So scheitert die EU beim Recycling wichtiger Rohstoffe

Recycling könnte Europas Abhängigkeit von Chinas Rohstoffen mindern. Doch zu viel Schrott landet im Schredder oder wird verkauft – ausgerechnet nach China. Experten haben Ideen für Abhilfe.

Seltenerd-Recycling: Das Unternehmen Remloy kämpft mit hohen Schrottpreisen. Foto: Heraeus Remloy

Lange hat sich dieses Drohszenario abgezeichnet, dieses Jahr wurde es Realität: China stellte mehrere kritische Rohstoffe wie seltene Erden unter Exportkontrollen und sorgte dafür, dass in Europa einige Produktionsbänder stillstanden.

Zwar wurden einige der Exportrestriktionen wieder gelockert, nachdem Peking und Washington miteinander verhandelt hatten. Doch das Problem bleibt: Bei vielen kritischen Rohstoffen ist Europa stark abhängig von China.

Und dieses Problem lässt sich auch nicht schnell lösen. Rohstoffprojekte haben in Europa eine lange Vorlaufzeit – von der Entdeckung bis zum Abbau kann es bis zu 20 Jahre dauern. Manchmal scheitern Vorhaben auch am Widerstand der Anwohner: So wurde zuletzt das Lithiumprojekt von Rio Tinto in Serbien auf Eis gelegt.

Einen kurzfristigeren Weg, um Versorgungsrisiken zu mindern, sehen Experten daher im Recycling – wie Bergbauingenieur Helmut Spoo, der eine Unternehmensberatung zur Kreislaufwirtschaft gegründet hat. „Recycling ist schneller, als ein neues Bergwerk zu planen. Wir müssen schnell vorgehen“, sagt er.

Das wird auch in der Europäischen Union (EU) so gesehen. Der Critical Raw Materials Act (CRMA) der Staatengemeinschaft sieht vor, dass bis 2030 ein Viertel ihres jährlichen Rohstoffbedarfs durch Recycling gedeckt werden soll. Doch von diesem Ziel ist Europa derzeit weit entfernt.

Seltene Erden und Kupfer gehen in großen Mengen auf dem Schrottplatz verloren

Besonders drastisch ist die Kluft ausgerechnet bei Magneten, die seltene Erden enthalten. Weniger als ein Prozent der Magneten würden derzeit recycelt, sagt Spoo.

Das Problem sieht der Ingenieur im unsachgemäßen Umgang mit Rohstoffen in der Entsorgungskette. „Derzeit landet viel zu viel einfach im Schredder,“ kritisiert er. So befinde sich in Festplatten beispielsweise das Seltenerdmetall Neodym, aber die Platten würden in Wertstoffhöfen mit anderem Schrott vermischt.

Als weiteres Beispiel nennt Spoo Kupfer. Große Mengen des gefragten Rohstoffs gehen nach Einschätzung des Experten bei der Entsorgung von Altfahrzeugen verloren. Zudem enthalten diese Altfahrzeuge auch weitere Rohstoffe wie Silber, Kobalt, Iridium und auch seltene Erden. Auch diese Rohstoffe werden nach Spoos Einschätzung vor dem Schreddern nicht separiert und gehen deshalb unwiederbringlich verloren.

Spoo sieht gleich mehrere Gründe für dieses Versagen. So seien die nationalen gesetzlichen Regelungen wie das Elektro- und Elektronikgerätegesetz (ElektroG) und die EAG-Behandlungsverordnung handwerklich schlecht gemacht, kritisiert er. Beide sehen seiner Aussage nach keine Separierung von seltenerdhaltigen Teilen aus Elektroaltgeräten vor.

Zudem werden bestehende Regelungen seiner Erfahrung nach nicht eingehalten. So wird die für Elektroaltgeräte vorgeschriebene Sammelquote von 65 Prozent nicht annähernd erreicht. Sie liegt gerade mal zwischen 38 und 40 Prozent.

„Wir können es uns nicht leisten, Rohstoffe zu verschwenden, die wir mühsam gewonnen haben.“ Helmut Spoo, Unternehmensberater

„Es fehlt bisher in der Bevölkerung das Bewusstsein für Rohstoffe und deren Knappheit“, sagt Spoo. „Wir können es uns nicht leisten, Rohstoffe zu verschwenden, die wir mühsam gewonnen haben.“

China kauft Schrott zu attraktiveren Preisen auf

Doch nicht nur auf den heimischen Schrottplätzen gehen kritische Rohstoffe verloren. Ein großer Teil des Altmaterials wird außerdem nach China transportiert. Denn chinesische Unternehmen bieten deutlich höhere Schrottpreise – und setzen sich damit im Wettbewerb mit europäischen Recyclingunternehmen durch.

„Es werden in Deutschland etwa 1000 Tonnen Magnete im Jahr gesammelt, aber 80 Prozent davon verlassen den Kontinent“, sagt David Bender, der Co-Vorstandschef von Remloy ist. Die Tochter des Technologiekonzerns Heraeus betreibt in Bitterfeld eine Recyclinganlage für Neodym-Eisen-Bor-Magneten – die derzeit größte in Europa. Doch  Remloy kämpft aktuell damit, sich ausreichende Schrottraten zu sichern.

