Leben und arbeiten beim „Summer of Pioneers“ in Mittweida

Artikel aus dem Handelsblatt Journal Future Workplace vom 07.08.2023

Wegbereiter für eine lebendige Stadtmitte

Logenplätze“ heißt es auf den blankpolierten Fensterbänken vor einem Geschäft in der Einkaufsstraße von Mittweida. Wer dort sitzt, sieht ein generelles Problem von Kleinstädten: einsame Bürgersteige mit geschlossenen Ladenlokalen. Angesichts von 27 leerstehenden Geschäften im Zentrum stellt man sich in Mittweida die Frage: Wie kann die Innenstadt lebendig bleiben, wenn Einkaufen nicht mehr der Hauptgrund für einen Besuch ist? Und so sind die „Logenplätze“ für ein besonderes Konzept reserviert: den „Summer of Pioneers“. Dieser lädt Menschen aus den Großstädten ein, die motiviert sind, das Wohnen und Arbeiten in einer ländlichen Region für sechs Monate auszuprobieren und währenddessen die Zukunft der gastgebenden Kleinstadt mitzugestalten.

Die Makel der Stadt meiden

Mittweida liegt mitten in Mittelsachsen und ist schon das sechste Ziel für solche Pioneers – seit der erfolgreichen Premiere des „Summer of Pioneers“ 2019 in Wittenberge, das zwischen Berlin und Hamburg liegt. Zwei Dutzend Pioneers bevölkern von April bis September die Kleinstadt mit knapp 15.000 Einwohner:innen. Sie sind selbständig oder angestellt und nehmen ihre bezahlte Arbeit mit nach Mittweida, weil sie spätestens seit der Corona-Pandemie nicht mehr täglich pendeln müssen. Und sie wollen den Makeln der Metropolen entkommen: dauernder Krach, lange Wege, hohe Mieten. Durch den Wechsel der kuratierten und organisierten Gruppe in eine ländliche Region können das Wissen und die Netzwerke von Fachkräften auch einer Kleinstadt wie Mittweida zugutekommen. Denn nach Feierabend engagieren sich die Pioneers ehrenamtlich, um mit ihren digitalen, nachhaltigen und innovativen Ideen zu einer gemeinwohlorientierten Stadtentwicklung beizutragen. Dafür erhalten die Teilnehmenden des „Summer of Pioneers“ ein günstiges „Rundum-Sorglos-Paket“ mit möblierten Wohnungen und einem komplett ausgestatteten Coworking Space.

Ein Laden für Konzepte statt Konsum

In Mittweida sind auch die „Logenplätze“ inbegriffen: das leere Geschäft hinter den blankpolierten Fensterbänken ist kurzerhand zum offenen Treffpunkt der Pioneers mit interessierten Mittweidaer:innen geworden. „Hä!?“ hängt im dekorierten Schaufenster: Eine durchaus übliche Reaktion auf die Pioneers im offenen Geschäft, in dem es nichts zu kaufen gibt. „Was passiert in diesem Geschäft?“ lautete die Überschrift des Artikels, der tatsächlich tagelang der meistgeklickte Beitrag der „Freie Presse“-Lokalredaktion in Mittweida gewesen ist. Dies ist exemplarisch für das, was die Pioneers erleben: Dass jede Veränderung in der kleinstädtischen Einkaufsstraße Aufmerksamkeit erregt und in lokalen wie sozialen Medien berichtet wird, während in der Großstadt ein neu beschriftetes Schaufenster oder eine Sitzgruppe auf dem Bürgersteig kaum aufgefallen wäre.

Für die kreative Belebung der Innenstadt in Mittweida beworben haben sich vor allem Menschen aus Großstädten wie Berlin, Köln oder Stuttgart und sogar aus anderen Ländern – konkret Chile, den USA, Serbien und Israel. Sie sind Start-up-Gründerin, Sozialwissenschaftlerin, Planerin für Verkehrsanlagen, Content Creator, Copywriterin, Bauingenieurin, Prozessgestalterin, Stadtplanerin, Motion Designerin oder Sprachlehrer:innen und zur Gruppe des „Summer of Pioneers“ gehören auch Katze Cali und Hund Kasimir. So vielfältig und bunt wie die Biografien der Pioneers sind auch die Klebezettel im Geschäft mit den „Logenplätzen“. Darauf sind Konzepte und Formate notiert, um die Einkaufsstraße attraktiv zu gestalten. Denn die Rochlitzer Straße musste nach den Einschränkungen in der Corona-Zeit gleich noch eine zwei Jahre dauernde Baustelle verkraften, während derer die noch geöffneten Geschäfte nur durch Absperrungen und über Rampen aus Holzbrettern erreichbar waren. Der passende Zeitpunkt für einen Perspektivwechsel durch die Augen der zugezogenen Pioneers, die in leeren Geschäften den bisher fehlenden Platz finden, um neue Ideen auszuprobieren oder eigene Projekte umzusetzen.

