Resilienz braucht Flexibilität statt starrer Vorgaben

Der Wert von Versorgungssicherheit zeigt sich oft erst im Krisenfall. Seit dem Angriff Russlands auf die Ukraine hat Deutschland seine Gasversorgung in hohem Tempo umgebaut.

LNGTerminals und damit einhergehende neue Lieferbeziehungen haben die Abhängigkeit von russischen Gasimporten reduziert. Der Krieg zwischen den USA und dem Iran sowie die andauernde Blockade der Straße von Hormus sind ein erster Härtetest für die deutsche Gasversorgung.

Die Rolle von LNG für die deutsche Versorgungssicherheit

Seit dem russischen Angriff auf die Ukraine im Jahr 2022 hat sich der deutsche Gasmarkt grundlegend gewandelt. Der Ausfall russischer Pipelineimporte wurde durch den raschen Aufbau einer LNG-Infrastruktur kompensiert. Deutschland verfügt heute über ein flexibleres Versorgungssystem.

Der Krieg zwischen den USA und dem Iran hat diese Flexibilität einem harten Praxistest unterzogen. Vor Beginn der Kämpfe liefen fast 20 Prozent des weltweiten LNG-Angebots durch die Straße von Hormus. Zwischen Mai und Juli 2026 gingen die globalen Lieferungen aus Katar und den Vereinigten Arabischen Emiraten gegenüber dem Vorjahr um rund 7 Milliarden Kubikmeter pro Monat zurück. Dies entspricht in etwa dem monatlichen Gasverbrauch Deutschlands im Jahresdurchschnitt. Produzenten außerhalb der Golfregion erhöhten ihre Mengen im selben Zeitraum allerdings um fast die gleiche Menge. Ein Großteil der ausgefallenen Mengen wurde also ausgeglichen.

Versorgungssicherheit ist dabei nicht mit stabilen oder günstigen Preisen gleichzusetzen. Auch wenn die gesamte Nachfrage physisch bedient wird, kann es zu hohen Knappheitspreisen kommen. Genau diese Preise sind in einer angespannten Lage notwendig, damit flexible LNG-Lieferungen nicht nach Asien, sondern wie im Jahr 2022 nach Europa umgeleitet werden. In einem regionalen Pipelinesystem wäre ein Mengenausfall in der Größenordnung der Blockade der Straße von Hormus kaum aufzufangen gewesen. Im weltweiten LNG-Markt hingegen konnten verfügbare Mengen über Preissignale neu verteilt werden. Die damit verbundene Volatilität der Gaspreise war jedoch erheblich. Der TTF-Frontmonatspreis stieg vom letzten Handelstag vor Kriegsbeginn dem 27. Februar 2026, von etwa 30 Euro je Megawattstunde bis zum 9. März zeitweise auf knapp 70 Euro je Megawattstunde.

Für Europa ist dies eine wichtige Lehre. Aktuell liegen die Gasspeicherfüllstände auf dem niedrigsten Niveau der letzten zehn Jahre. Die deutschen Gasspeicher waren Mitte August erst zur Hälfte gefüllt. ACER schätzte im Juli 2026, dass für einen Speicherstand von 90 Prozent zum 1. November 2026 europaweit rund 13 Prozent mehr LNG-Importe als 2025 nötig wären.

Die aktuellen niedrigen Speicherfüllstände sind daher ernst zu nehmen, aber anders einzuordnen als im Jahr 2022. Damals fehlte Deutschland der direkte Zugang zum LNG-Weltmarkt. Heute stehen zusätzliche Terminals und Importoptionen zur Verfügung. Allerdings bedeuten niedrige Füllstände weiterhin ein Preis- und Volatilitätsrisiko für den kommenden Winter: Fällt dieser kälter als erwartet aus, werden kurzfristig höhere Gaspreise notwendig sein, um zusätzliche LNG-Lieferungen nach Europa zu bringen.

Von Füllstandsvorgaben zur strategischen Reserve

Die Füllstandsvorgaben in Deutschland und auf EU Ebene wurden als Reaktion auf die Krise im Frühjahr 2022 eingeführt, um die niedrigen Speicherfüllstände zu verhindern. Staatliche Vorgaben waren damals ein kurzfristig notwendiges Kriseninstrument.

