Europas Wasserstoffzukunft entscheidet sich jetzt

Zwischen Abhängigkeiten, Regulierung und steigendem Druck aus China: Grüner Wasserstoff wird zur Bewährungsprobe für Europas industrielle und technologische Souveränität

In einer Welt geprägt von geopolitischen Spannungen, volatilen Rohstoffmärkten und wachsender globaler Konkurrenz hängt Europas globale Wettbewerbsfähigkeit zunehmend von einer sicheren, bezahlbaren und unabhängigen Energieversorgung ab. Unsere Energiesouveränität wird zur industriepolitischen Aufgabe, die nicht ohne grünen Wasserstoff zu lösen ist.

Europas Industrie produziert einen Großteil des benötigten Wasserstoffs jedoch nach wie vor überwiegend auf Basis von Erdgas. So bleiben essenzielle Sektoren weiterhin von fossilen Importen abhängig. Die Energiekrise nach dem russischen Angriff auf die Ukraine und die anhaltenden Spannungen im Nahen Osten haben die Kosten und Risiken dieser Abhängigkeit deutlich gemacht. Grüner Wasserstoff bietet die Chance, industrielle Nachfrage künftig stärker aus heimischen und diversifizierten Energiequellen zu decken. Er ist damit eine der wichtigsten Schlüsseltechnologie, um wirtschaftliche Resilienz und Energiesouveränität zu schaffen und so globale Wettbewerbsfähigkeit sicherzustellen. Für Europa geht es dabei nicht nur um Klimaziele, sondern vorrangig um die Frage, wer die Technologie für die Energieversorgung der Zukunft entwickelt, produziert und kontrolliert.

Energiesouveränität braucht technologische Souveränität

Der europäische Wasserstoffmarkt sieht sich zunehmend einem internationalen Wettbewerbsdruck ausgesetzt. Während Europa noch um Marktregeln ringt, baut China seine Wasserstoffwirtschaft sukzessive aus. Staatlich finanzierte Investitionen, günstige Finanzierungskonditionen und gezielte Industriepolitik ermöglichen chinesischen Herstellern Preisstrukturen, die mit marktwirtschaftlichen Bedingungen in Europa häufig kaum vereinbar sind. Europa hat schmerzhaft gelernt, welche Folgen einseitige Abhängigkeiten bei Energie und Schlüsseltechnologien haben können, wie im Falle der Gaslieferungen aus Russland oder der Photovoltaik-Technologie. Wenn wir beim Wasserstoff erneut zulassen, dass zentrale Teile der Wertschöpfung außerhalb Europas entstehen, tauschen wir lediglich alte strategische Abhängigkeiten gegen neue aus. Die Debatte darf deshalb nicht ausschließlich über Anschaffungskosten geführt werden. Wer heute über Wasserstoff entscheidet, entscheidet auch über Versorgungssicherheit, industrielle Wertschöpfung und technologische Resilienz für die kommenden Jahrzehnte.

Europa darf sich nicht im Regelwerk verlieren

Neben dem internationalen Wettbewerb stellt auch die Gesetzgebung einen relevanten Standortfaktor dar. Die EU-Kommission hatte eine Überarbeitung zentraler Produktionskriterien für erneuerbaren Wasserstoff bereits für Juni angekündigt. Der vorgezogene Kurswechsel der EU-Kommission war ein wichtiges Signal, bislang warten Industrie, Investoren und Projektentwickler jedoch noch auf konkrete Ergebnisse. Für eine Branche, die Investitionen in Milliardenhöhe mobilisieren und langfristige Geschäftsmodelle aufbauen soll, ist diese Unsicherheit problematisch, da sie zu weiteren Verzögerungen führt. Auch auf lokaler Ebene stehen konkrete Ergebnisse aus den Reformen des EEG sowie des Netzanschlusspakets noch aus. Europa und Deutschland brauchen keine weiteren Ankündigungen, sondern Entscheidungen. Gerade in der Hochlaufphase ist die Wasserstoffwirtschaft auf Rahmenbedingungen angewiesen, die Investitionen ermöglichen statt verhindern.

Faire Wettbewerbsbedingungen statt Standortnachteil

Ebenso wichtig ist ein klares industriepolitisches Bekenntnis zu europäischer Wertschöpfung. Der Grundsatz „Made in EU“ sollte in Förderinstrumenten und regulatorischen Rahmenwerken konsequent verankert werden. Lokale Wertschöpfung stärkt nicht nur den Wirtschaftsstandort, sondern reduziert auch Abhängigkeiten bei kritischen Technologien. Der Industrial Accelerator Act ist ein Schritt in die richtige Richtung. In seiner jetzigen Form lässt er jedoch zu viele Handlungsspielräume offen, durch die die Förderung für grünen Wasserstoff mitunter komplett umgangen werden kann. Zudem kommt ein Start ab 2028 für einen Markt im Hochlauf zu spät.

Mut zur Souveränität statt neuer Abhängigkeiten

Wer heute in Europa einen wettbewerbsfähigen Wasserstoffmarkt aufbauen will, muss zwei Dinge gleichzeitig schaffen: weniger regulatorische Hürden und faire Wettbewerbsbedingungen. Europäische Unternehmen treten aktuell gegen Anbieter an, die durch massive staatliche Unterstützung in ihren Heimatmärkten abgesichert werden. Aber Europa verfügt auch über die Technologie, die industrielle Basis und die Innovationskraft, um bei grünem Wasserstoff weltweit eine führende Rolle einzunehmen. Entscheidend ist nun, ob Politik und Regulierung den Hochlauf beschleunigen oder weiter ausbremsen. Was jetzt gebraucht wird, sind politischer Wille und der Mut Europas, technologische und industrielle Souveränität aktiv zu verteidigen.