Ressourcenknappheit und Personalmangel: Mit Innovation und Kooperation durch schwierige Gewässer navigieren

Bei der Frage nach den größten Risiken und den größten Herausforderungen für die Streitkräfte der EU-Staaten und der NATO landet man sehr schnell beim Thema Ressourcenknappheit. Ein Feld mit vielen Facetten. Denken wir etwa an immer knapper werdende finanzielle Ressourcen (die Haushaltskrise in Deutschland beweist es eindrucksvoll), einen Mangel an Ausrüstung oder an zu wenig Munition.

Viele Experten fügen mittlerweile eine weitere Dimension hinzu. Manche halten sie sogar für die wichtigste: Den absehbaren Mangel an Personal, an gut ausgebildeten, motivierten, einsatzfähigen Soldatinnen und Soldaten. Personalknappheit trifft Behörden, Politik und Streitkräfte ebenso wie uns als Unternehmen. Wenn wir als Industrie einen Beitrag zur Aufforderung von Bundesverteidigungsminister Boris Pistorius leisten wollen, die Bundeswehr „kriegstüchtig“ zu machen, müssen wir dieses Thema mitdenken und auch dafür Lösungen anbieten. Sonst werden wir unserer Rolle nicht gerecht. Zumal wir auch selbst von einem sich verstärkenden Mangel an Arbeitskräften betroffen sind.

Als europäische Unternehmen stehen wir dabei besonders in der Verantwortung. Aus zwei Gründen: Zum einen altern die europäischen Gesellschaften deutlich schneller und früher als die Bevölkerung in anderen Staaten und Teilen der Welt. Zum anderen haben wir den Auftrag unserer Staaten im Hinterkopf, dass wir uns als Europäer zunehmend unabhängiger und autonomer aufstellen müssen. Wir dürfen uns perspektivisch nicht mehr ausschließlich bzw. in so starkem Maß auf den Schutz unserer amerikanischen Freunde verlassen.

Welche Lösungsmöglichkeiten gibt es? Sie lassen sich für mich in zwei Themenbereiche aufteilen: Innovation und Kooperation. In beiden Bereichen muss es darum gehen, Automatisierungs- und Skaleneffekte zu erzielen, die es ermöglichen, zukünftig die gleichen Fähigkeiten und Ziele mit einer geringeren Personenzahl und kleineren Mannschaften zu erreichen.

Zunächst geht es um Maßnahmen zum Umgang mit einer sinkenden Zahl an Soldatinnen und Soldaten, die sich dem Bereich Innovation zuordnen lassen und so auch im „Zielbild Marine 2035“ angesprochen werden. Also um Dinge, die durch neuartige oder den verbesserten Einsatz bewährter Technologien erreicht werden können:

  • Standardisierung: Durch die noch konsequentere Standardisierung von Systemen, Schnittstellen und Bewaffnung können wir großes Potential bei Ausbildung, Maintenance, Service sowie im Einsatz heben. Langfristig müssen wir zu einheitlichen Systemen und einer einheitlichen Systemintegration in Nord-Europa kommen. Auch, um die von unseren Kunden gewünschte stärkere europäische Autonomie darstellen zu können.
  • Digitalisierung: Durch Digitalisierung lassen sich vor allem Standardprozesse in Verwaltung, Kommunikation und Dokumentation erheblich beschleunigen und vereinfachen.
  • Künstliche Intelligenz: Durch den massiven Ausbau von Fähigkeiten im Bereich der „künstlichen Intelligenz“, können wir nicht nur bei der Bearbeitung, sondern auch bei der Entscheidung von operativen Detailfragen Ressourcen einsparen. Es gibt heute bereits viele Dinge, die durch künstliche Intelligenz erheblich schneller und besser entschieden werden können als durch Menschen. Gerade wenn es um die rasche Auswertung und Bewertung umfangreicher Datenmengen geht. Menschliche Ressourcen können so auch weiterhin für strategische Entscheidungen und komplexe Aufgaben vorgehalten werden.
  • Autonome Systeme: Durch den bereits beginnenden massiven Hochlauf autonomer Systeme (die Luftstreitkräfte sind den anderen Waffengattungen hier weiterhin etwas voraus) werden viele Operationen mit einer deutlich kleineren Zahl an Personen ebenso effektiv durchgeführt werden können.