Als dauerhafte Form der Wintervorsorge haben sie aber erhebliche Nebenwirkungen: Erwartet der Markt große Käufe bis zu festen Stichtagen, steigen die Gaspreise im Sommer, und die Differenz zwischen Gaspreisen im Sommer und Winter sinkt. Die marktliche Speicherbewirtschaftung beruht aber auf dieser Preisdifferenz: Speichernutzer kaufen Gas bei niedrigeren Sommerpreisen ein und verkaufen es zu höheren Winterpreisen. Sinkt die Preisdifferenz, ist die marktliche Speicherbewirtschaftung weniger attraktiv. Das Auslaufen der Vorgaben im Frühjahr 2027 ist daher zu begrüßen. Als alternatives Instrument schlägt die Bundesregierung eine strategische Gasreserve vor. Erste Buchungen von Speicherkapazitäten sind für den Winter 2026/2027 und die erste Befüllung für den Sommer 2027 geplant. Über eine Freigabe der Gasreserve soll der Bundeslastverteiler bei drohender Gasmangellage entscheiden.

Dieser Ansatz ist vielversprechend:

  • Marktmechanismen bieten grundsätzlich ausreichend Anreize zur Speicherbefüllung als Wintervorsorge und Absicherung gegen erwartbare technische Ausfälle. Mit dem Aufbau von LNG-Importinfrastruktur in Deutschland bestehen zudem wieder ausreichend Importmöglichkeiten.
  • Durch die geopolitischen Entwicklungen ist die Bandbreite möglicher Krisenszenarien, die eine regelmäßige Vorsorge erfordern, erweitert worden und umfasst neben kalter Witterung und technischen Störungen jetzt auch Sabotageakte oder gezielte Angriffe auf Gasinfrastruktur. Derartige Szenarien liegen üblicherweise außerhalb dessen, was Marktakteure in ihrer kommerziellen Optimierung berücksichtigen.

Eine ausreichend große strategische Reserve verschafft im Krisenfall Reaktionszeit, kann aber einen Lieferausfall nicht dauerhaft kompensieren. Allerdings können in dieser Zeit LNG-Ladungen und Pipelineflüsse umgeleitet und gegebenenfalls technische Schäden behoben werden. Außerhalb des Krisenfalls reduziert die Reserve die marktlich verfügbare Speicherkapazität. Dadurch kann der Wert der verbleibenden Speicherkapazität steigen und die marktliche Befüllung attraktiver werden.

Damit das Konzept der strategischen Reserve funktioniert, muss die Trennung vom normalen Marktgeschehen glaubwürdig bleiben. Eine Freigabe zur Dämpfung politisch unerwünschter Preisspitzen würde die marktliche Vorsorge schwächen und der Versorgungssicherheit letztlich schaden. Klare Auslösekriterien und transparente Zuständigkeiten sind daher essenziell.

Deutschland im globalen Wettbewerb

Die Bedeutung der strategischen Reserve reicht über den Gasmarkt hinaus: Sie zeigt, dass zusätzliche Resilienz zwar laufende Kosten verursacht, im Krisenfall jedoch wirtschaftliche Schäden begrenzen und damit selbst zu einem Standortvorteil werden kann.

Diese Abwägung zwischen Kosten und Resilienz stellt sich auch im globalen Wettbewerb. Deutsche Unternehmen konkurrieren mit Produzenten aus Regionen, in denen Energie günstiger ist. Bei energieintensiven Produkten hat Deutschland somit einen strukturellen Kostennachteil. Ein Teil dieser Produkte wird zukünftig wirtschaftlicher importiert werden können. Eine weitreichende Verlagerung der Produktion dieser Produkte würde aber neue Verwundbarkeiten schaffen. Abhängigkeiten bei Stahl, Ammoniak oder Grundchemikalien können ebenso relevant werden wie die Abhängigkeit von einzelnen Gaslieferanten.

Auch bei der Energieversorgung hilft ein breites Portfolio. Heimische Gasförderung kann einen Beitrag leisten, sofern Kosten und Umweltfolgen vertretbar sind. Biomethan und langfristig Wasserstoff erweitern die Optionen.

Zudem senkt die fortschreitende Elektrifizierung den Gasbedarf. Vollständige Autarkie entsteht daraus nicht: Kraftwerkstechnik oder Rohstoffe schaffen andere internationale Verflechtungen. Entscheidend ist dabei eine nüchterne Abwägung zwischen den Kosten und dem Wert zusätzlicher Handlungsoptionen. Resilienz hat ihren Preis, aber nur bei Erhalt der Wettbewerbsfähigkeit Deutschlands bleiben Spielräume für die notwendigen Investitionen in Klimaschutz, Infrastruktur und Verteidigungsfähigkeit.

Resilienz hat ihren Preis – aber sie schafft im Krisenfall entscheidende Handlungsoptionen

Dr. Matthias JanssenExecutive Director, Frontier Economics
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Dieser Artikel ist im aktuellen Handelsblatt Journal „ENERGIEWIRTSCHAFT“ erschienen. Das vollständige Journal können Sie sich hier kostenlos herunterladen:
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