgängen?
Antwort: Der Ton ist ernster und konkreter. Es geht weniger um Visionen und mehr um Zwischenbilanzen: Welche Direktreduktionsprojekte kommen voran, wo stockt es, welche Investitionen rechnen sich unter heutigen Marktbedingungen und welche nicht. Die Branche diskutiert nicht mehr im Konjunktiv.
Frage: Gibt es ein übergeordnetes Narrativ, das sich durch das Programm zieht – oder ist gerade die Vielstimmigkeit Teil des Konzepts?
Antwort: Beides. Das übergeordnete Narrativ lautet: Stahl ist wieder strategisch. Gleichzeitig ist die Vielstimmigkeit bewusst gewollt, weil es keine einheitliche Transformationslogik gibt – weder technologisch noch regional. Diese Spannungen sichtbar zu machen ist Teil des Konzepts.
Frage: Können Sie uns Zahlen und Daten zur Veranstaltung nennen (Teilnehmerkreis, Branchen, Internationalität, Dauer)?
Antwort: Die Handelsblatt-Jahrestagung „Zukunft Stahl“ war zuletzt mit rund 180 Teilnehmenden ausverkauft. Etwa 40 Prozent kommen aus der Stahlindustrie, rund 10 Prozent aus dem Maschinenbau, hinzu Vertreter aus Energiebranche und Finanzsektor. Rund 90 Prozent der Gäste stammen aus Deutschland, etwa 7 Prozent aus Österreich, weitere aus den Niederlanden, Großbritannien, Frankreich und der Schweiz. Auffällig ist der hohe Entscheidungsrang: Rund 50 Prozent sind auf Geschäftsführungs- oder Vorstandsebene tätig, mehr als die Hälfte besucht die Konferenz regelmäßig. Die Veranstaltung dauert gute anderthalb Tage.
3. Agenda-Setting & kuratorische Verantwortung
Frage: Nach welchen Kriterien entscheiden Sie, welche Themen auf die große Bühne kommen?
Antwort: Relevanz, Umsetzbarkeit und auch ein wenig Konfliktpotenzial. Themen müssen für die Industrie kurzfristig entscheidungsrelevant sein – etwa Investitionsbedingungen, Regulierung oder Marktverzerrungen. Gleichzeitig fragen wir: Wo gehen die Interessen auseinander? Dort beginnt die Debatte.
Frage: Gibt es Themen, die bewusst nicht prominent platziert wurden – und warum?
Antwort: Ja. Reine Technologie-Schaufenster ohne wirtschaftlichen Realitätscheck haben keinen Vorrang. Ebenso vermeiden wir Wiederholungen politischer Zielbilder, wenn unklar bleibt, wie diese unter heutigen Marktbedingungen erreicht werden sollen.
Frage: Zukunft Stahl 2026 verbindet Industrie-, Handels- und Sicherheitspolitik. Ist diese Verknüpfung unvermeidlich oder bewusst provokant gesetzt?
Antwort: Sie ist unvermeidlich. Stahl ist Grundstoff für Infrastruktur, Rüstung, Energie und Bau. Fragen von Importabhängigkeit, Dumping oder Subventionen sind längst sicherheitspolitisch relevant. Diese Realität auszublenden wäre realitätsfern, nicht neutral.
Frage: Welche industriepolitischen Fragen stoßen in der Branche auf den größten Widerstand, sind aus Ihrer Sicht aber nicht länger aufschiebbar?
Antwort: Die ehrliche Diskussion über Kosten der Transformation – und darüber, wer sie trägt. Ebenso die Frage, wie lange Europa strukturell höhere Energiepreise verkraftet und welche industriepolitischen Leitplanken realistisch sind, ohne dauerhaft Subventionen zu ersetzen.
4. Transformation ohne Schönfärberei
Frage: Wie stellen Sie sicher, dass auf der Konferenz nicht nur Wunschbilder, sondern auch reale Zielkonflikte diskutiert werden?
Antwort: Indem wir Akteure mit unterschiedlichen Interessen bewusst zusammenbringen: Industrie und Politik, Produzenten und Abnehmer, Europa und internationale Wettbewerber. Zudem setzen wir auf Moderation, die Widersprüche offenlegt, statt sie zuzudecken.
