Internationale Restrukturierungen – Stolperfalle Sanierungskultur

Wer regelmäßig internationale, insbesondere interkontinentale Restrukturierungssituationen erlebt und beraten hat, stellt immer wieder fest, wie groß mitunter die unterschiedlichen Herangehens- und Denkweisen der beteiligten Stakeholder je nach ihrem Heimatmarkt sind.

Artikel aus dem Handelsblatt Journal RESTRUKTURIERUNG vom 15.05.2025

Während US-amerikanische Stakeholder aus der Welt eines „one-size-fits-all“-Chapter 11 kommen und es gewohnt sind, auf ein formelles Insolvenzverfahren als Normalfall der Sanierung hinzuarbeiten (oder sich in ein solches zu „flüchten“), verfolgen gerade kontinentaleuropäische (und insbesondere deutsche) Gläubiger, Schuldner und Manager häufig den entgegengesetzten Ansatz und versuchen, wenn möglich eine außergerichtliche Lösung ohne formelles Verfahren zu erreichen. Unabhängig von der relevanten Jurisdiktion bleibt der gemeinsame Nenner, dass der wirtschaftliche Verteilungskampf die Handlungen der einzelnen Spieler bestimmt.

Demgegenüber lässt sich immer wieder beobachten, dass für Spieler aus den Emerging Markets neben reinen Verteilungsargumenten insbesondere auch gezeigter Respekt für ihre Reputation eine Grundvoraussetzung für erfolgreiche Sanierungsverhandlungen ist.

Unausgesprochene Erwartungen verhindern erwartete Gespräche

Vergegenwärtigen sich die Stakeholder gerade in „interkontinentalen“ Situationen nicht die unterschiedlichen Herangehensweisen und gedanklichen Normalfälle ihrer Gegenüber (und versäumen es die beteiligten Berater, ihre Kunden entsprechend einzustellen) kann bereits zu Beginn einer Transaktion wertvolles Vertrauen zwischen den Beteiligten verloren gehen, weil diese – vermeintlich – unprofessionell oder irrational zu agieren scheinen. Enttäuschte Erwartungen schlagen in Misstrauen um, was greifbare Lösungen erschwert.

Kein Stakeholder-Play gleicht dem anderen.

Vertrauen in das Fremde als Schlüssel zu einer erfolgreichen Transaktion

Der Schlüssel zu erfolgreichen, internationalen Restrukturierungen über „Marktstandards“ und jeweilige Gepflogenheit hinweg ist daher, dass alle Stakeholder sich ihrer unausgesprochenen Erwartungen und gerade in Deutschland den strikten rechtlichen Rahmenbedingungen für eine Sanierung gewahr werden. Nur wenn es gelingt, frühzeitig Vertrauen in einen Sanierungsprozess zu schaffen, auch wenn dessen Rahmenbedingungen und Implementierungsmöglichkeiten den beteiligten Stakeholdern durchaus fremd sind, kann ein solcher Prozess erfolgreich sein. Anderenfalls droht auch die (ungewollte) Insolvenz als Normalfall.

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Kirkland & Ellis

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