Resilienz braucht konkrete Ziele – nicht nur politische Lippenbekenntnisse

Die europäische Debatte über Resilienz gewinnt durch die neue Geopolitik aufgrund verschiedener globaler Krisen wieder an Bedeutung. Nun muss sie die nächsten Schritte gehen.

Artikel aus dem Handelsblatt Journal Energiewirtschaft vom September 2026

Denn Resilienz wird bisher als abstraktes Leitbild verstanden. Tatsächlich muss sie jedoch messbar, planbar und investierbar werden. Der entscheidende Ansatz besteht darin, den tatsächlichen Bedarf an Versorgungssicherheit unseres Energiesystems und insbesondere an strategischen Molekülen systematisch zu erfassen, und daraus verbindliche nationale Resilienzziele abzuleiten. Ein Überblick.

Deutschland benötigt eine umfassende Bestandsaufnahme in Sachen Energiesouveränität: Wie steht es um die Vorsorgefähigkeit im Krisenfall? Gibt es eine Sicherheit für die Versorgung mit strategischen Molekülen und Kraftstoffen wie Wasserstoff, Ammoniak, Methanol oder nachhaltigen Flug- sowie Schiffskraftstoffen? Welchen Mindestbedarf melden Bundeswehr, Technisches Hilfswerk, Feuerwehr, Katastrophenschutz, Rettungsdienste, Krankenhäuser und andere kritische Infrastrukturen an – im Regelbetrieb sowie im Krisen- und Verteidigungsfall? Daneben steht die Frage im Raum, welche strategischen Reserven Deutschland für diese Stoffe vorhalten muss. Denn das Land muss auch bei internationalen Lieferausfällen oder geopolitischen Krisen handlungsfähig bleiben.

Ammoniak und Wasserstoff: strategische Moleküle

Diese Größen – Bedarf sowie Reserven – müssen aufgrund der geopolitischen Lage, die durch Krisen und Lieferausfälle gekennzeichnet ist, konkret berechnet und als nationale Zielgrößen definiert werden. Erst, wenn klar ist, welche Mengen tatsächlich benötigt werden, kann eine belastbare Industrie- und Investitionsstrategie entstehen. So wird aus einer abstrakten Diskussion über Versorgungssicherheit ein konkreter Markt mit klaren Volumina, langfristigen Abnahmegarantien und berechenbaren Investitionsbedingungen.

Besonders deutlich wird dies bei sogenannten strategischen Molekülen wie Wasserstoff, der über das Haber- Bosch-Verfahren zu Ammoniak weiterverarbeitet wird. Ammoniak ist nicht nur Grundlage für Düngemittel und damit für unsere Ernährungssicherheit, es ist zugleich Ausgangsstoff für rund 18.000 chemische Produkte. Damit ist es unverzichtbar für zahlreiche industrielle Wertschöpfungsketten. Eine strategische Ammoniak- und Düngemittelreserve wäre daher nicht nur Agrarpolitik, sondern aktive Sicherheits-, Wirtschafts- und Industriepolitik. Gleiches gilt für synthetische Kraftstoffe, die über das Fischer-Tropsch-Verfahren hergestellt werden.

Resilienz geht mit Investitionen, Innovationen und Wertschöpfung einher

Die eigentliche Innovation besteht darin, diese staatlich definierten Resilienzziele mit der notwendigen industriellen Transformation, Modernisierung und mit einer angepassten Förderarchitektur zu verbinden. Wenn der Staat seinen langfristigen Bedarf transparent beziffert und die transformierten und damit anfangs kostenwirksamen industriellen Produktionsprozesse über Differenzverträge (Carbon Contracts for Difference beziehungsweise Resilience Contracts for Difference) absichert, entstehen verlässliche Nachfrageperspektiven für Investoren: Unternehmen erhalten Planungssicherheit. Moderne und gleichzeitig nicht von Importen abhängige Produktionskapazitäten werden aufgebaut. Deutschland und Europa gewinnen letztendlich ihre industrielle Souveränität zurück.

Angesichts der neuen Geopolitik verbietet es sich, Resilienz weiterhin ausschließlich als Kostenfaktor zu verstehen. Sie ist vielmehr ein wirtschaftlicher Vermögenswert: Strategische Reserven sind keine unproduktiven Lagerbestände, sondern eine Investition in Versorgungssicherheit, Krisenfestigkeit und geopolitische Handlungsfähigkeit. Gleichzeitig schaffen solche Reserven Leitmärkte für innovative Technologien und stärken die dringend notwendige Transformation und damit die europäische Industrie.

Die zentrale politische Aufgabe lautet also, den Bedarf an strategischen Molekülen zu berechnen, nationale Resilienzziele festzulegen, diese transparent zu veröffentlichen und daraus eine europäische Beschaffungssowie Investitionsstrategie abzuleiten. Denn wer Versorgungssicherheit ernst meint, muss diese auch messbar machen. Erst aus konkreten Resilienzzielen entstehen schließlich Investitionen, Innovationen und industrielle Wertschöpfung. Genau darin liegt die Chance, Europas Energie-, Industrie- und Sicherheitspolitik erstmals konsequent sowie sinnvoll miteinander zu verbinden.

Deutschland benötigt eine umfassende Bestandsaufnahme in Sachen Energiesouveränität.

Jorgo ChatzimarkakisCEO, Hydrogen Europe
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