Kreditgeschäft 2024 – Willkommen in der neuen Realität

Wirtschaft: Sparen in Deutschland, investieren im Ausland

Die fünfte Ausgabe der Horváth CxO Priorities Study beleuchtet die Stimmungslage und strategischen Prioritäten von mehr als 770 globalen CxOs. Für die Unternehmen stehen weitere Kostensenkungen und eine deutliche Verbesserung der Rendite auf Platz eins der aktuellen Management-Agenda. Gleichzeitig bauen sie ihre Präsenz in Wachstumsregionen wie den USA, Osteuropa und Asien kräftig aus. In diesen Regionen werden auch neue Arbeitsplätze im großen Stil geschaffen – anders als in Deutschland. Die Unternehmen äußern sich darin vorsichtig optimistisch mit Blick auf die weitere konjunkturelle Entwicklung und erwarten für 2025 über alle Branchen hinweg ein deutliches Umsatzwachstum. Das aber werde vor allem aus dem Ausland gespeist. Dies deutet nicht auf eine deutliche Erholung der Kreditnachfrage hin.

Kreditnachfrageflaute im Mittelstand hält an

Das Interesse von kleinen und mittleren Unternehmen an Bankdarlehen bleibt trotz eines kleinen Anstiegs im zweiten Quartal 2024 gering. Dagegen setzt die Kreditnachfrage von Großunternehmen ihren leichten Aufwärtstrend fort und erreicht nach knapp vier Jahren wieder ein durchschnittliches Niveau. Die KfW-ifo-Kredithürde für den Mittelstand zieht nach leichter Entspannung in den Vorquartalen wieder an, die Hürde für große Unternehmen macht einen Satz nach oben auf einen neuen Höchstwert. Die ins Stocken geratene konjunkturelle Stimmungsaufhellung und der starke Anstieg der Insolvenzen dürfte die Banken zu mehr Vorsicht bewogen haben.

Baufinanzierung: Leichte Erholung in Sicht

Die deutschen Banken sehen dieses Jahr erste Anzeichen für eine Erholung im Geschäft mit Baufinanzierungen. Im ersten Halbjahr 2024 berichten die Geldhäuser von einer deutlichen Belebung der Nachfrage nach Immobilienkrediten. Die Bundesbank misst in ihrem Lending Survey regelmäßig die Differenz zwischen den Banken, die einen Anstieg der Nachfrage melden, sowie den Banken, die einen Rückgang mitteilen. Dieser Nettowert erreichte mit 46 % den höchsten Stand seit mehreren Jahren – und ist der erste positive Wert seit der Zinswende im Sommer 2022. Allerdings pendelt der Markt nun bei rund 40% bezogen auf die Vor-Corona-Höchststände ein.

Zweifel an schneller Wende am Markt für Unternehmenskredite

Die Marktteilnehmer hofften auf eine baldige Erholung im Kreditgeschäft. Doch die Zahlen für das zweite Quartal 2024 sprechen gegen eine höhere Nachfrage nach Finanzierungen. Der Bestand an Unternehmenskrediten ist im Mai und im Juni dieses Jahres im Vergleich zum Vorjahr geschrumpft (Barkow Consulting). Diese Entwicklung weckt Zweifel an positiven Prognosen für die Entwicklung des Kreditgeschäfts in der zweiten Jahreshälfte 2024. Die monatliche Wachstumsrate liegt seit Januar 2024 kontinuierlich unter den langfristigen Durchschnittswerten der jeweiligen Monate, so auch im Juni 2024.

Steigende Insolvenzen, steigende Risikokosten, steigende Risikoaversion

Im ersten Halbjahr 2024 gab es 40% mehr Großinsolvenzen. Auch die Rettungsaussichten sind für Firmen so schlecht wie nie. Die Zahl der Insolvenzen in Deutschland ist stärker gestiegen als von Experten prognostiziert. Im ersten Halbjahr gerieten 162 Unternehmen mit einem Umsatz von mehr als zehn Millionen Euro in finanzielle Schieflage. Dieser Anstieg, insbesondere bei den Großinsolvenzen, dürfte deutliche Spuren in den Risikokosten der Banken hinterlassen und die Risikoaversion in der Kreditvergabe weiter erhöhen.

Der neue ESG-Standard im Kreditgeschäft

Die Klimaverträglichkeit von Unternehmen spielt in der Kreditpolitik von Banken eine immer größere Rolle: Deutsche Geldhäuser haben daher ihre Vergaberichtlinien für Darlehen an klimaschädliche Unternehmen in den vergangenen zwei Jahren deutlich verschärft. Banken müssen in ihrem Kreditgeschäft immer stärker Klima- und andere Nachhaltigkeitsrisiken bewerten und benötigen von ihren Firmenkunden deshalb immer detailliertere Informationen. Für Unternehmen bedeutet das viel Arbeit, schließlich müssen sie diese Daten häufig erst heraussuchen oder gar erheben. Die strengeren Standards bekamen Bankkunden in erster Linie in Form durch schlechtere Zinskonditionen zu spüren. Der Hauptgrund für diese Entwicklung war die gesunkene Risikotoleranz der Kreditinstitute. Daneben spielten auch die schwierigen wirtschaftlichen Aussichten eine wichtige Rolle Nach Branchen aufgeschlüsselt traf die strengere Kreditpolitik vor allem den Immobiliensektor: Vor allem bei Gewerbe- und Wohnimmobilien hoben Banken ihre Vergabestandards an. Auch in der zweiten Jahreshälfte 2024 wird es diese Branche noch einmal härter treffen als alle anderen Wirtschaftsbereiche. Für Banken bedeutet das erhöhte Anforderungen im Risiko- und Preismanagement und mehr Aufwand über die gesamte Kredit-Wertschöpfungskette.

Anpassung an die neue Realität

Banken müssen sich auf die neuen Realitäten einstellen. Die Zeiten von Kreditwachstum in allen Kreditarten bei gleichzeitig geringen Risiken sind vorbei. Die Begleitumstände führen dazu, dass Kreditinstitute erhebliche Anstrengungen unternehmen müssen, ihr Geschäfts-, Vertriebs- und Betriebsmodell Kreditgeschäft kundenorientiert, wettbewerbsfähig, risiko-balanciert, regulatorik-compliant und nachhaltig zu gestalten.