‚Nature Positive‘: Warum die Chemieindustrie mehr für Umweltschutz tun muss

Viele Unternehmen haben ‚Net Zero‘ mittlerweile zu einem strategischen Ziel einem strategischen Ziel erklärt. Während die Anforderungen für den Umweltschutz weiter steigen, müssen sich auch Wirtschaftszweige daran anpassen. Eine neue Maxime lautet ‚Nature Positive‘: Demnach soll wirtschaftliches Handeln positive Auswirkungen auf die Natur haben. Dementsprechend werden bald gesetzliche Richtlinien in Kraft treten, die von Unternehmen schnelles Handeln erfordern, da eine abwartende Haltung mit hohen Kosten verbunden sein kann.

Im Jahr 2022 verabschiedeten 196 Staaten den Globalen Biodiversitätsrahmen von Kunming-Montreal. Darin haben sie sich dem Ziel verschrieben, den Verlust der biologischen Vielfalt bis zum Jahr 2030 aufzuhalten. Das beinhaltet den Schutz von Grundwasser, die Förderung der Artenvielfalt und den Stopp des Landverbrauchs. Da die Wechselwirkungen sehr groß sind, braucht es dafür eine holistische Strategie, die sowohl Klima- als auch Naturschutz miteinander verbindet. Die Chemieindustrie trägt dabei besonders hohe Verantwortung, da sie unverzichtbare Materialien für 95 Prozent aller weltweit geschaffenen Produkte bereitstellt.

Wo die Branche in Sachen Naturschutz steht, ermittelt der mit öffentlich zugänglichen Daten ermittelte ‚Nature Strategy Readiness Index‘. Dieser misst naturpositives Verhalten von Unternehmen mithilfe von fünf Kategorien:

  • Haben Unternehmen ein Bewusstsein für das Thema Natur und erheben sie ihren Ressourcenverbrauch, zum Beispiel im Hinblick auf Land- und Trinkwassernutzung?
  • Gibt es naturpositive Transformationsstrategie mit klaren Zielen?
  • Besteht ein unternehmensinternes Team, das für die Governance von Naturschutzthemen verantwortlich ist?
  • Haben sich Unternehmen Standards verpflichtet und arbeiten sie proaktiv an ihnen mit?
  • Gehen Unternehmen entsprechende Partnerschaften, beispielsweise mit NGOs und Naturschutzinitiativen, ein?

Untersucht wurden 25 amerikanische und europäische Unternehmen entlang der Chemie-Wertschöpfungskette. Im Durchschnitt erzielen sie einen Wert zwischen 0,48 und 1,0. Obwohl sie bei Partnerschaften äußerst aktiv sind (0,67), gehen dabei viele Unternehmen noch nicht sehr koordiniert vor. Der Wert von 0,33 in der Kategorie Governance zeigt, dass es oftmals noch an Anreizen für die Management-Ebene mangelt, da sich diese in den meisten Fällen auf den Klimaschutz beziehen. Lediglich drei Unternehmen haben eine ausführliche Naturschutzstrategie implementiert. Der Wert von 0,30 belegt, dass die Branche an dieser Stelle das größte Verbesserungspotenzial hat.

Wie können sich Chemieunternehmen also verbessern? Hier gilt es, die Effizienz des Fertigungsprozesses zu steigern, gleichzeitig in höherem Maße erneuerbare Energien einzusetzen sowie nachhaltiges Wassermanagement. Für einen verantwortungsvollen Ressourcenumgang ist die Produktion und Verwendung bio-basierter oder wiederverwendbarer Materialien von entscheidender Bedeutung. Die Erweiterung der zirkulären Wirtschaft sowie naturpositiver Innovationen stehen hier im Fokus. Die Chemieindustrie muss sich aktiv in die Wiederherstellung und den Schutz von Ökosystemen einbringen, indem sie sich unter anderem auch für entsprechende gesetzliche Vorgaben und Richtlinien für den Naturschutz einsetzt.

Wie bereits beim Klimaschutz werden Investoren und Kunden in Zukunft einen genauen Blick darauf werfen, wie Chemieunternehmen mit der Natur umgehen. Hier schlummern auch enorme wirtschaftliche Chancen: Einer vom Weltwirtschaftsforum und Oliver Wyman entwickelten Studie zufolge, beträgt das weltweite jährliche Potenzial der Branche, das durch Kosteneinsparungen und zusätzliche Umsätze erwirtschaftet werden kann, 320 Milliarden US-Dollar. Um das ausschöpfen zu können, müssen Unternehmen ihre Geschäftsmodelle zielstrebig auf einen ‚Nature Positive‘-Kurs ausrichten.