Kupferproduktion bei Aurubis: Die Technologie in Europa ist vorhanden, die Geschwindigkeit nicht. Foto: dpa
Die Zeit läuft gegen Brüssel. Bis 2030 will die Europäische Union ein Viertel ihres Verbrauchs an kritischen Rohstoffen durch heimisches Recycling decken. Damit will sie sich so schnell wie möglich unabhängiger von autoritären Produzenten wie China machen.
Die nötige Technologie steht sogar bereit. Unternehmen wie Aurubis, Remloy oder H.C. Starck recyceln längst kritische Rohstoffe wie Kupfer, seltene Erden und Wolfram. Dennoch droht das EU-Vorhaben an der europäischen Verwaltungsrealität zu scheitern – und an Abfallgesetzen, die eigentlich verhindern sollen, dass giftiger Müll einfach irgendwo entsorgt wird.
Die Warnrufe aus der Wirtschaft werden lauter. In einem aktuellen Positionspapier, das zur Münchner Sicherheitskonferenz MSC veröffentlicht wurde, kritisieren führende Industriekonzerne den aktuellen regulatorischen Rahmen. Er wirke, so die Kritik, eher als Bremsklotz denn als Beschleuniger.
Zu den Konzernen gehören unter anderem der Kupferverarbeiter Aurubis, der Automobilhersteller BMW, der Energiekonzern Eon, der Robotikspezialist Kuka, der Technologiekonzern Heraeus, der Softwareanbieter SAP und der Technologieriese Siemens.
Sie bewerteten eine Auswahl von sechzehn Instrumenten, die in EU-Verordnungen skizziert sind oder in anderen Ländern dabei helfen sollen, die Infrastruktur für das Rohstoffrecycling auszubauen. Organisiert wurde die Bewertung von der Initiative Circular Republic, die Teil des Gründungszentrums UnternehmerTUM ist, zusammen mit dem Bundesministerium für Wirtschaft und Energie und der Deutschen Rohstoffagentur.
Die Ergebnisse der Befragung sind eindeutig: Die EU-Bürokratie verteuere das Recycling und verlangsame das Wachstum dieses Sektors.
Das fordert die Industrie
Die Industrie fordert vor allem die Harmonisierung der End-of-Waste-Kriterien. Sie legen fest, wann ein Material nicht länger als Abfall gilt, sondern als Produkt oder Sekundärrohstoff wieder in Verkehr gebracht werden darf. Für viele Materialien gibt es derzeit keine einheitlichen EU-Kriterien, sondern nur nationale Regeln. Dadurch müssen Unternehmen je nach Land unterschiedliche Vorgaben erfüllen. Das erschwert den Handel mit aufbereiteten Rohstoffen.
„Die EU ist bis heute kein echter Binnenmarkt für Rohstoffe“, sagt Inge Hofkens, die als Vorständin Operations Multimetal Recycling beim Kupferproduzenten Aurubis für die Produktionsstandorte zuständig ist. Jedes Mitgliedsland stufe Materialien anders ein. Insbesondere bei der End-of-Waste-Regelung fehle eine eindeutige Definition. Manche recycelten Stoffe würden als Produkte behandelt, andere würden formal Abfall bleiben – und das erschwere den Transport.
„Beim Elektronikschrott kommt hinzu, dass alle Stoffströme zwischen Mitgliedstaaten für den grenzüberschreitenden Versand notifiziert werden müssen“, sagt sie. Dadurch werde es immer schwieriger, die Materialien überhaupt zu bekommen. „Prozesse, die innerhalb eines Monats abgeschlossen sein könnten, dauern manchmal sechs bis neun Monate.“ Würde Aurubis eine Versandroute ändern, müsste zudem der gesamte Notifizierungsprozess von Neuem gestartet werden.
Ursprünglich wurden Abfallgesetze dafür gemacht, gefährliche Stoffe zu kontrollieren, damit niemand giftigen Müll einfach irgendwo entsorgt. Experten bemängeln jedoch, dass sie zu modernen Kreislaufwirtschaftsmodellen nicht mehr passen.
„Riesige Barriere für die Kreislaufwirtschaft“
So sieht das auch Susanne Kadner von Circular Republic, eine der Autorinnen des Positionspapiers. Sobald ein Produkt kaputtgehe oder nicht mehr nutzbar sei, erhalte es automatisch den Abfallstatus, sagt sie. Und sobald ein Material erst einmal als Abfall gilt, dürfen Hersteller es nur noch unter strengen abfallrechtlichen Auflagen handhaben.
