Staat-Up Deutschland: Warum wir unsere Digitale Souveränität jetzt skalieren müssen

Dieser Gastbeitrag ist gemeinsam entstanden – aus zwei unterschiedlichen Perspektiven. Miriam Wohlfarth, Co-CEO von Banxware, beschäftigt sich seit mehr als 25 Jahren mit digitaler Infrastruktur, Skalierung und Vertrauen sowie der Frage, warum digitale Prozesse im Alltag oft schneller funktionieren als in staatlichen Systemen. Anna Sophie Herken ist Vorständin der Deutschen Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) und bringt internationale Erfahrung aus Transformationen und dem Finanzsektor ein.

Artikel aus dem Handelsblatt Journal Government Technology

Gerade heute braucht es beide Blickwinkel: Start-up-Mentalität, digitale Infrastruktur und Skalierung ebenso wie internationale Umsetzung, Standards und Governance. Uns verbindet eine Überzeugung: Wer Digitalisierung in Deutschland voranbringen will, muss die Logik und Arbeitsweise unterschiedlicher Sektoren zusammenführen. Gerade in der aktuellen geopolitischen Lage wird sichtbar, dass digitale Unabhängigkeit kein Nischenthema ist, sondern ein Überlebensthema. Digitalisierung ist längst geopolitisch: Technologische Abhängigkeiten entscheiden über Wettbewerbsfähigkeit, Sicherheit und innere Stabilität.

Viel Geld aber mehr Wirkung nötig

Deutschland investiert dreistellige Millionenbeträge in die Modernisierung des Staates. Neue Zuständigkeiten, Register, digitale Identitäten und der Deutschland Stack sollen die Grundlagen einer digitalen Verwaltung schaffen. Das ist richtig. Die strategische Frage ist jedoch nicht nur, ob wir investieren, sondern, ob wir schnell genug vom Pilotieren ins Skalieren kommen. Heute sehen wir zu oft Fragmentierung: viele Projekte, viele Einzellösungen, viele punktuelle Erfolge. Was fehlt, ist der Maßstab. In der Digitalwirtschaft gilt: Was nicht skaliert, existiert nicht. Man baut einen Kern und skaliert. Genau diese Logik wird im öffentlichen Sektor bislang selten angewendet.

Ein gutes Beispiel ist die digitale Identität. Sie existiert seit Jahren, wird aber wegen Aktivierungshürden und Medienbrüchen kaum genutzt. Dabei ist sie Basis staatlicher Handlungsfähigkeit und digitaler Souveränität: Nur so lassen sich öffentliche Dienste durchgängig, sicher und krisenfest digital steuern – gerade angesichts wachsender Abhängigkeiten von Software-, Cloud- und Sicherheitslösungen großer Tech-Unternehmen. Ohne sichere, interoperable Identität unter eigener Kontrolle bleiben staatliche Leistungen im Krisenfall schwer steuerbar und wenig resilient.

Hier greift das Konzept der Digital Public Infrastructure (DPI). Gemeint ist das digitale Fundament des Staates, wie Straße und Stromnetz, nur digital. DPI verbindet digitale Identität, interoperable Zahlungen und erlaubten Datenaustausch als Grundlage für Anwendungen © Getty Images, jasper q photography, GIZ für alle Bürgerinnen und Bürger. Ohne diesen Dreiklang bleibt Digitalisierung Stückwerk: Sonderwege, doppelte Prozesse, Insellösungen. Brüssel stellt die Weichen: Die eIDAS-2.0-Verordnung und die European Digital Identity Wallet schaffen eine EU-weite Basis für digitale Ausweise und Bürgerdienste. Parallel definiert die EU Regeln für Instant Payments und Datenräume.

Große Wirkung durch klare Architektur

Während Europa nun wichtige Grundlagen schafft, zeigt der Blick über den Kontinent hinaus, wie schnell Skalierung gelingen kann. Wer verstehen will, wie digitale Infrastruktur skaliert, muss heute auch nach Neu-Delhi oder Nairobi schauen: Dort werden Identität, Zahlungen und Daten als System gebaut. Ein besonders eindrucksvolles Beispiel ist der India Stack. Indien baut Identität, Zahlungen und Datennutzung als gemeinsame Infrastruktur: Allein im Dezember 2025 liefen darüber 21,6 Milliarden Transaktionen.

