Artikel aus dem Handelsblatt Journal Sicherheitspolitik und Verteidigungsindustrie vom 16.2.2024
Mit dem „OuterNET“, bestehend aus 600 Satelliten, will Rivada Space Networks ein europäisches Kommunikationsnetz für Unternehmen und Regierungen aufbauen. Weshalb es das braucht, konnte die Handelsblatt Journal Redaktion von Declan Ganley, dem CEO des deutschen Satellitenbetreibers Rivada Space Networks, erfahren.
Herr Ganley, immer häufiger wird in der Raumfahrt von einer Zeitenwende gesprochen. Was bedeutet das?
Raumfahrt ist heutzutage nicht mehr allein eine Angelegenheit der öffentlichen Hand. Sie wird zunehmend von kommerziellen Akteuren vorangetrieben, die privates Kapital einbringen und Innovations- und Produktionszyklen massiv beschleunigen. Deutschland baut einen dynamischen NewSpace-Sektor auf, der die Entwicklung neuer Technologien, Dienstleistungen und Geschäftsmodelle vorantreibt. Im globalen Wettlauf ins All ist dies von hoher geopolitischer Bedeutung. Wer in Verteidigung, ziviler Sicherheit, Klima- und Katastrophenschutz die Nase vorn haben will, braucht Raumfahrt-Technologien. Sie sind ein Schlüssel für unsere Souveränität und Sicherheit.
Das klingt nach sehr hoch gesteckten Zielen und nach Milliardären wie Elon Musk und Jeff Bezos. Welche zukünftigen sicherheitsrelevanten Entwicklungen haben wir im Weltraum zu erwarten?
Es geht um sehr viel mehr als die aktuellen Projekte von Elon Musk und Jeff Bezos, die Schlagzeilen machen. Der Weltraum wird für unsere Sicherheit immer relevanter. Zurzeit entstehen Konstellationen, die einerseits als Backup für kritische Infrastrukturen am Boden fungieren und andererseits völlig unabhängige Kommunikationsnetze für sensible Daten aufbauen. In Konflikten weltweit spielt sichere Kommunikation eine entscheidende Rolle. Durchtrennte Unterseekabel in Taiwan oder der Einsatz von Satellitendiensten in der Ukraine und in Israel zeigen, wie wichtig Kommunikation und Datenverfügbarkeit sind.
Kommunikationssicherheit reicht viel weiter und beginnt schon sehr lange vor dem Krisenfall. Ab und zu erfährt man in den Medien von immensen Datenlecks oder es wird davon berichtet, dass hochrangige Politiker abgehört wurden. Kommunikation zählt zum Bereich der kritischen Infrastrukturen und ihr Schutz hat höchste Priorität. Regierungen und Unternehmen haben sehr hohe Sicherheitsanforderungen, da sie mit hochsensiblen Informationen zu tun haben. Als gebürtiger Ire bin ich sehr europaverbunden. Deutschland und Europa benötigen eigene Kommunikationsnetze, um unsere Unabhängigkeit zu gewährleisten. Wir müssen über Systeme nachdenken, die unsere Infrastrukturen und unsere Verteidigung im Weltraum schützen.
Gibt es hier wirklich keine europäischen Alternativen, die mit Starlink mithalten könnten?
Wenn wir über Sicherheit sprechen, sprechen wir davon, dass wir ein privates Netzwerk benötigen, das auf keine terrestrischen Infrastrukturen wie Unterseekabel, Glasfaser oder das Internet zurückgreifen muss. Rivada Space Networks arbeitet an genau so einer Lösung. Die Art und Weise, wie wir neue Technologien einsetzen, ist einzigartig. Erstens richtet sich unser Angebot ausschließlich an Unternehmen und Regierungen. Zweitens sind alle unsere Satelliten untereinander per Laserlink verbunden und kommunizieren direkt im All. Das hat zahlreiche Vorteile. Wir bauen so ein privates Netzwerk auf, das ohne terrestrische Infrastrukturen auskommt. Außerdem kommen wir mit einer deutlich reduzierten
Anzahl von Gateways aus, die gehackt werden könnten und somit ein beliebtes Eintrittstor für feindliche Angriffe darstellen. Drittens sind die Services wirklich global verfügbar, sogar an den Polen, auf dem Meer und in den entlegensten Gebieten. Die Kombination dieser Faktoren unterscheidet uns maßgeblich.
Ist das nicht ein sehr teures und aufwändiges Unterfangen?
Natürlich ist es das. Aber die Frage ist doch auch, was passiert, wenn sich Europa in zu vielen wichtigen Sektoren abhängig macht. Wir sehen bereits, dass diese Abhängigkeit zu Problemen führt. Ein gutes Beispiel ist hier die Pharmaindustrie. Die Produktion ist aufgrund wirtschaftlicher Entscheidungen in Billiglohnländer wie China und Indien abgewandert. Dort sind im letzten Jahr Lieferkettenprobleme aufgetreten, was zu einem Versorgungsengpass in Deutschland geführt hat. Die Verfügbarkeit von Medikamenten ist kritisch, ebenso wie die sichere Kommunikation hochsensibler Daten. Deutschland und Europa müssen anfangen, zu priorisieren und sich Gedanken darüber zu machen, welche Sektoren für den Ernstfall im eigenen Land behalten werden müssen. Und die Politik sollte das unterstützen. In manchen Bereichen, wie der Datenkommunikation, kann sich die öffentliche Hand als Partner, Botschafter und Ankerkunde einbringen. ■