Frage: Gibt es Programmpunkte, bei denen bewusst kein Konsens angestrebt, sondern Widerspruch sichtbar gemacht werden soll?
Antwort: Ja. Gerade bei Themen wie CO₂-Bepreisung, Handelsschutz oder staatlicher Förderung ist Dissens produktiver als Scheinkonsens. Unser Ziel ist ja Erkenntnis, keine erzwungene Harmonie.
Frage: Welche technologischen Ansätze haben es auf die Bühne geschafft, obwohl sie noch nicht Mainstream sind?
Antwort: Diskutiert werden unter anderem alternative Reduktionspfade, hybride Übergangslösungen sowie Fragen zur Skalierung von Wasserstoffinfrastruktur. Sie werden aber klar als Optionen mit den bekannten Grenzen benannt.
Frage: Wie verändert sich die Diskussion, wenn Stahl nicht mehr nur Kostenfaktor, sondern strategische Ressource für Europa ist?
Antwort: Dann rückt Versorgungssicherheit stärker in den Fokus, ebenso wie Resilienz von Wertschöpfungsketten. Gleichzeitig wächst der politische Erwartungsdruck – was die Branche vor neue Rechtfertigungszwänge stellt.
5. Wirkung, Relevanz und Konsequenzen
Frage: Woran messen Sie persönlich den Erfolg von Zukunft Stahl 2026: an Reichweite, Qualität der Debatte oder an konkreten Folgeprozessen?
Antwort: Primär an der Qualität der Debatte. Reichweite ist wichtig, aber entscheidend ist, ob Gespräche geführt werden, die sonst nicht stattfinden würden. Und ob Positionen klarer werden, auch wenn sie unbequem sind.
Frage: Welche Diskussion auf der Konferenz dürfte eigentlich nicht folgenlos bleiben?
Antwort: Allgemein sollte die Debatte über Wettbewerbsfähigkeit unter den aktuellen energie- und handelspolitischen Rahmenbedingungen nicht folgenlos bleiben. Wenn hier langfristig keine Antworten gefunden werden, drohen irreversible Standortentscheidungen. Ich persönlich bin gespannt auf den Powertalk mit Nadine Artelt von Saarstahl Rail und Max Christian Lange von der Deutschen Bahn. Im vergangenen Jahr hatten wir eine hitzige Diskussion darüber, warum die Schiene noch nicht grün ist – und in diesem Jahr wollen wir Updates hören.
Frage: Gibt es Rückmeldungen aus früheren Jahrgängen, die tatsächlich zu Entscheidungen oder Kursänderungen geführt haben?
Antwort: In der Vergangenheit haben Diskussionen zu Investitionsbedingungen, CO₂-Instrumenten oder Handelsschutzmaßnahmen Eingang in politische und unternehmerische Entscheidungsprozesse gefunden – nicht als direkte Folge, aber definitiv als Impulsgeber. Außerdem finden sich auf der Zukunft Stahl immer wieder Brancheninsider zusammen, die miteinander diskutieren, ihr Interesse an Partnerschaften bekunden, oder deren Vernetzung zu gemeinsamen Projekten führt.
6. Abschluss
Frage: Wenn Teilnehmer nach drei Tagen in Essen abreisen: Was sollten sie besser verstanden haben als zuvor?
Antwort: Dass die Transformation der Stahlindustrie kein lineares Projekt ist. Sie verläuft widersprüchlich, regional unterschiedlich und unter hohem ökonomischem Druck. Wer das akzeptiert, kann bessere Entscheidungen treffen.
Servicefrage: Wo finden Interessierte weitere Informationen zur Veranstaltung „Zukunft Stahl 2026“ und zur Teilnahme – auch digital?
Antwort: Alle Informationen zur Veranstaltung, zum Programm und zu Teilnahmeoptionen finden sich auf den offiziellen Seiten der Handelsblatt-Jahrestagung „Zukunft Stahl“, inklusive digitaler Formate und begleitender Berichterstattung.