Auch in Ostafrika entsteht in der East African Community (EAC) eine interoperable, regionale Bezahlinfrastruktur als DPI-Baustein. Sie senkt Transaktionskosten und ermöglicht digitalen Handel über Grenzen hinweg – besonders dort, wo klassische Bankstrukturen fehlen. Mobile-Payment-Systeme wie M-PESA sind im engeren Sinne zwar keine DPI, zeigen jedoch das Inklusionspotenzial digitaler Zahlungssysteme: Über 60 Millionen Nutzerinnen und Nutzer sowie mehr als fünf Millionen Unternehmen verwenden mobile Zahlungen in der Region monatlich. In mehreren EAC-Partnerstaaten tragen diese Systeme inzwischen mit mehr als fünf Prozent zur Wirtschaftsleistung bei; in Kenia verarbeitet M-PESA Transaktionen im Umfang von bis zu 59 Prozent des BIP.

Vernetzung von Expertise und Praxis

Auf dieser Grundlage setzt auch die GIZ im Auftrag des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) mit Projekten vor Ort an: KI kann DPI-Bausteine nutzen, um Zahlungsdaten, Handelsströme und Lieferketten besser auszuwerten. So entstehen effizientere Energie- und Logistiksysteme sowie neue Geschäftsmodelle im EAC-Binnenmarkt.

Hier wird Entwicklungszusammenarbeit zum Brückenbauer: Sie bringt Regierungen, Zentralbanken, Aufsichtsbehörden, NGOs und Privatwirtschaft an einen Tisch. Im Rahmen des Projekts GovStack wird zum Beispiel die kenianische Regierung bei der Entwicklung einer DPI-Roadmap für die strategische Entwicklung, Implementierung und Skalierung zentraler digitaler öffentlicher Infrastrukturen unterstützt. Zudem begleitet die GIZ die EAC bei einem Pilotprojekt, das die Zahlungssysteme von Tansania und Ruanda verknüpft und als Blaupause für die Region dient. Auf dem Global DPI Summit 2025 wurde die Zusammenarbeit mit dem Privatsektor vertieft; die G20 hat das Projekt als Best Practice für digitale Integration ausgezeichnet.

Digitale Souveränität entsteht nicht von allein

Deutschland und Europa können daraus lernen: Payments sind keine Fintech-Spielwiese, sondern Basis – und längst kritische Infrastruktur. Zahlungsverkehr ermöglicht Handel, schafft Vertrauen und ist ein zentraler Hebel für wirtschaftliche und geopolitische Souveränität. Heute sind wir in diesem Bereich stark von außereuropäischen Anbietern abhängig – eine strategische Schwäche, die wir nicht ignorieren dürfen. Was es braucht, sind einheitliche Standards in Regulierung und Umsetzung sowie deutlich weniger Medienbrüche.

Gerade beim Zahlungsverkehr erleben wir in Deutschland und Europa immer wieder dasselbe Muster. Wir bauen technologisch saubere Lösungen, unterschätzen aber konsequent, was es braucht, um sie wirklich in Nutzung zu bringen. Initiativen wie Wero oder Instant Payments sind strategisch richtig und wichtig. Doch ohne einen echten Markthochlauf, ohne klare Anreize und ohne staatliche Anker-Nachfrage werden sich europäische Zahlungslösungen nicht automatisch von selbst durchsetzen. Skalierung passiert nicht durch gute Absichten, sondern durch konsequente Nutzung.

Dazu gehört auch die ehrliche Debatte über Defaults, verbindliche Angebote und die Rolle des Staates als Vorreiter. Wer digitale Souveränität will, muss europäische Lösungen aktiv in den Markt bringen. Nicht nur ermöglichen, sondern nutzen. Ein Blick in andere Regionen zeigt: Wenn Zahlungsverkehr als Infrastruktur verstanden wird, ist Skalierung möglich. Schnell und im Alltag.

Technisch ist vieles vorhanden. Was wir jetzt brauchen, ist der Wille, digitale Identität und Zahlungsverkehr tatsächlich als Basisinfrastruktur zu behandeln. Denn am Ende geht es um nichts weniger als unsere digitale Handlungsfähigkeit und damit um die Zukunft Europas.

Digitale Unabhängigkeit ist kein Nischenthema, sondern ein Überlebensthema.

Das aktuelle Handelsblatt Journal
Dieser Artikel ist im aktuellen Handelsblatt Journal „Government Technology“ erschienen. Das vollständige Journal können Sie sich hier kostenlos herunterladen:
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