Aperitif und andere Anlässe

Seit ein paar Wochen ist die Rochlitzer Straße samt neugestalteten Bürgersteigen rot und grau gepflastert und bildet eine Bühne für das Programm der Pioneers, die Anlässe schaffen, dass die Menschen in Mittweida auch unabhängig von den Öffnungszeiten in die Einkaufsstraße kommen.

Weil den Pioneers eine Kneipe oder Bar fehlte, um nach der Arbeit noch bei einem Getränk zusammen zu sitzen, haben sie einen „Aperitif-Abend“ in der Rochlitzer Straße konzipiert: Bis 22 Uhr wurden auf den Bürgersteigen Spezialitäten aus den Mittweidaer Geschäften gereicht: Wein, Cocktails und Käsewürfel – und zwar mit so vielen Gästen, dass die Gruppe schon nach kurzer Zeit Nachschub besorgen musste und sich auch die Fensterbänke der umliegenden Geschäfte zu „Logenplätzen“ für den Aperitif-Abend verwandelten. Ein zusätzlicher Erfolg ist, dass die Volksbank Mittweida die nächsten Aperitif-Abende unterstützen wird, um die eigenen Mitarbeitenden zu After-Work-Treffen in die Einkaufsstraße einzuladen.

Spielen und Forschen im Stadtlabor

In der Rochlitzer Straße 44 – deshalb auch R.44 genannt – wird die einstige „Welt der Bücher“ während des „Summer of Pioneers“ quasi zum Stadtlabor: Ein Reparatur- Café zum gemeinsamen Reparieren, Tüfteln und Entwickeln kann hier starten, denn bei einem Workshop für kreative Orte in Mittweida haben sich genug helfende Hände gefunden. Die ansässige Daetz-Stiftung kann Holz-Kunstwerke zu den Kulturen aus fünf Kontinenten sichtbar machen, die sonst im Fundus bleiben, und ein Professor für Soziale Arbeit möchte mit seinen Studierenden mitten in der Innenstadt forschen. Die erste Aktion in der R.44 ist übrigens ein internationaler Spieleabend gewesen, bei dem einige Pioneers typische Gesellschaftsspiele aus ihren Herkunftsländern angeleitet haben.

Eine Baulücke wird zur Blumenwiese

„Hier entsteht etwas Schönes“, kündigt ein handgeschriebenes Schild an – es steckt in einer von Unkraut bewachsenen Baulücke in der Einkaufsstraße, die die Pioneers seit dem Ende der Baustelle transformieren: Der übliche Bauzaun soll weichen und das Grundstück erblühen. Gemeinsam mit passionierten Gärtnerinnen wird ein Gemeinschaftsgarten entstehen, um auch das Thema Klimaschutz als (er)lebenswert in der Rochlitzer Straße anzutreffen. So ist die Einkaufsstraße während des „Summer of Pioneers“ auch tageweise autofrei, um mehr Platz für Menschen und eine klimafreundliche Mobilität zu bieten; etwa beim Fahrradstraßenfest im September.

Und ab August ist die Baulücke ein Sommerkino unter freiem Himmel, das auch Filme der Medien-Studierenden ins Programm nimmt. Denn erstmals findet ein „Summer of Pioneers“ in einer ländlichen Hochschulstadt statt, obwohl man den fast 6.000 eingeschriebenen Studierenden bisher kaum in der Einkaufsstraße von Mittweida begegnet. Dafür hat der „Summer of Pioneers“ nun mit R.33 als Treffpunkt, R.44 als Stadtlabor und einer aktivierten Baulücke gleich drei impulsgebende Orte in der Stadtmitte geschaffen. Zum Schluss verwandeln die Pioneers die Rochlitzer Straße noch in eine lange Tafel, an der verschiedene Akteure der Stadt picknicken, um so über eine lebenswerte Einkaufsstraße zu diskutieren und die durch die Pioneers angestoßene Transformation fortzuführen: „MITTmachen“ ist die Devise für eine zukunftsfähige Stadtmitte in Mittweida.