„Die Schrottplätze und Händler lassen uns ein preisliches Angebot machen, auf das wir aber in der Regel die Rückmeldung bekommen, dass Anbieter aus Fernost einen höheren Preis zahlen“, sagt Bender. Manchmal profitiere Remloy zwar von langjährigen Geschäftsbeziehungen und erhalte dennoch das Magnetmaterial. Doch unterm Strich steht dem Unternehmen seiner Einschätzung nach weniger Material zur Verfügung, zugleich steigen die Kosten.

Ein Unternehmen wie Remloy, das seine Produktion langsam ausbaut, ist sensibel für hohe Materialkosten. Anders sieht das bei chinesischen Unternehmen aus, die bereits in einem viel größeren Ausmaß recyceln und so Skaleneffekte erzielen. Diese seien in der Lage, höhere Preise zu zahlen, erklärt Bender.

Kupferverarbeiter fordern Exportbeschränkungen

Das Urban Mining, also die Gewinnung von Sekundärrohstoffen, ist nach Aussage des Remloy-Chefs derzeit die Bezugsquelle Nummer eins für kritische Rohstoffe in Europa. „Umso ärgerlicher ist es, wenn uns diese wertvollen Ressourcen vor der Nase weggeschnappt werden“, sagt er. Bender fordert daher von der Regierung Exportbeschränkungen für Schrott, der kritische Metalle enthält.


Arbeiter stapelt im Stranggusslager von Aurubis in Hamburg massive Kupferstangen: Die Kupferindustrie braucht mehr günstigen Schrott. Foto: ddp images/Axel Heimken

Auch Jens Gutzmer, Professor für Erzlagerstätten und Geometallurgie und Leiter des Helmholtz-Instituts für Ressourcentechnologie in Freiberg, hebt den Ernst der Lage hervor. „Wenn hochwertige Schrotte aus Europa nach China umgeleitet werden können, so trocknet jeder Versuch, die Rohstoffversorgung in Europa durch besseres Recycling resilienter zu gestalten, sofort an der Quelle aus“, sagt er.

Zumindest für Aluminiumschrott will die Europäische Kommission nun Ausfuhrbeschränkungen einführen, wie die Nachrichtenagentur Reuters berichtet. Denn im vergangenen Jahr haben die EU-Exporte von Aluminiumschrott einen Rekordwert erreicht, der größte Teil davon ging nach Asien.

„Zuverlässige Schrottversorgung ist entscheidend für die Rolle der Kupferindustrie in einer kohlenstoffarmen Kreislaufwirtschaft.“ Positionspapier, Kupferindustrie

Inzwischen fordern auch die Unternehmen der Kupfergewinnung und -verarbeitung Exportbeschränkungen. „Eine zuverlässige Schrottversorgung ist entscheidend für die Rolle der Kupferindustrie in einer kohlenstoffarmen Kreislaufwirtschaft. Dennoch sieht sich die EU mit einem wachsenden Mangel konfrontiert, der ihre strategische Autonomie, industrielle Wettbewerbsfähigkeit und Klimaziele bedroht“, heißt es in einem neuen Positionspapier, das unter Federführung der Wieland-Werke in Ulm entstanden ist.

Finanzielle Planungssicherheit fehlt

Doch europäischen Recyclingprojekten für Rohstoffe mangelt es nicht nur an günstigem Schrott, sondern auch an finanzieller Planungssicherheit. Dazu gehören Fördergelder, aber auch die Bereitschaft der Industrie, das Material abzunehmen. Bislang sind deutsche Konzerne nicht bereit, höhere Preise für Rohstoffe zu zahlen, die aus nicht-chinesischen Quellen kommen.

Philipp Buddemeier, Gründer der Unternehmensberatung Better Earth und Mitgründer des Wagniskapitalgebers Marvelous, sieht für diese Probleme folgende Lösungen: Die Regierung sollte seiner Ansicht nach spezialisierte Wagniskapitalfonds mit zweckgebundenem Kapital ausstatten, um in junge Recyclingunternehmen im Rohstoffbereich zu investieren.

Außerdem schlägt Buddemeier ein Modell vor, um für die Unternehmen die Risiken in Abnahmeverträgen zu mindern. Solche „Offtake-Agreements sind riskant, weil ihre Preise anfangs oft über dem Marktniveau liegen“, erklärt er.

Ein staatlich abgesichertes Preisdifferenz-Modell könne dieses Risiko abfedern, sagt der Experte: „Steht Recyclingmaterial preislich schlechter da, gleicht der Staat die Differenz aus – entwickelt sich der Markt später zugunsten des Rezyklats, zahlt das Unternehmen zurück.“


Artikel vom 02.12.25

Quelle: https://www.handelsblatt.com/finanzen/maerkte/devisen-rohstoffe/seltene-erden-so-scheitert-die-eu-beim-recycling-wichtiger-rohstoffe/100173888.html