Der Umgang mit eigenen Rücknahmematerialien werde dadurch massiv erschwert, so Kadner. „Das ist eine riesige Barriere für die Kreislaufwirtschaft, weil nur noch zertifizierte Unternehmen – also Recyclingfirmen oder bestimmte Logistiker – diese Materialien handhaben dürfen.“ Wenn Unternehmen bürokratisch daran gehindert werden, ihre eigenen Produkte effizient zurückzunehmen und als Sekundärrohstoffe zu nutzen, würden sich zirkuläre Modelle nicht rechnen.
Ruf nach schnelleren Genehmigungsverfahren
In dem Papier fordert die Industrie zudem schnellere Genehmigungsverfahren. „Wenn man eine neue Technologie implementieren will, dauert es in Europa sehr lange, die Genehmigung zu erhalten“, sagt Hofkens von Aurubis. Im Allgemeinen dauere der Prozess derzeit eineinhalb bis zwei Jahre. „In den USA haben wir die Erfahrung gemacht, dass dies dort deutlich schneller und verlässlicher geht, bei nicht weniger hohen Anforderungen.“
Co-Autorin Kadner sagt: „Die Beschleunigung der Genehmigungsverfahren ist ein absolutes Muss.“ Denn eigentlich sei der schnelle Ausbau der Recyclinginfrastruktur für kritische Rohstoffe möglich, das technische Wissen sei in großen Teilen längst vorhanden: „Doch oft scheitert es an bürokratischen Hürden und den aktuellen Marktverzerrungen.“
Der Verweis auf die Marktverzerrungen zielt auf China. Die Volksrepublik hat über Jahrzehnte den Ausbau seiner Wertschöpfungsketten bei kritischen Rohstoffen staatlich vorangetrieben – vom Abbau über die Raffination bis zur Herstellung von Vorprodukten. Dadurch konnte das Land in vielen Bereichen eine monopolartige Stellung aufbauen, da chinesische Produkte deutlich günstiger sind als westliche.
Europäische Unternehmen griffen bevorzugt zu diesen günstigen Materialien, während heimische Anbieter, die unter marktwirtschaftlichen Bedingungen arbeiten mussten, zunehmend vom Markt verschwanden.
Industrie verlässt sich weiter auf China
Welches Risiko dieses Vorgehen birgt, sollte die Industrie eigentlich bereits gelernt haben: Als China im vergangenen Jahr für zahlreiche kritische Rohstoffe Exportrestriktionen erließ, standen in einigen deutschen Unternehmen wegen Rohstoffmangels zeitweise schon Fabrikbänder still.
Doch offenbar waren die Einschnitte noch nicht groß genug, um ein Umdenken zu bewirken. Großkonzerne würden sich weiterhin häufig primär am günstigsten Preis orientieren, sagt Remloy-Co-Chef David Bender. Die Tochterfirma des Technologiekonzerns Heraeus betreibt in Bitterfeld eine Recyclinganlage für Neodym-Eisen-Bor-Magneten – die derzeit größte in Europa.
Ohne das Interesse großer Konzerne könne eine europäische Lieferkette nicht dauerhaft entstehen, sagt Bender. Deshalb halte er Lösungen wie den in dem Positionspapier geforderten Bürokratieabbau lediglich für „Feel-good-Maßnahmen“. Sie würden zwar helfen, die Kosten zu senken, aber nicht fundamental. Seine Einschätzung: „Dadurch wird kein einziger europäischer Seltenerd-Magnet mehr verkauft als vorher.“ Bender hält eine andere Maßnahme für wirkungsvoller: eine verbindliche Quote für europäisches Material und europäische Verarbeitung.
Auch aus Sicht von H.C.-Starck-CEO Hady Seyeda liegt das Problem nicht alleine bei der Bürokratie. H.C. Starck mit Sitz in Goslar ist einer der führenden Wolframpulver-Produzenten in Europa, hat aber nicht an der Studie teilgenommen.
Die Forderung, das aktuelle Abfallrecht zu kippen, hält Seyeda zwar für richtig. Doch die eigentliche Frage sei: „Warum sollte die Industrie Material kaufen, das teurer ist als das aus China? Sie handelt ja nicht aus Patriotismus, sondern muss ihre Shareholder zufriedenstellen.“
Entweder würden die höheren Kosten beim Endverbraucher landen oder die Politik müsse bessere Rahmenbedingungen schaffen. Bei Wolframpulver gebe es beispielsweise bereits einen Anti-Dumping-Zoll von 33 Prozent. „Solche Zölle sind aber nur dann wirklich wirksam, wenn sie die gesamte Wertschöpfungskette abdecken – also beispielsweise auch die daraus hergestellten Werkzeuge.“
Artikel vom 04.03.2026