Gemeinsamer „MITTmachSOMMER“

Ein regelmäßiger Gast bei den Aktionen des „Summer of Pioneers“ ist auch der Bürgermeister von Mittweida, Ralf Schreiber: „Die Pioneers sind voller Ideen. Und zurzeit findet die Umsetzungsphase statt. Eindrucksvolle Beispiele sind der Aperitif Abend oder die Gründung kreativer Orte, aber auch Blüh- und Kräuterwiesen für den Klimaschutz. Wir gehen gemeinsam davon aus, dass im Ergebnis nachhaltige Impulse für unsere Innenstadt, insbesondere für deren wirtschaftliche Belebung zu verzeichnen sind.“ Denn eine Transformation der Rochlitzer Straße durch Pioneers und mit den Mittweidaer:innen zu initiieren, ist eine als „MITTmachSOMMER“ benannte Kooperation der Stadtverwaltung, der Volksbank und der Hochschule in Mittweida. Die konnte beim sachsenweiten Ideen-Wettbewerb des simul+ Mitmachfond des Sächsischen Staatsministeriums ein Preisgeld von 250.000 Euro gewinnen.

Gemeinsam mit den Pioneers – den wortwörtlichen Wegbereitern für eine lebenswerte Innenstadt – sollen möglichst viele Mittweidaer:innen bei der gemeinwohlorientierten Stadtentwicklung anpacken und Aktionen, die sich bewährt haben, auch nach dem „Summer of Pioneers“ fortsetzen. Dafür steht die Tür zum Geschäft in der Rochlitzer Straße 33 – entsprechend auch R.33 genannt – allen Menschen in Mittweida offen, um sich über die umgesetzten Konzepte und laufenden Aktionen zu informieren und sich selbst zu engagieren.

Erfolgsfaktoren der Gemeinschaft für landlustige Fachkräfte

Die Erfolgsfaktoren des „Summer of Pioneers“ sind, dass motivierte Menschen ohne größeres Risiko einen neuen Lebens- und Arbeitsstandort kennenlernen können, statt ihren bisherigen Standort direkt zu verlassen. Und auch das Ankommen in einer ländlichen Region gestaltet sich als Teil einer Gemeinschaft viel müheloser, zumal durch den „Summer of Pioneers“ direkt Kontakte zu den relevanten lokalen Akteur:innen vorhanden sind, die unterstützen wollen – wie die Koalition aus Stadt, Volksbank und Hochschule in Mittweida.

Dieser Zusammenschluss hat bereits vor dem „Summer of Pioneers“ den Coworking Space „Werkbank32“ geschaffen: Eine Kombination aus modernem Studio, ehrwürdiger Villa und ehemaliger Wäscherei, die sich die Pioneers mit lokalen Start-ups zum Arbeiten teilen. So ergibt sich eine neuartige Bürogemeinschaft, die den Austausch über den eigenen Beruf oder die eigene Firma hinaus unterstützt und sich jeden Tag nach den aktuellen Bedürfnissen neu zusammensetzt: im Meetingraum für Besprechungen, im Einzelbüro für Online-Unterricht, in der Networking Area für Teamarbeit oder in der Community Küche für ein kurzes Gespräch. Beispielsweise über den Snackautomaten, der nur Bitcion akzeptiert, weil Mittweida auch Anwendungen für die Blockchain- Technologie fördert.

Zwar ist der „Summer of Pioneers“ kein Allheilmittel für ausgestorbene Zentren von Kleinstädten, aber sicherlich ein Beschleuniger für eine gesteigerte Lebensqualität. Diese veranlasst einige Pioneers, nach den sechs Monaten dauerhaft zu bleiben – und so einen Kristallisationspunkt für weitere landinteressierte Fachkräfte aus den übervollen Großstädten zu bilden.

Die Pioneers sind selbständig oder angestellt und nehmen ihre bezahlte Arbeit mit nach Mittweida.

Christina Quastfreie Journalistin und Koordinatorin, Summer of Pioneers Mittweida (Neulandia UG)
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