Katharina Stefanie Franke, Fachanwältin für Vergaberecht bei Luther, spricht in diesem Interview über den Wettbewerblichen Dialog als flexibles und innovationsförderndes Verfahren in der öffentlichen Beschaffung. Sie erklärt, warum dieses Instrument gerade angesichts von Sanierungsstau, Klimazielen und Fachkräftemangel neu gedacht werden sollte – und plädiert für mehr Mut zu dialogorientierten Ausschreibungen.
Handelsblatt: Wie steht es aktuell um den Wettbewerblichen Dialog in Deutschland?
Frau Franke: Offen gesagt: Der Wettbewerbliche Dialog führt hierzulande ein Schattendasein und das völlig zu Unrecht! Vergabestellen könnten jederzeit frei entscheiden, ob sie statt eines Verhandlungsverfahrens mit Teilnahmewettbewerb einen Wettbewerblichen Dialog wählen. Auf dem Papier sind beide gleichberechtigt – in der Praxis wird der Wettbewerbliche Dialog jedoch fast vollständig ignoriert.
Der Blick in unsere Nachbarländer zeigt, dass es auch anders geht – und welches Potential in diesem Verfahren steckt. Dort entstehen jährlich ganze Schulgebäude, Krankenhäuser und Infrastrukturprojekte in diesem Format. Die allseits bekannte „Dominanz“ des Verhandlungsverfahrens ist somit nur ein deutschsprachiges Phänomen.
Handelsblatt: Was macht den Wettbewerblichen Dialog so attraktiv?
Frau Franke: Er bringt das Know-how der Bieter direkt an den Tisch – und zwar von Anfang an. Statt jede Leistungsbeschreibung mühsam bis ins kleinste Detail selbst zu entwerfen, entwickelt der Auftraggeber sie gemeinsam mit den Bietern. Das spart Zeit, verhindert Missverständnisse und öffnet den Raum für wirklich innovative Ideen.
Gerade dieser Austausch ist ein echter Gamechanger: Er macht die Ausschreibung flexibler, passgenauer und oft auch kreativer. Natürlich ist das für die Bieter mit Aufwand verbunden, aber mit einer angemessenen Aufwandsentschädigung wird dieser Einsatz honoriert. So entsteht eine echte Win-win-Situation.
Im klassischen Vergabeverfahren muss der Auftraggeber – oder ein externer Dienstleister – die Leistungsbeschreibung bis ins Detail vorab erstellen und veröffentlichen. Dies ist nicht nur zeit- und kostenintensiv, sondern auch unflexibel. Schon kleine Formulierungen oder einzelne Leistungspositionen können dazu führen, dass ein Bieter abspringt und im schlimmsten Fall die Ausschreibung komplett scheitert.
Handelsblatt: Aktuell wird die Vereinfachung und Beschleunigung von Vergabeverfahren angestrebt. Passt der Wettbewerbliche Dialog in eine Zeit, in der alles schneller gehen soll?
Frau Franke: Absolut! Auf den ersten Blick mag er länger wirken, aber dieser Eindruck täuscht. Teile der Markterkundung fließen direkt ins Verfahren ein. Das bedeutet: Wir starten früher, arbeiten enger zusammen und vermeiden teure Nachbesserungen am Ende.
Für manche Vergabestellen ist dieser frühe Einstieg noch ungewohnt, doch er spart nachweislich Zeit. Der Schlüssel zum Erfolg liegt in einer klaren Struktur und dem rechtzeitigen Start der Dialogphase. Wer hier mutig vorangeht, wird mit Qualität und Effizienz belohnt.
Handelsblatt: Für welche Projekte eignet sich der Wettbewerbliche Dialog?
Frau Franke: Die Möglichkeiten sind viel breiter als viele denken. In Deutschland wird er oft nur für hochkomplexe IT-Projekte oder etwa die Lieferung innovativer Geräte für Forschungsprojekte eingesetzt. Aber: In Frankreich ist er Standard für Bauprojekte – vom Schulbau bis zur Stadterneuerung.
Während dort Schulen errichtet und modernisiert werden, ächzen wir in Deutschland unter dem bestehenden Sanierungsstau. Der Wettbewerbliche Dialog ist somit ein passendes Werkzeug, um die heutigen Herausforderungen, sei es im Bereich der öffentlichen Gebäude, dem sozialen Wohnungsbau oder auch der zahlreichen Infrastrukturprojekte, zu meistern.
Handelsblatt: Ihr Blick in die Zukunft?
Frau Franke: Wir stehen vor gewaltigen Aufgaben: Sanierung, Klimaschutz, Dekarbonisierung, Fachkräftemangel. All das lässt sich nicht mit „Weiter so“ bewältigen. Wir brauchen Verfahren, die Zusammenarbeit fördern, Ideen zulassen und Prozesse beschleunigen. Der Wettbewerbliche Dialog bietet genau das.
In unserer Kanzlei haben wir zahlreiche Projekte erfolgreich begleitet – und wir sehen, wie viel Potenzial in diesem Verfahren steckt. Wenn mehr Vergabestellen den Mut haben, diesen Weg zu gehen, können wir gemeinsam Großes erreichen. Und ich bin überzeugt: Wer den Wettbewerblichen Dialog einmal ausprobiert, wird sich fragen, warum er es nicht schon früher getan hat.