Hersteller brauchen Wolfram, doch die Preise steigen rasant

Das rare Schwermetall ist eine kritische Komponente für viele Branchen – von der Bau- bis zur Rüstungsindustrie. Nun haben sich die Wolframpreise vervierfacht. Hält der Trend an?

Wolfram: Die Rohstoffknappheit setzt die Industrie unter Druck. Foto: REUTERS

Innerhalb eines Jahres hat sich der Preis für das Schwermetall Wolfram mehr als vervierfacht. Dabei zählt das extrem harte und hitzebeständige Metall in vielen Branchen wie etwa in der Luft- und Raumfahrt, für Hartmetallwerkzeuge im Bauwesen, in der Rüstungsindustrie oder für Glühfäden in Lampen zum begehrten Rohstoff.

Mittlerweile kostet am Handelsplatz Rotterdam eine metrische Tonne (mtu, Maßeinheit für Masse) des weiß glänzenden Schwermetalls rund 1425 US-Dollar. Noch vor einem Jahr lag der Preis bei rund 343 Dollar pro mtu.

Wolfram zählt zu den Rohstoffen, die China im vergangenen Jahr mit einem Exportbann belegte, um die Versorgung gezielt zu verknappen. Laut der Londoner Denkfabrik IISS stammen 86 Prozent des Schwermetalls aus China. Wie bei vielen anderen kritischen Rohstoffen dominiert die Volksrepublik die gesamte Wertschöpfungskette.

Es sind allerdings nicht allein die Exportkontrollen, die den Preis treiben. Viele Experten gehen von einem anhaltenden Aufwärtstrend aus und kennen dafür gleich mehrere Gründe.

So erwartet etwa Mark Seddon, Metallmarktexperte bei der Preisberichtsagentur Argus Media, beim Schwermetall Wolfram ein weiteres Aufwärtspotenzial. Denn der größte Wolframproduzent China habe derzeit Probleme, die Produktion aufrechtzuerhalten: Die Erzgehalte in den wichtigsten Minen seien gesunken, zugleich würden die Produktionskosten steigen.

In der Folge importiere China „immer größere Mengen“, führt Seddon aus. Bereits im Jahr 2024 hätten sich die Importe verdoppelt, sie dürften 2025 um weitere 60 Prozent gestiegen sein, schätzt er. Obwohl China prozentual die Wolframgewinnung dominiert, ist das Land zeitgleich der weltweit größte Verbraucher des Schwermetalls. Die Volksrepublik fragt 65 Prozent des Rohstoffs selbst nach.

In den vergangenen Jahren spielten Kostenerwägungen bei Chinas Rohstoffprojekten eine eher nachrangige Rolle. So gelang es dem Land seit den 70er-Jahren, seine Marktmacht unter anderem mithilfe staatlicher Subventionen entlang der Rohstoff-Wertschöpfungskette Stück für Stück auszubauen.

Auch der Wissensvorsprung gegenüber der westlichen Konkurrenz nahm zu. Bei einigen Rohstoffen wie etwa bei schweren seltenen Erden, entscheidend für Hochtechnologieanwendungen, gelang es China bei mindestens einem Schritt der Lieferkette, ein nahezu vollständiges Monopol aufzubauen.

China streicht Subventionen

Lewis Black, CEO des Bergbaukonzerns Almonty, weist jedoch darauf hin, dass China im vergangenen Jahr bei Wolfram einen marktwirtschaftlicheren Ansatz gewählt hat. Almonty betreibt eine Wolframmine in Portugal und entwickelt ein Großprojekt im südkoreanischen Sangdong, das im laufenden Jahr in den vollen kommerziellen Betrieb gehen soll.

China habe Subventionen gestrichen. Mindestens fünf chinesische Minen hätten daraufhin schließen müssen, beschreibt er die Entwicklung. Das verschärfe nun den Angebotsengpass weiter. Der Strategiewechsel habe zudem eine weitere Folge. „Wir erleben nach 20 Jahren durch Subventionen künstlich niedrig gehaltener Preise eine Neubewertung der Stückkosten“, sagt Black.

Denn während etwa Zinn einen natürlichen Preisanstieg durch Inflation erfahren habe, sei dieser Effekt bei Wolfram ausgeblieben. Daher komme es jetzt, da das Schwermetall dem freien Markt ausgesetzt sei, zu einem überzogenen Preissprung. Der Rohstoffexperte erwartet mittelfristig daher einen Preis zwischen 1450 und 1550 Dollar. Damit würde der Preis auf dem aktuellen Rekordniveau verharren.

Der Almonty-Chef geht zudem davon aus, dass die Nachfrage nach Wolfram weiter ansteigen dürfte. Treiber der Entwicklung seien Rechenzentren, die Automobilindustrie und der Verteidigungssektor.

Bedeutung für den Rüstungssektor

Wolfram ist extrem hitzebeständig und kommt unter anderem in panzerbrechender Munition und Raketenkomponenten zum Einsatz. Die Nachfrage nach dem Schwermetall wird von den steigenden Verteidigungsausgaben angeheizt, urteilt auch Argus-Experte Seddon. Der Rüstungssektor könnte bis zum Jahr 2037 seiner Ansicht nach sogar zum größten Verbraucher von Wolfram werden.

Problematisch ist dabei eine Auflage Chinas. Laut ihr dürfen verteidigungsrelevante Rohstoffe nicht in den Westen exportiert werden, wenn sie zu sogenannten „Dual-Use-Zwecken“ genutzt werden könnten. Gemeint sind damit Rohstoffe, die sich sowohl zivil als auch militärisch einsetzen lassen. In diese Kategorie entfallen neben Wolfram auch schwere seltene Erden, Germanium, Gallium, Antimon, Grafit, Indium und Molybdän.

Die Nato zeigt sich besorgt: Bereits Ende 2024 hat das Bündnis acht Waffensysteme identifiziert, bei denen die Versorgung mit strategisch wichtigen Rohstoffen als kritisch gilt. Auch Kampfflugzeuge gehören beispielsweise dazu.

Angst, China zu verärgern

Regierungen hätten daher eine berechtigte Angst, nicht mehr an Wolfram zu gelangen, bestätigt Almonty-CEO Black. Denn ohne den kritischen Rohstoff lassen sich weder wichtige Munitionsarten noch Halbleiter herstellen. China zu verärgern, riskiere die Industrie momentan eher nicht.

Weniger defensiv agiert im Vergleich dazu die USA: Derzeit werden dort Pläne für eine internationale Rohstoffallianz geschmiedet, um Chinas Vorherrschaft auf dem Markt zu brechen. Teil der Strategie sollen unter anderem Mindestpreise sein. Zudem will die US-Regierung einen Vorrat an kritischen Rohstoffen anlegen. In einem deutlich langsameren Tempo, aber mit gleichem Ziel verfolgt das ebenfalls die EU. Auch sie beabsichtigt, Vorratslager aufzubauen und zu füllen.

Als westlicher Wolframproduzent dürfte der Bergbaukonzern Almonty davon profitieren. Dennoch will sich Black nicht auf staatliche Maßnahmen verlassen. „Im freien Markt führt kein Weg am Streben nach maximaler Effizienz vorbei“, sagt er. Die neue Mine in Südkorea soll die Konkurrenz – auch aus China – mithilfe von Effizienzvorteilen preislich unterbieten.


Artikel vom 18.2.2025

Quelle: https://www.handelsblatt.com/finanzen/maerkte/devisen-rohstoffe/rohstoff-hersteller-brauchen-wolfram-doch-die-preise-steigen-rasant/100198207.html