Zweitens können (und: müssen) wir dem drohenden Personalmangel als Europäer durch ein Mehr an Kooperation begegnen:

  • Gemeinsame Beschaffung: Wir müssen weiter daran arbeiten, Großgerät gemeinsam zu beschaffen. Die Marine ist hier weiterhin ein gutes Beispiel. Wir haben noch zu viele unterschiedliche Schiffstypen. Wir müssen z.B. die nächsten Fregattengenerationen sowohl gemeinsam entwickeln wie anschließend auch gemeinsam bauen. Ich bin fest davon überzeugt: Wir brauchen zukünftig gleichartige Schiffsklassen in mindestens zwei bis vier Marinen bzw. Staaten. Dies steigert die Interoperabilität erheblich und führt zu staatenübergreifenden Skaleneffekten bei Ausbildung, Wartung und im Einsatz.
  • Konsolidierung der Industrie: Auf Seiten der Industrie kann die Antwort weiterhin nur heißen: Konsolidierung. Auch hier ist der Schiffbau ein gutes Beispiel. Durch die bisher nicht stattgefundene Konsolidierung der Werften in Deutschland wie auch in anderen nordeuropäischen Staaten mit großen privaten Schiffbauunternehmen leisten wir uns weiterhin erhebliche Doppelstrukturen, die wir so zukünftig nicht mehr werden darstellen können. Wir müssen die absehbar sinkende Zahl an Arbeitskräften so einsetzen, dass wir die Wünsche unserer Kunden auch in Zukunft bestmöglich erfüllen und für die Soldatinnen und Soldaten unserer Staaten die bestmöglichen Lösungen bereitstellen können.
  • Voneinander lernen: Wir müssen das Rad – bzw. besser: das Schiff – nicht in jedem nationalen Fregattenprojekt neu erfinden. Wir können stärker darauf setzen, voneinander zu lernen und z.B. im Marinebereich jeweils erfolgreiche nationale Schiffbauprogramme für die nächste Generation weiterzuentwickeln. Die Nutzung bereits existierender Technologien und Infrastrukturen minimiert Entwicklungszeiten und -kosten. Dabei können wir zusätzlich auch die besonderen Erfahrungen und das Wissen einzelner Staaten – so etwa die Erfahrungen der niederländischen Marine bei der Reduktion von Besatzungsgrößen – auch für andere Staaten und Marinen nutzbar machen.
  • Zuverlässige Planung mit Auftraggebern: Heutige Lieferketten sind hochkomplex, global und umfassen hunderte Lieferanten. Ausfälle aufgrund von Ressourcenmangel bei nur einem Lieferanten können zu Verzögerungen in der gesamten Lieferkette führen und Projekte langfristig verzögern. Wichtig ist deshalb, dass eine klare, langfristige und zuverlässige Planung mit den Auftraggebern gewährleistet wird, um flexibel auf kurzfristige Herausforderungen reagieren zu können.

Denn – so viel ist sicher – die Verknappung an Personal und Mannschaften wird alle europäischen Staaten in nahezu gleicher Weise treffen. Nicht erst weit in der Zukunft, sondern bereits jetzt und in den kommenden Jahren.

Gemeinsam mit Behörden und Streitkräften können wir als Industrie darauf reagieren und mit einer innovativen und kooperativen Herangehensweise einen Beitrag dazu leisten, die notwendige europäische Autonomie, Relevanz und Resilienz auch in Zeiten zunehmenden Ressourcenmangels zu erhalten.